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Interview Wolfgang Brucker

"Herrenknechts Äußerungen sind durchaus ernst zu nehmen"

Nachdem bekannt wurde, dass sich Martin Herrenknecht (68) mit seiner Tunnelbaufirma aus Schwanau zurückziehen will, herrscht große Verunsicherung in Südbaden. Herrenknecht droht mit der Abwanderung des Firmensitzes, sollte es zu einem endgültigen Baustopp des Bahnprojekts Stuttgart 21 kommen. business-on.de befragte den Bürgermeister der Gemeinde Schwanau, Wolfgang Brucker zur möglichen Abwanderung Herrenknechts.

business-on.de: Herr Brucker, Sie sind Bürgermeister der Gemeinde Schwanau. Wie schätzen Sie persönlich die Äußerungen von Dr. Martin Herrenknecht ein? Wie ernst nehmen Sie seine Drohungen, den Firmensitz nach Bayern oder gar ins Ausland zu verlagern?

Wolfgang Brucker: Die Äußerungen nehme ich, wie jede Äußerung von Herrn Herrenknecht oder anderen Unternehmern, ernst. Insoweit schätze ich diese Äußerung auch als ernst zu nehmend und nicht einer Laune entspringend ein.

business-on.de: Dr. Martin Herrenknecht droht mit der Verlagerung seines Firmensitzes, jedoch nicht der Produktionsstätte. Wären dennoch Arbeitsplätze in der Gemeinde Schwanau in Gefahr?

Wolfgang Brucker: Bei der Verlagerung des Firmensitzes an einen anderen Standort geht es in der Tat nicht um die Verlagerung der Produktion und damit um die Verlagerung aller Arbeitsplätze. Es geht dabei - soweit bekannt - damit einhergehend um die Verlagerung sehr weniger Arbeitsplätze, wobei uns jeder Arbeitsplatz am Standort Schwanau wichtig ist.

business-on.de: Welche wirtschaftlichen Auswirkungen hätte die Abwanderung der Herrenknecht AG, eines der wichtigsten Unternehmen der Region Südbaden, für die Gemeinde Schwanau?

Wolfgang Brucker: Die Verlagerung des Gesamtbetriebes hätte sehr hohe Gewerbesteuerausfälle zur Folge. Mit dem Wegzug der Mitarbeiter, die ja mit dem Unternehmen gehen müssten, hätte dies auch Auswirkungen nicht nur auf das Gemeindeleben bei uns, sondern auch in anderen Gemeinden in der Umgebung.

"Herr Herrenknecht ist mit Schwanau und der Region verwurzelt"

business-on.de: Sie als Bürgermeister sind ja sicher auch um das Wohl Ihrer Bürger bemüht. Herr Herrenknecht galt bisher als bodenständiger Unternehmer, droht aber nun mit der Verlagerung seines Firmensitzes, sollte er den Großauftrag verpassen. Verspüren Sie nun ein wenig Ärger oder gar Zorn über seine Drohungen?

Wolfgang Brucker: Natürlich sorgen solche Äußerungen für Unruhe in der Gemeinde, weil ja auch viele unserer Bürgerinnen und Bürger bei der Herrenknecht AG beschäftigt sind. Herr Herrenknecht war, ist und bleibt ein bodenständiger Unternehmer. er ist mit Schwanau und der Region verwurzelt und verbunden und er bleibt es auch. Das gilt auch für den Fall, wenn er den Firmensitz verlegen sollte. Da ich darum weiß, verspüre ich weder Zorn noch Verärgerung über seine Äußerungen

business-on.de:  Anfang Mai wurde bereits die private Vermögensverwaltung-GmbH Herrenknecht aus steuerlichen Gründen von Schwanau nach Rust verlegt. Können Sie bereits absehen, welche Auswirkungen die Verlegung auf die Gemeinde Schwanau hat?

Wolfgang Brucker: Die Auswirkungen sind von untergeordneter Bedeutung, soweit können wir das schon jetzt sehen.

