Girlband Ganes
Ladinische Popmusik: Zauberhaftes für die Ohren
Langsam verhallt der letzte Ton, die jungen Frauen setzen die Violinen ab, lassen die Mikrophone los, senken die Schultern, heben ihre Blicke und lächeln. Gerade haben die drei Südtirolerinnen auf einer Berliner Bühne das kulturverwöhnte Hauptstadtpublikum verzaubert.
Dann beginnt der lang anhaltende Applaus. Das Klatschen gilt Popmusik in ladinischer Sprache, deren Inhalte so geheimnisvoll erscheinen wie das ganze Konzert dieser märchenhaften Formation namens „Ganes“. Die Geschichte der Ganes beginnt natürlich in Südtirol, in dem schönen Bergdorf Wengen, im Südtiroler Gadertal gelegen. „Unser Haus in La Val, wie man Wengen auf italienisch und ladinisch nennt, heißt Rumestluns”, hatte Marlene Schuen in Berlin noch gesagt und dann folgte eine längere Beschreibung, wie man es erreicht, Abzweigungen kamen darin vor, ein Sportplatz, Brücken, Wiesen und schließlich „ein Gebäude unterhalb der Straße“. Dahinter sind nur noch Wälder und Berge, Wolken ziehen darüber hinweg.
Für einen kurzen Moment fällt ein Sonnenstrahl auf das Haus, ein „Rai de Sorëdl“, wie die erste Ganes-CD heißt. Hilda Schuen, die fröhliche und freundliche Mutter von Marlene und Elisabeth erwartet uns schon. Sie hat die gleichen dunklen Augen und Haare, sowie das gleiche rollende R wie ihre Töchter, und schon an der Türe hängen Ganes-Zeitungsausschnitte und -Konzertankündigungen. Hilda deutet darauf und sagt: „Das ist für mich, als ob sie hier wären.“ Ganes also, das sind die drei Cousinen aus La Val: Elisabeth Schuen (30), Marlene Schuen (31) und Maria Moling (26). Und es liegt an ihrem Erfolg, dass sie nun in Berlin, 1.000 Kilometer weiter nördlich, erzählen, wie es dazu kam.
„2007 bis 2009 waren wir gemeinsam mit Hubert von Goisern auf seinem Schiff auf der Donau unterwegs“, beginnt Elisabeth kurz vor dem Konzert zu erzählen. „Wir gaben jeden Abend am Flussufer ein Konzert und haben dabei unglaublich viel dazugelernt“, ergänzt Marlene. Sie spielten Geige und Gitarre und sangen im Hintergrund. „In unserer Freizeit probierten wir dann eigene Songs“, sagt schließlich Maria, und eigentlich war das schon der Anfang von Ganes. Als dann Hubert von Goiserns Manager ihre Musik hörte und ihnen begeistert seine Unterstützung versicherte, dachten sie darüber nach, wie es wäre, eine CD mit ladinischer Popmusik einzuspielen. Im Mai 2010 ist sie erschienen, und seither touren sie durch Europa. „Jetzt stehen wir halt vorne auf der Bühne“, sagt Marlene als wäre nichts gewesen und die beiden anderen streichen sich mädchenhaft durchs Haar.
Die Ganes, die der Formation den Namen gaben, wohnen in dem Bach, der am Haus der Eltern in La Val vorbeifließt. Es sind magische Märchenwesen aus der ladinischen Mythologie, fabelhafte Frauen, mal Feen, mal Nixen, mal Hexen, die die Menschen unter anderem mit ihren schönen Geräuschen verzaubern. Und dieser Ganes-Bach weist zugleich den Weg zum Haus der Molings. Als wir auch dort anklopfen, bittet Hildas Schwester Rita in die Bauernstube und auch ihr sieht man die Ähnlichkeit zu ihrer Tochter an. „Gestern hat Maria angerufen – ich glaube sie war in Belgien“, erzählt sie und gesteht, dass sie während der Tournee manchmal nicht so genau weiß, wo ihre Tochter steckt. „Wir sind aber schon sehr froh, dass sie so erfolgreich sind“, erzählt sie weiter. „Es gehört ja auch Mut dazu, so etwas Unsicheres wie ladinische Popmusik zu machen.“ Die Stimmung in der Stube ist herzlich und natürlich, ganz so, wie die drei Mädels sich nun der Welt präsentieren.
Der Konzertzauber in Berlin beginnt gegen acht Uhr abends: Die drei betreten die Bühne, und sehr schnell hat die Solostimme von Maria das Publikum erfasst. Wenig später erzeugen die dreistimmigen Harmoniegesänge, Instrumente- und Gesangsoli eine Gänsehaut. Die populäre, aber doch auch anspruchsvolle und komplexe Musik hat Einflüsse aus Jazz, Funk, Soul und auch Klassik. Und als wäre all das nicht schon außergewöhnlich genug, klingen die Texte mal portugiesisch, mal italienisch, mal osteuropäisch und dann doch wieder wie nichts von alledem. Nach dem Lied „Da sòra“ (alleine) wendet sich Maria Moling lachend ans Publikum und fragt: „Nutella und Mortadella habt ihr verstanden, oder?“ Wohl wissend, dass der Rest geheimnisvoll unbestimmt bleibt. „Das ist nun mal unsere Muttersprache und in der können wir Gefühle am besten äußern“, hatte Maria zuvor gesagt, und Elisabeth meinte: „Unsere Songs funktionieren auch deswegen so gut, weil Ladinisch eine sehr melodische Sprache ist.“
(Redaktion)
Tags:- Elisabeth Schuen
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Bild Nr. 1 © SMG
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