Sie sind hier: Startseite Südbaden Lokale Wirtschaft Kolumne
Weitere Artikel
Kolumne

Sixpack

Okay, Stuttgart 21 ist soweit durch, Herr Geißler kann wieder Gleitschirm fliegen gehen. Chapeau! Aber mal ehrlich – den höheren Spaßfaktor hat doch der Widerstand. Er hat den politischen Sex Appeal.

Auf der Demo ist’s einfach cooler. Spontane Aktionen, riskante Rides zwischen Bauzaun, Bagger und bewaffneten Beamten, das gute Gefühl, mit Gleichgesinnten unter einer Plane dem Wasserwerfer zu trotzen, das sind Momente purer Vitalität in einer sonst eher auf Zimmertemperatur eingestellten Wohlstandswelt.

Auf der anderen Seite die „Befürworter“. Schon das Wort! Man denkt unwillkürlich an ältere Herren in teuren Anzügen an langen Konferenztischen, mit Mikrofonen, Namensschildern und kleinen Graninifläschchen, dazwischen viel Papier. Eigentlich befürworten sie gar nicht selbst, sie lassen befürworten. Durch Sachverständige, Lobbyisten, PR-Berater, Werbeagenturen, Presseabteilungen. Der eigene Name unter einem Aufruf in der FAZ markiert die Obergrenze individuellen Engagements. Besprechungen statt Begeisterung, Powerpoints statt Power.
Solange das so ist, wird der Widerstand gegen „Vorhaben“ als trendige Outdoor-Sportart weiter Freunde finden. Und die müssen gar nicht nach Stuttgart fahren. Mobilfunkmasten, Stromleitungen, Fernstraßen, es gibt immer was zu tun. Sogar im ruhigen Südschwarzwald, wo ein Pumpspeicherkraftwerk entstehen soll, was unter Freunden nachhaltiger Energiewirtschaft als so ziemlich das Grünste gilt, was man sich denken kann.

Vorkenntnisse sind nicht erforderlich. Mittun darf jeder, der das Basispaket an Vorwürfen und Argumenten kennt, mit denen sich jedes Vorhaben wirkungsvoll bekämpfen lässt: Es ist ein handlicher Sixpack, der immer und überall funktioniert, universell wie ein Schweizer Offiziersmesser und selbsterklärend wie eine Büroklammer.

(1) Zur Einstimmung gibt es die „Enthüllung“, das ganze Vorhaben sei profitgetrieben. Dahinter stünden, so das Ergebnis investigativer Recherche, „doch mal wieder nur die wirtschaftlichen Interessen von Unternehmen oder gar Investoren“. In Stuttgart gehe es in Wahrheit um die Spekulation mit teuren Grundstücksflächen, in Atdorf darum, billigen Nachtstrom in teuren Tagstrom zu verwandeln. Dass dort eine Milliarde investiert werden soll und die kaum von gemeinnützigen Vereinen zu bekommen ist, sollte nicht stören.

(2) Unverwüstlich ist auch der Eingriff in Natur und Landschaft, vielleicht das robusteste Gegenargument überhaupt und gegen alles, was einen Bagger braucht. Das liegt daran, dass letztlich die gesamte Menschheit nichts anderes ist als ein gigantischer Eingriff in Natur und Landschaft, jedenfalls, wenn man sie nicht dazu zählt, und niemand abstreiten kann, dass es schöner ist, einen Baum stehen zu lassen als ihn zu fällen.

(3) Für den, der es nicht so mit der Fauna hat, gibt es ergänzend die bedrohte Art. Vom Juchtenkäfer über den Distelfalter bis zur braunfleckigen Beißschrecke, es findet sich fast immer ein Krabbeltier, das gerade da besonders gerne laicht, rammelt, nistet oder zirpt, wo gebaut werden soll. Und da will man doch nicht stören. Wo denn gar keine bedrohte Art aufzutreiben ist, hilft – ausgerechnet! – der Markt (http://www.feldhamsterverleih.de, unbedingt anschauen!).

(4) Dann das Vorhaben selbst. Da sind zunächst die Risiken zu nennen, die „unkalkulierbaren“, was sonst. Ab einer gewissen Vorhabengröße sind sie schlechterdings nicht von der Hand zu weisen. Die Langzeitfolgen der Gentechnik? Unbekannt. Der Elektrosmog? Umstritten. Das Mikroklima? Könnte negativ beeinflusst werden. Kein Staudamm, der bei einem noch nie da gewesenen Erdbeben keine Risse bekäme, kein Tunnelbau, der nicht auf unbekannte Gesteinsschichten stoßen, kein Erdaushub, der nicht belastetes Material zu Tage fördern könnte. Und, ganz wichtig: kein Risiko, für das nicht ein Gutachten aufzutreiben wäre, vom renommierten Professor.

(5) Um auch die unbelehrbar Furchtlosen zu erreichen, werden die technischen Risiken durch die ökonomischen ergänzt: die Kostenexplosion sollte als Gegenargument nicht verschenkt werden. Sie ist immer „absehbar“, man darf nach Belieben und in schrillen Tönen vor ihr warnen, sie ist nach allem, was wir aus vorangegangenen Vorhaben wissen, praktisch fehlprognosesicher, und sie öffnet das Türchen zum beliebten Gesellschaftsspiel „Was man mit all dem Geld sonst noch hätte machen können!“. Wetten, dass da jedem was einfällt? Beruhigend: Nur, wer das Vorhaben wagt, muss die Kosten einhalten, wer es verhindert, muss gar nichts.

(6) Abgerundet wird der argumentative Sechserpack mit allem, was man an knackigen Baustellenemissionen erwarten darf: Lärm, Verkehr, Erschütterungen, Dreck, Staub und Gestank und das alles auf Jahre hinaus. Weil es immer mehr Ältere gibt, die fürchten müssen, der Einweihung bereits von oben zuzuschauen, während ihnen zehn Millionen Lkw allein für den Bauaushub den Lebensabend einzutrüben drohen, und weil es diesen Frohnaturen eher gleich ist, wie ihre Kinder und Enkel einmal leben werden, fällt das Argument auf zunehmend fruchtbaren Boden. Ein demografischer Selbstläufer sozusagen.

Tja. So schaut’s aus, liebe Befürworter. Und jetzt seid Ihr dran.
Wo ist Euer Sixpack?

(IHK/Prof. Dr. Marx)


 


 

Kolumne
Sixpack
Stuttgart 21
Geißler
Widerstand
Demo
Befürworter
Vorhaben
Sechserpack

Passende Artikel suchen

Finden Sie weitere Artikel zum Thema "Kolumne" - jetzt Suche starten:

Kommentar abgeben

Bei einer Antwort möchte ich per E-Mail benachrichtigt werden

 
 

 

Entdecken Sie business-on.de: