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Mit spitzer Feder (12)

Wo wir Sympathie empfinden übersehen wir gern Missliches...

Wir sind alle korrupt. Nein? Doch! Nein, sind wir nicht! Na gut, aber korrumpierbar, das sind wir. Ganz sicher und alle alle. Wer auch das nicht glaubt, hat vielleicht nur an Geld gedacht (stimmt’s?) und daran, dass er sich nicht für käuflich hält. Ja, Geld kann man in der Tat widerstehen, jedenfalls, wenn man einigermaßen genug davon hat.

Es ist nur so, dass Geld gar nicht oben steht auf der Liste der Dinge, die uns korrumpieren, jederzeit und überall, sondern allenfalls in der Mitte, irgendwo zwischen Macht, Einfluss und Ansehen.

Es gibt härtere Drogen. Solche, die uns noch nicht einmal ein schlechtes Gewissen machen, wenn wir ihnen erliegen, solche, bei denen schon die Versuchung selbst ein Genuss ist, weshalb wir sie nicht meiden, sondern insgeheim suchen. Schönheit zum Beispiel. Oder Charme. Und – praktisch unwiderstehlich – beides zusammen. Wer dagegen immun ist, ist wahrscheinlich gar kein Mensch.

Das ist unter anderem der Grund, warum Justitia („die mit der Waage in der Hand“) gemeinhin eine Binde vor den Augen trägt und warum fortschrittliche Arbeitsrechtler verlangen, das Foto in Bewerbungsschreiben gesetzlich zu untersagen. Wo wir spontane Sympathie empfinden, sind wir unwillkürlich gut gelaunt, denken nur das Beste, übersehen Missliches und verzeihen Schlechtes. Schlimmstenfalls interpretieren wir es einfach um. Ins Positive versteht sich.

Vermutlich dürfte niemand erraten haben, dass wir von Eyjafjalla sprechen, dem Vulkan mit dem putzigen Namen. Der spuckt und raucht, dass es nur so eine Art hat. Richtig launisch, könnte man sagen. Die Rauchsäule, zeitweise bis zu zehn Kilometer hoch: eindrucksvoll. Die glühenden Magmamassen vor dem Nachthimmel: eine Farbenpracht. Die ganze Szenerie ein Schauspiel von wilder Schönheit und unbändiger Kraft. Ja so ist sie, die Natur. Groß, wild, schön. Und gut.

Nur Schönheit und Charme der Natur können erklären, warum die Folgen des Vulkanausbruches kaum Verdruss, dafür aber so viel gute Laune gemacht haben. Was war schon der Ärger über geschlossene Flughäfen gegen das Glück der in den Anflugschneisen lebenden Familien in ihren blühenden Gärten, die sie nach Jahren hinter Schallschutzfenstern zum ersten Mal wieder zum Grillen nutzen durften? Zurückgegeben hat sie ihnen die Natur, festgehalten haben es zahlreiche Fernsehteams für die abendlichen Nachrichten. Der O-Ton dazu: „Das Lachen der Kinder, das Klingeln ihrer Fahrräder, das Zwitschern der Vögel ist zurückgekehrt!“.

Böse Flieger, gute Natur. Geradezu aufgekratzt war die Stimmung unter den Pauschaltouristen, die seit Tagen fröhlich auf ihren Feldbetten in Abflughalle B saßen,  internationalen Journalisten bereitwillig Interviews gaben, der bleiernen Langeweile ihres Katalogurlaubs entronnen und um das Gefühl bereichert, richtig zu leben. Der gecancelte Rückflug vom Mallorcaurlaub – ein Klacks gegen den Gewinn, endlich einmal etwas zu erzählen zu haben. Danke Eyjafjalla!

Lehrer berichteten euphorisch von zehn Minuten ununterbrochener Aufmerksamkeit im Klassenraum. Thema: Vulkane. Flughafengegner schalteten Anzeigen. Tenor: So schön könnte es immer sein. Millionen hoffen noch immer klammheimlich auf Katla, die große Schwester von Eyjafjalla. Wäre doch toll, wenn sie auch noch ausbräche. Und zwar so richtig heftig. Die wirtschaftlichen Folgen? Stehen im Wirtschaftsteil.

Dabei gäbe es noch so den ein oder anderen Gedanken, der sich bei der Gelegenheit auch noch denken ließe. Etwa, dass es nicht ohne Komik ist, wie die kleinen Menschen emsig ihre Rußpartikelfilterchen bauen, von Euro 5 zu Euro 6 eilen, Feinstaub messen, Innenstädte sperren und noch den heimischen Kachelofen als potenziellen Feind der Atmosphäre enttarnen – und wenn die gute Erde nur ein Mal rülpst, verdunkelt sich innerhalb von Tagen der Himmel über halb Europa.

Aber bitte, das ist natürlich etwas anderes und nicht vergleichbar und auf jeden Fall gilt für Mutti Natur die Unschuldsvermutung: Wir wissen es nicht genau, aber in der Zeitung steht „Vulkanasche als Feinstaub nicht so gefährlich“. Na prima. Wir hätten uns eh nicht gefürchtet. Ist doch reine Natur.

Noch ein unfrisierter Gedanke? Man stelle sich vor, dieselbe Emission – zehn Kilometer Rauchsäule, Europa mit Ruß überzogen, Landwirtschaft in Gefahr, Flugverkehr am Boden – dieselbe Emission wäre Folge der Explosion einer industriellen Anlage. Es wäre wohl so etwas wie der gefühlte Weltuntergang, der Vorgeschmack des Endes. Die  Verantwortlichen würden auf ein paar Milliarden Schadensersatz verklagt. Die Politik riefe nach Konsequenzen. Der Beitrag über das Lachen der Kinder schaffte es nicht einmal in die Redaktionskonferenz, dafür berichteten Anwohner vor laufender Kamera von Kopfschmerzen und Schwindelgefühlen, Notare von einer erhöhten Nachfrage nach Testamenten.

Wissenschaftler rechneten uns vor, dass es mindestens 137 Jahre dauere, bis sich die Atmosphäre vollständig erholt haben werde und dass sich die Rußpartikel bereits in der Muttermilch nachweisen ließen. Mit der Natur sind wir da nicht so. Man kann ihr einfach alles verzeihen. Mehr noch, man muss sie lieben, in ihrer ganzen faszinierenden Schönheit.
Sie ist aber auch wieder unverschämt schön. Und charmant. Gerade jetzt, im Mai.

(IHK/Prof. Dr. Marx)


 


 

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