Südtiroler Gesichter
Peter Paul Kainrath, der Kulturmanager
Er gibt der Südtiroler Kultur die passende Bühne und setzt sie in Szene. Er nennt sich Kulturmanager und schwebt tagtäglich zwischen den gegensätzlichen Welten von Kunst und Kommerz, hat mit dem Schönen und dem Schöngeistigen und zur gleichen Zeit mit Veranstaltungsplänen und Finanzierungskonzepten zu tun.
Der Bozner Peter Paul Kainrath – anthrazitfarbener Anzug, leicht grau meliertes Haar, die Arme verschränkt – geht mit beiden Welten souverän um und ist damit wie kaum ein anderer ein Vermittler zwischen Kunst und Publikum. Kainrath steht im sogenannten Ex-Alumix, einer alten Fabrikhalle im Bozner Industriegebiet. Die 1936 gebaute Halle gehörte früher zum Alumix-Werk, das der Produktion und Verteilung von elektrischem Strom diente. Die Räume sind zwölf Meter hoch, und weißgraue Säulen tragen die Decken. In den Glastoren sind schon lange keine Gläser mehr, und die von der Decke hängenden Lastenaufzüge mit Aufschriften wie „C-4 Portata 20000“ schon lange nicht mehr in Betrieb. Dafür ist hier nun eine Bühne aufgebaut, und einige Musiker führen unter Kainraths kritischem Blick die Generalprobe für eine Veranstaltung am Abend durch. Kainrath wirkt zufrieden.
Dann beginnt er zu erzählen und zu erklären, er spricht mit fester Stimme, schnell und klar, und man merkt ihm an, dass er einen straffen Terminplan hat. „Wir haben in Südtirol alle Sprachen, Generationen und sozialen Schichten, und unsere Gäste wissen, dass sie bei Kunstveranstaltungen etwas Neues erfahren“, sagt Kainrath und betont die Situation in Südtirol: „Man darf ja nicht vergessen, dass wir hier numerisch ein Stadtteil von Berlin sind. Und trotzdem haben wir heute ein ungemein vielfältiges kulturelles Angebot, und das auch im ländlichen Bereich. Ich glaube, keine einzige österreichische oder italienische Provinz kann mit uns mithalten.“ Was er nicht sagt ist, dass das auch sein Verdienst ist. „Transart“, ein jährlich stattfindendes Festival für zeitgenössische Kultur, hat er vor zehn Jahren mit aus der Taufe gehoben, er verantwortet den „Busoni Klavierwettbewerb“, und bei der Produktion der „manifesta 7“, der europäischen Biennale zeitgenössischer Kunst, die vor zwei Jahren in Südtirol stattfand, hat er die Fäden im Hintergrund gezogen.
Auch wenn Kainrath das nun so leichtfüßig erzählt, während im Hintergrund Instrumente gestimmt werden, war es kein leichter Weg. „Das Publikum war oft verstört, aber das gehört auch dazu“, sagt er, und ihm sei klar, dass man den Dienstleistungsgedanken nie vergessen dürfe: „Ein Festival muss genau wissen, welche Rolle es im gesellschaftlichen Gefüge spielen will und welche Ziele es hat. Wir wollen ein neugieriges und offenes Publikum erreichen, das über den kleinen Kreis der Fachwelt hinausreicht. Und die Botschaft soll sein: zeitgenössische Kultur geht uns alle an.“ Aber auch das Südtiroler Publikum hat sich mit der Südtiroler Kunst weiterentwickelt. „Auch Transart konnte erst über die Elemente des Zeitgenössischen in der Kunst entstehen“, sagt Kainrath, und seine Augen blitzen, vermutlich weil nun etwas Grundsätzliches über die Aufgabe der Gegenwartskunst folgt: „In einer zunehmend verflachenden Welt“, sagt Kainrath, „halten Künstler Begriffe wie Wahrheit, Perspektive und Tiefe hoch.“
Als Kulturmanager, sagt Kainrath, habe er das streng Künstlerische verlassen. „Aber das Gestalterische in meinem Job ist noch sehr gefordert“, sagt er und legt die Hand an die Wange. Um das zu verstehen, muss man Kainraths Werdegang kennen und dazu bedarf es eines kurzen Ausflugs in die 80er-Jahre: Mit 23 Jahren galt Kainrath als eines der meistversprechenden Klaviertalente Südtirols. Er ging nach Russland, um bei Viktor Merschanow, Nachfolger von Samuel Feinberg am Tschaikowsky-Konservatorium, zu lernen. „Ich habe keinen Militärdienst geleistet, aber zu dieser Zeit in Russland Klavier gespielt zu haben, das war so ziemlich das Gleiche“, erzählt er und lacht bitter. Sie schliefen zwischen Kakerlaken, hatten eine Woche lang nur Orangen, und dann eine Woche lang nur Zuckergusstorte zu essen, und dann auch wieder mal gar nichts. Aber das hat ihn geprägt und abgehärtet zugleich.
„Alles, was ich heute kann, habe ich zwischen 1989 und 1992 in Russland gelernt.“ Den Respekt vor dem Denken und vor dem Intellektuellen, die geistigen Werte und den Glauben an die Kunst! Heute sagt er: „Ich glaube, wenn man in meiner Generation einmal Hunger erlebt hat, dann hat man später einen Gang mehr.“ Kulturveranstalter wurde Kainrath eher „durch Zufall“, wie er sagt. In Russland habe er irgendwann gemerkt, dass sein Talent einfach nicht ausreiche. „Und ich wollte auch keinen künstlerischen Kompromiss eingehen“, sagt er ganz klar. Als ihn dann ein Freund gefragt hat, ob er ihm bei der Organisation des Festivals „Klangspuren“ in Nordtirol helfen könne, hat er zugesagt und plötzlich ganz neue Talente an sich erkannt. „Ich habe meine Fähigkeit erkannt, Unternehmer als Sponsoren zu begeistern.“ Eine Fähigkeit, die für die Südtiroler Kulturlandschaft seit zehn Jahren Gold Wert ist.
(Redaktion)
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