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Eigenwirtschaftlichkeit erhöhen

Trotz nachvollziehbarer Einwände öffentliche Unterstützung beibehalten

Ergebnisse der IHK-Unternehmensbefragung zum Siegerland-Flughafen

Siegen/Olpe. Der Kreistag Siegen-Wittgenstein wird voraussichtlich Ende September eine weitreichende Entscheidung zur Verlustabdeckung für den Siegerland-Flughafen durch den Kreis treffen. Er entscheidet damit zugleich über die Zukunft des Flughafens insgesamt. Um eine zusätzliche Entscheidungsgrundlage zu geben, hat die Industrie- und Handelskammer Siegen (IHK) eine breit angelegte Unternehmensbefragung durchgeführt.

„Die Ergebnisse spiegeln die Position der heimischen Wirtschaft zu diesem grundlegenden Thema wider“, erläutert IHK-Präsident Felix G. Hensel. „Für rund ein Achtel der Unternehmen im IHK-Bezirk ist der Siegerland-Flughafen wichtig bis unbedingt notwendig für den eigenen Betrieb. Ebenso viele nutzen ihn für eigene Mitarbeiter beziehungsweise die Abholung von Geschäftskunden. Nur sehr wenige Betriebe gaben an, den Flughafen für Frachtverkehr in Anspruch zu nehmen. Allerdings erklärten Dreiviertel der befragten Unternehmen, nicht über die Möglichkeiten von Gütertransporten über den Flughafen informiert zu sein. Mehr als ein Drittel spricht sich für die Fortführung einer Verlustabdeckung für den Flughafen aus, die derzeit bei 1,7 Millionen Euro im Jahr liegt“, fasst der IHK-Präsident die Kernaussagen zusammen.

Gesamtwirtschaftlich sei die jährliche Subventionierung des Flughafens durch den Kreis in Höhe von derzeit 1,1 Millionen Euro für den Betrieb und zusätzlich 600.000 Euro für den Zweckverband Verkehrsflughafen Siegerland zunächst kritisch zu betrachten“, betont Hensel. Die Verlustabdeckung binde Gelder, die der Kreis im Interesse der Steuerzahler auch anderswo sinnvoll einsetzen könne. Seit Jahren werde versucht, die finanzielle Situation des Flughafens spürbar zu verbessern, an der Höhe der Verluste habe dies nur wenig geändert. Hensel: „Daher ist es richtig, die Grenzen einer Bezuschussung durch die öffentliche Hand klar zu ziehen. Es ist wichtig, diese Debatte zum jetzigen Zeitpunkt aktiv und kritisch zu führen.“ Gerade deshalb habe sich die IHK entschlossen, diese Befragung durchzuführen, auch wenn die Ergebnisse aus ihrer Sicht nicht unerwartet ausgefallen sind. So sei absehbar gewesen, dass sich keine mehrheitliche Zustimmung für den Flughafen ergeben würde. „Wir haben als IHK daher großes Verständnis für jeden, der diese Summe kritisch hinterfragt. Welchen konkreten Nutzen soll beispielsweise ein Einzelhändler oder Gastronom aus Bad Laasphe auch von dem Flughafen haben?“, so Hensel.

Flughafen „wichtig“ bis „notwendig“ für jeden achten Betrieb

Dennoch liefern die Rückmeldungen der heimischen Wirtschaft für den weiteren Umgang mit dem Flughafen eine wichtige Orientierung. Festzustellen ist, dass es sich bei den Nutzern des Siegerlandflughafens zwar um eine Minderheit, jedoch um eine nennenswerte handelt. 12,6 Prozent der Unternehmen halten den Flughafen für unbedingt notwendig (1,9 Prozent), sehr wichtig (2,7 Prozent) oder wichtig (8,0 Prozent) für das eigene Unternehmen. 68,5 Prozent gaben an, der Flughafen sei für das eigene Unternehmen „überhaupt nicht wichtig“.

Der Zuspruch zum Siegerland-Flughafen steigt tendenziell mit der Beschäftigtenzahl und der räumlichen Nähe des eigenen Standortes zur Lipper Höhe. Die Behauptung, der Flughafen werde nur von den großen Unternehmen benutzt und daher auch befürwortet, bestätigt sich jedoch keineswegs. Vielmehr entspricht die Betriebsgrößenstruktur der Gruppe aller befragten Unternehmen derjenigen der Gruppe, die den Flughafen für wichtig, sehr wichtig oder notwendig hält oder ihn nutzt. Hier finden sich in vergleichbarer Größenordnung auch kleine und mittlere Unternehmen. Auch in einem weiteren Punkt warnt IHK-Hauptgeschäftsführer Klaus Gräbener vor voreiligen Schlüssen: „Dass eine Einrichtung nur durch eine Minderheit genutzt wird, bedeutet nicht zwangsläufig, dass sie nicht benötigt wird.“

