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Stille Reserven

Dass man sie nicht hören oder sehen kann, ist kein Manko, sondern gewollt. Stille Reserven funktionieren wie ein Fettpolster hinterm Waschbrettbauch – vorne nichts zu sehen und hinten Speck für Monate.

Freunde der kreativen Rechnungslegung wissen, wie man sie aufbaut und hegt. Und wie man sie vor ihrer größten Bedrohung bewahrt, der Auflösung. Ihr Einsatzgebiet ist aber nicht auf die Buchhaltung beschränkt.Stille Reserven gibt es praktisch überall. Es ist nicht einmal
übertrieben zu sagen, dass die Bildung stiller Reserven tief in der menschlichen Natur verankert ist. Wer zum Beispiel sein Licht unter den Scheffel stellt, bildet eine kommunikative stille Reserve. Er genießt das Gefühl, wenn’s drauf ankommt viel mehr halten zu können als er versprochen hat. Wer sein Auto in der stärkeren Motorvariante, aber ohne Typenschild bestellt, tickt ähnlich. Und die bei Deutschen so beliebten Konten in der eidgenössischen Nachbarschaft sind nur vordergründig steuertechnisch motiviert. Tatsächlich geht es um das gute Gefühl, einen Schatz verbuddelt zu haben, von dem kein anderer weiß. Alles spricht dafür, dass es sich dabei weniger um ein wirtschaftliches als vielmehr um ein psychosoziales Phänomen handelt. Viel wichtiger als der reale Zugriff auf eine stille Reserve ist nämlich der hypothetische – das Bewusstsein, sie jederzeit auflösen zu können, wenn man denn nur wollte. Das erklärt auch, warum es dazu so selten kommt. Es ist einfach zu schön, von ihrer Existenz zu wissen. Es ist der Rumpelstilzchenfaktor.

Genetisch gibt es Parallelen zur DNS-Struktur des Eichhörnchens, das bekanntlich immer mehr Eicheln vergräbt, als es sich Standorte merken kann, was angeblich zum Entstehen ganzer Wälder beigetragen haben soll. An dieser Stelle abermals an die Vermögen auf Schweizer Nummernkonten zu erinnern, wirkte vielleicht etwas aufdringlich.
Durchaus aufschlussreich ist aber der Blick auf ein ganz anderes Feld, dessen Charakter als stille Reserve bislang völlig übersehen wird. Wir sprechen vom so genannten Krankenstand. Wenn wir alle ein wenig kränker wären als wir wirklich sind, dann wäre das volkswirtschaftlich, genau, eine ungeheure stille Reserve. Wir könnten, sollte Not am Mann sein, unser Bruttosozialprodukt gleichsam ruckartig zunehmen und unsere globalen Wettbewerber alt aussehen lassen, indem wir von heute auf morgen nur noch dann der Arbeit fernblieben, wenn uns tatsächlich etwas fehlte.

Aber der Reihe nach. Statistisch gesehen ist mehr als die Hälfte aller Beschäftigten nicht so richtig gesund. Nach Ansicht der Kölner Sporthochschule sind gar nur 14 Prozent aller Deutschen rundum fi t. Allein 43 Prozent, so berichtet die AOK, wurden im ersten Halbjahr 2010 mindestens einmal krank geschrieben. Besonders heimtückisch sind so genannte Kurzzeiterkrankungen von ein bis drei Tagen. Die am Wochenanfang und an Brückentagen beliebten „Kurzzeitfälle ohne Krankschreibung“ kommen noch dazu. Die krankheitsbedingte Absenz deutscher Arbeitnehmer addiert sich so leicht auf zwei bis drei Wochen pro Mann und Jahr.

Der Verdacht, dass hier eine stille Leistungsreserve schlummert, erhärtet sich zwanglos mithilfe der „Fürstenberg-Performancestudie 2010“, für die das renommierte Forsa-Institut die noch am Arbeitsplatz Verbliebnen befragt hat. Hier das Ergebnis in natürlich unzulässiger Kürze: Deutsche Arbeitnehmer haben‘s schwer. 54 Prozent laborieren an körperlichen Malaisen, 53 Prozent haben psychische oder soziale Probleme und 41 Prozent private oder familiäre Sorgen.
Weil sich das auf 148 Prozent addiert, muss man von zahlreichen Doppel- und einigen Dreifachbelastungen ausgehen, während offen bleibt, ob es für die Kategorie zufrieden-gesund-und-glücklich überhaupt Nennungen gibt. Gleich 60 Prozent aller Befragten gaben jedenfalls an, sich „durch die Bedingungen an ihrem Arbeitsplatz belastet zu fühlen“, was, wie die Studie aufdeckt, nicht nur auf Über-, sondern auch auf Unterforderung und in beiden Fällen auf unzureichende Anerkennung zurückgehen kann.

Mit wissenschaftlicher Kühle hat schließlich das Hamburger Weltwirtschaftsinstitut HWWI den volkswirtschaftlichen Schaden aus dieser universellen Tristesse errechnet: Um 15 Prozent bleibe der Output hinter dem zurück, der erzielt werden könnte, wenn alle mit voller Kraft bei der Sache wären. Was einer nicht realisierten Produktion von 262,35 Milliarden Euro entspreche. Schade auch.
Erst auf den zweiten Blick erkennt man die gute Botschaft dahinter: In den Millionen rätselhafter Kurzzeiterkrankungen und schwer erklärbarer Montagsabsenzen, in der epidemischen Trübsal der noch am Arbeitsplatz müde vor sich hin Googelnden und – sollte das nicht reichen – in europaweit fast einzigartigen 30 Urlaubs- und 10 Feiertagen neben den 52 Wochenenden bei durchschnittlich 38,35 Arbeitsstunden schlummert eine galaktische stille Reserve volkswirtschaftlicher Leistungskraft. Würden wir auch nur einen Bruchteil davon auflösen, sollte – Chinesen aufgepasst! – ein zweistelliges Wirtschaftswachstum kein ernsthaftes Problem sein. Aber wie gesagt – das gute Gefühl hat man halt nur so lange, wie man die Reserve da belässt, wo ihr Name herrührt: im Stillen. Chinesen dürfen sich wieder entspannen.

(IHK/Prof. Dr. Marx)


 


 

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