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Mit spitzer Feder (9)

XXL

Dass die Menschen immer rundlicher werden, ist heute eher ein Problem des staatlichen Gesundheitswesens. Für den Einzelnen hat sich der Leidensdruck fast gänzlich verfl üchtigt, nachdem sich die Gesellschaft entschieden hat, jedweder Diskriminierung den Kampf anzusagen.

Im modernen Kindergarten mit Nachhaltigkeitscommitment, Ethikstuhlkreis und Werteleitbild wird die Reise nach Jerusalem längst mit einem überzähligen Stuhl gespielt und im Lehrplan der nachfolgenden Schulzweige hat das Antimobbing gespräch einen festen Platz, noch bevor es auch nur zur ersten Rangelei kommt. So muss denn auch das so genannte Dickerchen nicht mehr um Ausgrenzung fürchten. Schade nur, dass unter all dem freundlichen Verständnis mitunter die Motivation leidet, etwas gegen diesen bewegungshindernden Zustand zu tun. Und schade auch, dass es so immer mehr werden, die im Querformat die (westliche) Welt bevölkern. Aber immerhin eine Erklärung.

Rätselhaft dagegen ist, warum auch die Welt der Artefakte immer fetter wird. Wer mehr als ein oder zwei Jahrzehnte dabei ist, wird sich erin nern, dass in all diesen Jahren die Getränke, vom Mineralwasser über die Limo bis zum Saft, gerne und gut in der 0,7 Liter-Brunnen einheits fl asche vom Abfüller zum Kunden reisten. Die smarte Dame, mit einer attraktiven Taille zum Greifen versehen und mit 230 Glasnoppen darüber geschmückt, war als „Perlenflasche“ das Standardgebinde schlechthin. Sie gehörte allen und niemandem und lief lange vor Umweltdebatte und Dosenpfand unermüdlich zwischen Quelle und Kühlschrank hin und her. Vielleicht ist sie deshalb so schlank.

Selbst den Attacken der EU, die vorübergehend dem Hirnfurz erlegen
war, eine Flasche dürfe nur 0,5 oder 0,75 oder einen Liter enthalten, hat sie sich erfolgreich widersetzen können. Nicht aber dem Trend. Und der geht nun mal zum Fetten hin. Heute ist die 1,5 Liter Pet-Flasche, ein unförmiges, dickliches, bleischweres Riesending ohne Figur und ohne jeden Charme, omnipräsente Normalität. Der Himmel weiß, warum. Dass niemand eine solche Menge in kurzer Zeit in sich hineinfüllen kann und dass der Inhalt fade und die Flasche weich wird, wenn man es nicht tut, wen stört’s. Ob sich die Form der Flasche dem Menschen angenähert hat oder umgekehrt der Mensch der Flasche, kann offen bleiben. Hauptsache groß, viel, dick.

Der moderne Kühlschrank hat derweil zur zweitürigen Schrankwand mutiert. Zumindest das macht Sinn. Schließlich sieht es drum herum nicht anders aus. Ein Glas mit Honig oder Marmelade hatte mal 250 Gramm. Ein Gebinde mit eineinhalb Pfund der bei Kindern beliebten Nusscreme wäre noch vor Jahren allenfalls als Scherzartikel durch gegangen. Heute darf es im Supermarktregal nicht fehlen. „Sondereditionen“ erreichen auch schon mal ein oder zwei Kilo. Wer zum Teufel isst ein Kilo Nutella?

Jedenfalls nicht die große Kinderschar. Die Geburtenrate deutscher Damen liegt bekanntlich bei 1,34. Kleine Steigerungen in der zweiten Nachkommastelle konnten auch durch fiskalische Anreize nur vorübergehend bewirkt werden, Tendenz leider negativ. Das ist traurig. Richtig hoffnungsvoll dagegen ist die Entwicklung der Sitzplätze unserer Autos. Noch nie in der Geschichte unseres liebsten Industrieproduktes gab es so viele Wagen mit sieben Sitzen wie heute. Praktisch jeder Hersteller hat ein Modell im Programm. Alleinerziehende VAN- und SUVPiloten können so ihre quengelnde Plage um bis zu drei Sitzreihen
weiter nach hinten versetzen, wenn sie nervt, während sich Opa noch daran erinnert, wie man mit vier Geschwistern und Gepäck im VW Käfer den Gardasee eroberte. Ist das irgendwie erklärbar? Es ist nicht.

Immerhin passt dazu, dass viele Mobile so breit geworden sind wie die Reifen, auf denen sie stehen und dass auch hier ein Ende des Trends nicht abzusehen ist. Das nächste Modell wird stärker. Und breiter. Limitierend könnten allenfalls Autoreisezüge, Fähren und Parkhäuser wirken, die sich nicht so schnell an die neuen Hüftmaße anpassen lassen. Spätestens wenn der Fahrer nicht mehr aussteigen kann, weil der verbleibende Türspalt und sein eigener Umfang negativ korrelieren, leidet der versprochene Komfort. Bleibt zu hoffen, dass wenigstens die Normgarage dem Erwartungsdruck nach neuen Maßen standhält. Wahrscheinlich ist das aber nicht, wurden doch die Konfektionsgrößen der Menschen bereits angepasst, nachdem eine Reihenmessung des
Textilforschungszentrums Hohenstein an 13.000 Personen ergeben
hat, die Deutschen würden „immer gerader“ und „die Taille verschwinde“. Pet-Flaschen eben.

Was dem bewegungsarmen Menschen der Body-Mass-Index, ist der Glotze die so genannte Bildschirmdiagonale. Mit dem kleinen Unterschied, dass es für ersteren Empfehlungen gibt, was noch als gesund zu gelten habe, für letztere dagegen nicht. War es zumindest in intellektuellen Kreisen noch bis vor kurzem peinlich, mehr als einen Meter der heimischen Wohnzimmerwand der schnöden Unterhaltungselektronik zu widmen und wurde individuelle Kaufkraft nicht durch die Größe des Bildschirms, sondern durch Wahl einer dänischen Marke demonstriert, so darf heute ohne Übertreibung von einem Paradigmenwechsel gesprochen werden. Nicht mehr der Bedarf des Nutzers, nicht mehr der Designanspruch von B&O, sondern der Stand der Technik definiert die Größe des Bildschirms: Was machbar ist, wird gemacht und seien es drei Meter. Für den Transport zum
Kunden empfi ehlt sich eine Möbelspedition. Es ist wohl ein Megatrend. Ob er ein natürliches Ende hat, einen oberen Totpunkt, weiß keiner. Werden wir in naher Zukunft mit noch weniger Kindern in Neunsitzern fahren, aus Drei-Liter-Flaschen trinken, fünf Kilo Nutella futtern und auf Zehn-Meter- Bildschirme glotzen? Oder gibt es doch irgendwo eine Grenze? Der Vernunft vielleicht. Oder der Ästhetik. Oder der Ethik oder
auch der Ökonomie? Es darf gewettet werden. Wir bitten um Wiedervorlage in zwei Jahren.

(IHK/Prof. Dr. Marx)


 


 

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