"Bei einem Scheitern des Projektes Stuttgart 21 ist die Frage zu stellen, warum das Projekt gescheitert ist."

business-on.de: Sehen Sie eine Möglichkeit, dass Dr. Herrenknecht seine Meinung ändert, sollte das Bahnprojekt Stuttgart 21 wirklich scheitern?

Wolfgang Brucker: Wir wissen, dass Herr Herrenknecht zu dem steht, was er einmal gesagt hat. Von daher gehe ich davon aus, dass er auch zu diesen Äußerungen stehen wird. Diese Geradlinigkeit ist ja auch eines seiner Markenzeichen. Im Übrigen stellt sich diese Frage ja erst dann, wenn klar ist, wie es mit dem Projekt weiter geht. Bei einem Scheitern des Projektes ist ja dann auch noch die Frage zu stellen, warum das Projekt gescheitert ist.

business-on.de: Haben Sie als Bürgermeister der Gemeinde Schwanau Einfluss auf seine Entscheidung?

Wolfgang Brucker: Auf die unternehmerischen Entscheidungen habe ich keinen Einfluss. Unternehmer treffen ihre Entscheidungen aus ihrer Sicht auf das Unternehmen und die jeweilige Entwicklung. Dazu gehören wirtschaftliche Fragen genauso wie auch Fragen des Standortes oder der Marktentwicklung.

business-on.de: Stehen Sie in einem ständigen Austausch mit Herrn Dr. Herrenknecht?

Wolfgang Brucker: Selbstverständlich stehen wir in einem regelmäßigen Austausch. Schließlich ist es für uns alle wichtig, die Entwicklung der Herrenknecht AG zu kennen und auch für entsprechende Entscheidungen, wie z.B. die Weiterentwicklung des Gewerbegebietes, vorbereitet zu sein. Wir pflegen diesen Austausch und wir schätzen beiderseits den direkten Kontakt und das persönliche Gespräch.

business-on.de: Ihre ganz persönliche Meinung: Hätten Sie Verständnis für die Verlagerung des Firmensitzes ins Ausland, sollte Stuttgart 21 scheitern?

Wolfgang Brucker: Aus der persönlichen Empfindung und Einschätzung der Gesamtgemengelage, die einer solchen Entscheidung von Herrn Herrenknecht zugrunde liegen würde, hätte ich durchaus Verständnis für einen solchen Schritt.

"Bei Stuttgart 21 geht es um ein wichtiges Infrastrukturprojekt."

business-on.de: Wie stehen Sie persönlich dem Thema Stuttgart 21 gegenüber? Sind Sie für oder gegen einen endgültigen Baustopp?

Wolfgang Brucker: Bei Stuttgart 21 geht es um ein wichtiges Infrastrukturprojekt mit Bedeutung für Baden-Württemberg und weit darüber hinaus. Ein Projekt, das durch mehrfache Beratungen und Beschlüsse im Stadtrat der Stadt Stuttgart, im Landtag von Baden-Württemberg und im Bundestag demokratisch und nach den Regeln unseres Rechtsstaates legitimiert ist. Dazu kommen noch einige Urteile quer durch die Instanzen, die das Projekt und seine Planung bestätigen.

Die positive Einbindung der betroffenen Bürgerinnen und Bürger in Stuttgart und an der Neubaustrecke nach Ulm ist eindeutig nicht optimal gelaufen. Da hätte man sich ohne große Mühen an anderen Großprojekten ein Beispiel nehmen und umsetzen können. Da sind wir durch dieses Projekt sicher in der Betrachtung und Umsetzung von Großprojekten an Erkenntnissen reicher geworden. Mit der sogenannten Schlichtungsrunde mit Herrn Dr. Geißler konnte sicher auch dazu etwas beigesteuert werden.

Unter Berücksichtigung all dieser Dinge und auch aus grundsätzlichen Erwägungen, halte ich einen endgültigen Baustopp von Stuttgart 21 für nicht angemessen und bin gegen einen solchen Baustopp.

(Helen Breidenbach)


 


 

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