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Wie funktioniert "privatisierte Öffentlichkeit" und was hat das Internet damit zu tun?

Netzpolitik-Blogger Markus Beckedahl hat mit seinem Eröffnungsvortrag auf dem Social Community Day in Köln auf die Schattenseiten der Dominanz von Internet-Konzernen wie Facebook oder Google hingewiesen.

“Wie funktionierte früher Öffentlichkeit und wie funktioniert heute noch Öffentlichkeit? Dann gibt es einen Unterschied, ob ich auf einem Marktplatz bin und von meinen Bürgerrechten Gebrauch machen und demonstrieren kann, oder ob ich in ein Einkaufszentrum gehe und dort demonstriere, meine politische Meinung frei äußern möchte und mich mit mehr als drei Leuten treffe. Da kann ich dann sehr schnell vom Sicherheitsdienst des Einzelhändlers vor die Tür gesetzt werden. Wir haben es im Netz mit privatisierten Öffentlichkeiten zu tun, die die Regeln festlegen, wie wir miteinander kommunizieren. Das mag im Moment noch nicht problematisch sein. Aber stellen Sie sich mal vor, mehr als 30 Prozent der deutschen Bevölkerung ist bei Facebook unterwegs, was bedeutet es dann, wenn Algorithmen irgendwelche Postings löschen oder komplette Accounts sperren? Den Grund erfährt man als Betroffener vielleicht nie. Oder wenn unterbezahlte und schlecht gelaunte Mitarbeiter von Facebook im mittleren Westen der USA mit einem dort typischen religiösen Weltbild entscheiden, was an Veröffentlichungen auf Basis der Allgemeinen Geschäftsbedingungen moralisch in Ordnung ist und was nicht”, so Beckedahl.

Und das ist schon heute Realität, wenn etwa Apple Apps aussperrt, weil dort Aktfotos gezeigt und von den puritanischen Sittenwächtern in Cupertino als Pornografie gewertet werden.

Aber wer liest sich die 47-seitigen Geschäftsbedingungen von Facebook schon durch? Fast niemand. Zudem werden sie ständig geändert. “Facebook diktiert die Bedingungen und wir laufen wie die Lemminge hinterher, weil uns ansonsten die Kommunikation mit anderen Menschen verwehrt wird. Das ist ein großes Problem”, sagt Beckedahl.

Und da reicht der Spruch eben nicht aus, dass ja niemand gezwungen sei, bei Facebook und Co. mitzumachen. Die großen Social Networks repräsentieren mittlerweile den größten Teil der Netzöffentlichkeit und wer dort nicht präsent ist, existiert virtuell kaum noch.

Wie geht man mit „privatisierter Öffentlichkeit“ um?

Wie gehen wir also mit dieser privatisierten Netzöffentlichkeit um, die von Konzernen bestimmt wird, auf die wir keinen Einfluss haben? Eine Frage, die auf der netzpolitischen Agenda sehr weit oben stehen muss. Genauso wie die Praktiken der Games-Community. Hier werden Profispieler in so genannten Tribunalen teilweise lebenslänglich verbannt - in der Regel aus niederen Motiven, um Konkurrenten aus dem Feld zu räumen oder sich an Kontrahenten zu rächen. Praktiken wie im Mittelalter oder in römischen Kampfarenen. Als Konsequenz wirkt sich der Bannspruch wie ein Berufsverbot aus. Betreiber und Community spielen Ermittler, Staatsanwalt und Richter in einer Person - ohne Widerspruchsmöglichkeit der Betroffenen, wie Games-Kenner Constantin Sohn in der zweiten Session des Blogger Camps über die AGB-Dikatoren des Netzes schildert. Als Beispiel nannte er League of Legends.

Ein Schauplatz für Gegengewichte sieht Beckedahl in Brüssel. Hier werde gerade eine Datenschutz-Richtlinie verhandelt, die für die Europäische Union gelten soll. Amerikanische Konzerne könnten sich dann nicht mehr in Staaten wie Irland verstecken, um strengere Datenschutz-Regeln zu unterlaufen. Nach Ansicht von Blogger Camp-Mitorganisator Hannes Schleeh wäre das ein probates Mittel, um die amerikanischen Konzerne in ihrer Geschäftspolitik zu zügeln. "Europa ist für Google und Facebook genauso wichtig wie der heimische Markt." Das würde sogar zu Rückwirkungen auf das Datenschutz-Niveau in den USA führen. Bliebe auch die Frage: Wie frei ist die privatisierte und kommerzialisierte Netzöffentlichkeit?

(Gunnar Sohn ne-na.de)


 


 

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