Südtiroler Köpfe
Burgherr Siegfried de Rachewiltz
Dorf Tirol / Südtirol. Schon allein Siegfried de Rachewiltz reden zu hören, ist ein Erlebnis für sich: In Nebensätzen zitiert er Schelling und Homer, kommt dazwischen immer wieder auf seinen Großvater Ezra Pound, schneidet wissenschaftliche Diskurse kurz an, driftet in die griechische Mythologie ab.
Er erwähnt Hesiod, wirft kultur- und literaturgeschichtliches Wissen ein und kommt am Ende seiner rhetorischen Ausflüge immer wieder auf den Ausgangspunkt zurück, den man als Zuhörer schon fast vergessen hat. Er schlägt das linke Bein über das rechte und greift kurz an die Brille, die um seinen Hals hängt.
Wir sitzen in einem Turmzimmer oben auf der Brunnenburg, die am Hang steht zwischen Dorf und Schloss Tirol, oberhalb von Meran. Siegfried de Rachewiltz versinkt in einem Sessel zwischen Holzplanken und Büchern. Durch ein Fenster sieht man die Wolken ziehen. Dann sagt er: „Ich habe immer gesagt: Ich will einmal mit einem Harvard-Doktortitel Ziegen hüten“, und grinst verschmitzt. „Was ich damit meine ist, dass ich gerne meinen intellektuellen Interessen nachgegangen wäre, ohne dabei eine Karriere oder ein Geschäft daraus zu machen, also mir gerne die Freiheit eines Ziegenhirten beibehalten hätte.“
Als habilitierter Geisteswissenschaftler und Enkel des umstrittenen Schriftstellers Ezra Pound, Burgherr der Brunnenburg und Direktor von Schloss Tirol hat de Rachewiltz viele Zugänge zum Schöngeistigen. Aber ein Schöngeist sei er vor allem, sagt er und schlägt das rechte über das linke Bein, „weil ich mir den freien weiten Horizont erhalten habe und die Freude am Spielerischen. Wir alle brauchen eine Spielwiese für den Geist.“ De Rachewiltz ist eine zierliche Erscheinung, die Haare dunkelgrau, und es ist sehr schwer, sein Alter zu schätzen.
Sein ganzes Leben ist von internationalen Einflüssen geprägt. Bereits mit 16 Jahren ging de Rachewiltz nach Kalifornien an die Highschool, und dort wurde seine Begeisterung für das Geistige entfacht, die ihn weiter nach New Jersey, Bologna und Harvard führen sollte. An der renommierten Universität Cambridge erhielt er seinen Doktortitel in vergleichender Literaturwissenschaft. „Aber dann“, erzählt er, „habe ich die Krankheit, die alle Tiroler haben, bekommen: Sie leiden unter Heimweh.“ Und so zog es ihn – wie Odysseus nach Ithaka – zurück in die Alpen, wo er sich schließlich in Innsbruck in Ethnologie habilitierte.
Er lebte auf der Brunnenburg und engagierte sich in Dorf Tirol im Heimatpflegeverband, im Schützenverein und wurde Direktor von Schloss Tirol. In gewisser Weise ist das alles eine Form von Heimweh. Die Brunnenburg hatte übrigens sein Vater, der Archäologe Boris de Rachewiltz, Schwiegersohn des 1972 verstorbenen Pounds, bereits 1955 erworben. Der Dichter selbst verweilte ab 1958 auf der Burg.
„Es gibt diese Zeile in Ezra Pounds Cantos“, sagt Siegfried de Rachewiltz nun am Schaffensplatz seines Großvaters. Sie lautet „Beauty is difficult“ – Schönheit ist schwierig zu erreichen und immer mit Anstrengung und Erfindungskraft verbunden. Dieser Satz träfe sehr gut auf Südtirol zu. „Denn auch aus Pragmatismus heraus entsteht Schönheit“, sagt er und damit sind wir plötzlich mitten in der harten Realität der Südtiroler Bergbauern, die an steilen Hängen ihre Wiesen bestellen müssen. „Die Menschen leben hier am Rande des Lebens“, sagt de Rachewiltz, der sich viel mit diesen Themen befasst hat und auf der Brunnenburg auch ein Landwirtschaftsmuseum betreibt.
„Der Bergbauer steht vor der Herausforderung, die Schwerkraft zu zähmen.“ Deswegen wurde beispielsweise der Kornspiss erfunden, ein Schnalser Tragegerät, mit dem man früher Getreideschober „aufgespießt“ hat, um sie in die Scheune zu tragen, ohne dass es besondere Anstrengung erforderte. „So eine elegante Lösung eines Problems ist etwas Schönes, ein Kunstwerk “, sagt er. Das Gerät ist im Landwirtschaftsmuseum auf der Brunnenburg ausgestellt. Im Wörterbuch der Tiroler Mundarten wird diese besondere Geschicklich- und Findigkeit als „Fourtl“ bezeichnet, also als Vorteil. „Das ist übrigens eine Eigenschaft“, sagt de Rachewiltz, „die die Griechen bei ihrer Göttin Metis verehrten“, – und schon sind wir wieder in der griechischen Mythologie, die für einen Gelehrten wie de Rachewiltz mit der Südtiroler Bergbauernkultur korrespondiert und auch im Alltag des Jahres 2010 zu erkennen ist. „Diese Fähigkeiten entdeckt man in Südtirol auch in anderen Bereichen“, sagt er. „Das kann man zum Beispiel an der Ästhetik des Nichtüberflüssigen in der funktionalen Architektur erkennen.“
Als wir nach dem Gespräch gemeinsam nach draußen gehen und uns verabschieden, deutet der Burgherr noch kurz über die Mauer nach links hinunter und sagt: „Da sind meine Ziegen.“ Der Traum ist also tatsächlich wahr geworden. Und wenn man de Rachewiltz’ Geschichte kennt, ist es auch gar nicht mehr verwunderlich, dass die Ziegen Glauke, Grisa und Orpheus heißen.
(Redaktion)
Tags:- De Rachewiltz
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