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Mit spitzer Feder (3)

Life Time Guarantee!

Wolken sind so ein Fall. Schon das Wort suggeriert ein fixes Ding. Die Bilder von Wolken am Himmel, wie sie Kinder malen, wie man sie mit einem Blick nach oben einfängt oder auf Fotos abspeichert, tun ein Übriges. Wir stellen uns etwas vor, was es gar nicht gibt: Wolken mit einer festen Form, die allenfalls vom Wind ein bisschen hin und her geschoben werden. Erst der Zeitraffer im Film beweist, dass eine Wolke nie dieselbe, sondern immer in Bewegung ist – entweder im Aufbau oder in der Auflösung. Bei Gletschern ist das auch so, bei Pflanzen ist das so, an der Börse oder bei dem Gesicht, das uns morgens im Spiegel anschaut: Alles ständig in Bewegung. Höflich ausgedrückt!

Es ist jetzt nicht so, dass Menschen das nicht wüssten. Wohl aber so, dass es ihnen nicht unbedingt Freude macht. Weshalb sie immer mal wieder einen Anlauf nehmen, die Zeit, die nur ein Synonym für Veränderung ist, aufzuhalten.

Den Film zu stoppen.

Gerne, wenn es gerade am schönsten ist. Klick. Fertig ist die Momentaufnahme. Und so soll es bitte bleiben.

Grob kann man sagen, dass es für den Aufstand gegen die Zeit zwei Techniken gibt:

Die erste setzt auf besonders stabile Konstruktionen. Bei den Pyramiden von Gizeh etwa hat das ein paar tausend Jahre funktioniert, war aber sehr aufwendig und teuer und ist deshalb für den allgemeinen Hochbau nicht hilfreich.

Die zweite Technik ist der repetitive Eingriff zur Wiederherstellung des status quo ante. Was sich verändert hat, wird einfach wieder hergestellt. Schönheitschirurgen arbeiten nach diesem Prinzip. Vor- und Nachteile lassen sich an den Ergebnissen studieren, in BUNTE oder anderswo. Am Ende gewinnt immer die Veränderung. Wirtschaft gehört auch zu den Gebilden, deren ständiger Wandel nicht bloße Attitüde, sondern Grundprinzip ist. Und auch hier ist es so, dass das eigentlich alle wissen. Und dass es nicht immer und nicht allen Freude macht. Weil das Bessere des Guten Feind ist, weil jede neue Technologie eine alte sterben lässt, weil Mode davon lebt, dass das bisherige alt aussieht, weil Marktsättigung leicht zu Überproduktion führt, weil auch erfolgreiche Geschäftsmodelle in die Jahre kommen und überhaupt, weil die Konjunktur mal nach oben geht und mal nach unten, aber eben nie stillsteht. Da verdrängt dann das Mobiltelefon den Festanschluss, der Flachbildschirm die Röhre, das Ökoauto den Spritschlucker. Auf den Aufschwung folgt der Abschwung, auf die Hausse die Baisse . Eigentlich gibt es da von staatlicher Seite nichts zu tun. Abgesehen von der Unterstützung der Menschen, die sich in diesem permanenten Wandel ökonomisch und sozial behaupten müssen. Eigentlich. Wäre da nicht die Nostalgie, die Liebe zu gestern. War doch alles so schön bisher. Hätte doch so bleiben können. Das Kaufhaus mit seinen Rolltreppen, der Quellekatalog mit tausend Seiten. Die Spielzeugeisenbahn, das Feinrippunterhemd, das gute Porzellan, das „Fix und Foxi“-Heft. Kann doch nicht alles schon wieder vorbei sein.

„Arbeitsplätze retten“ heißt denn auch das unverdächtige Motiv, wenn es darum geht, ein Unternehmen am Leben zu erhalten, das sich, warum auch immer, aus eigener Kraft am Markt nicht mehr behaupten kann. Millionen aus dem Staatshaushalt sollen aufhalten, was früher oder später ohnehin passiert. Der Wirkungsgrad solcher Interventionen liegt im langjährigen Mittel etwa auf dem Niveau von Antifaltencremes.

Noch etwas darunter muss der Versuch angesiedelt werden, faktische Veränderungen am Arbeitsmarkt durch gesetzliche Vorgaben wegzuregeln. Hierher gehört der flächendeckende Mindestlohn . Gab es vor einigen Jahrzehnten noch reichlich Arbeit für die damals so genannten „ungelernten Arbeiter“, gehen die Chancen dieser Gruppe aktuell gegen Null. Überraschend: Auch die Umbenennung in „gering Qualifizierte“ hat daran nur wenig ändern können. Tatsächlich hilft gegen den Wegfall einfacher Tätigkeiten durch Automatisation und die Konkurrenz aus Drittländern nur eines: die Qualifizierung jedes Einzelnen. Gesetzlich festzulegen, dass jedwede Arbeit ungeachtet ihrer Produktivität einen Lebensunterhalt erbringen müsse, wenn sie nur 35 Stunden im Monat ausgeübt werde, hat dagegen den Charme eines Schlechtwetterverbots zur Förderung der Freizeitwirtschaft.

Ein allgemeines Insolvenzverbot für Unternehmen läge in derselben Logik. Ein „Mindestgewinnerzielungsgesetz“ für Einzelunternehmer wäre eigentlich schon aus Gründen der Gleichbehandlung angezeigt. Oder sollte nicht auch jeder Unternehmer von seiner Hände Arbeit ohne staatliche Unterstützung leben können? Platz eins auf der Hitliste der Veränderungsverweigerer gebührt – bis auf weiteres – dem deutschen Bundestag für die Verabschiedung der so genannten Rentengarantie. Sie schließt für alle (!) Zukunft Rentenkürzungen aus. Das ist eine lange Zeit. Die Regelung, so der zuständige Minister, ändere nichts an der Rentenformel, die Ruhestandsbezüge folgten weiterhin der Wirtschaftsentwicklung und den Löhnen. Sie stelle „nur sicher, dass es nicht abwärts geht“. Das Ding ist definitiv verallgemeinerungsfähig.

Wo bleibt das Gesetz, das bestimmt, dass es nirgendwo und nirgendwann mehr abwärts geht? Warum nicht gleich verordnen, dass alles – mindestens – so gut bleibt wie es ist? Damit hätten wir dann auch die Polkappen am weiteren Schmelzen gehindert. Ach, und wenn’s nichts ausmacht, bitte noch eins für „immer weiße Weihnachten“. In der Denke des Gesetzgebers sollte das kein Problem sein: Besonders warme Winter müssen nur mit fiktiven, besonders kalten in irgendeiner Zukunft verrechnet werden. Voilà.

(IHK/Prof. Dr. Marx)


 


 

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