Insgesamt nahmen 267 Unternehmen an der Befragung teil, die zusammen rund 30.000 Beschäftigte zählen. Dies entspricht einem knappen Fünftel aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in den Kreisen Siegen-Wittgenstein und Olpe. „Befragt wurden Betriebe mit 10 bis 19 Mitarbeitern aus den Bereichen Industrie, Großhandel und Verkehrsdienstleistungen sowie Betriebe mit mehr als 20 Mitarbeitern aus allen Branchen, also auch dem Einzelhandel. Die hohe Rücklaufquote von 21 Prozent verdeutlicht den empirischen Gehalt der Befragung. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, nicht nur flughafenaffine Unternehmen zu befragen, was sicher im Ergebnis einen höheren Zuspruch zum Flughafen ergeben hätte“, erläutert Klaus Gräbener. Generell ist der Zuspruch bei Unternehmen im Altkreis Siegen am höchsten, gefolgt Betrieben im Kreis Olpe. Am kritischsten stehen dem Flughafen Betriebe im Altkreis Wittgenstein gegenüber.

Jedes dritte Unternehmen ist für weitere Finanzspritzen durch die öffentliche Hand

Bemerkenswert sind die offensichtlich vorhandenen Potenziale im Frachtverkehr: 73,1 Prozent der befragten Unternehmen geben an, nicht über die Möglichkeit von Gütertransporten über den Siegerland-Flughafen informiert zu sein. 11,5 Prozent nutzen den Siegerland-Flughafen heute für Logistik- und Transportaufträge. Beinahe ein Viertel, 23,4 Prozent der Unternehmen, die den Flughafen heute nicht nutzen, kann sich grundsätzlich vorstellen, Transporte über ihn abzuwickeln. „Angesichts hoher Exportquoten und einer starken Verflechtung mit europäischen und internationalen Märkten sollte dies Anlass für gezieltere Marketingaktivitäten oder eine vertiefende Potenzialuntersuchung sein“, so der stellvertretende IHK-Hauptgeschäftsführer Hermann-Josef Droege. „Ziel müssen marktgerechte Angebote und Zusatzservices sein, die auf die Stärken des Flughafens zurückgreifen!“. Die sehen die Unternehmen vor allem in der guten Erreichbarkeit (30,7 Prozent), in einer hohen Flexibilität (18,7 Prozent) und in einer schnellen Abwicklung (17,2 Prozent).

34,5 Prozent der befragten Unternehmen sprechen sich für eine weitere Bezuschussung der Flughafen-Defizite durch den Kreis aus, entweder „in der notwendigen Höhe“ (12,4 Prozent), mit einer fixen Summe „orientiert am derzeitigen Stand“ (12,7 Prozent) oder mit reduzierten Zuschüssen (9,4 Prozent). 29,6 Prozent sind der Meinung, die Gelder sollten besser komplett anderweitig verwendet werden. 33,3 Prozent vertreten schließlich die Auffassung, der Flughafen sollte sich stärker selbst finanzieren (Mehrfachnennungen waren bei diesen Antworten möglich). Hermann-Josef Droege: „Beinahe dreimal so viele Unternehmen sprechen sich für weitere Zuschüsse aus, als angeben, der Flughafen sei für das eigene Unternehmen wichtig oder notwendig. Diese Rückmeldungen zeigen, dass dem Flughafen von vielen Unternehmen offensichtlich eine regionalwirtschaftliche Bedeutung und ein hoher volkswirtschaftlicher Nutzen beigemessen werden.“

Eigenwirtschaftlichkeit erhöhen

Die Entscheidung über die fortgesetzte Bezuschussung des Flughafens ist für die IHK eine eindeutig regionalpolitische. Man könne Flughäfen dieser Größenordnung nicht ohne Subventionen betreiben. IHK-Präsident Felix G. Hensel: „Die IHK empfiehlt dem Kreistag Siegen-Wittgenstein nach Abwägung aller Vor- und Nachteile, den Flughafen auch weiterhin finanziell zu unterstützen. Allerdings stellen wir diese Empfehlung unter den Vorbehalt, dass die Unternehmen in beiden Kreisen und den angrenzenden Regionen umfassender als bisher über das Leistungsspektrum des Flughafens informiert werden. Außerdem müssen ernsthaftere Versuche als bisher unternommen werden, angrenzende Kreise in die Finanzierung einzubinden. Schließlich müssen konsequente Anstrengungen unternommen werden, die Eigenwirtschaftlichkeit des Flughafens zu erhöhen. Auch ein privatwirtschaftlicher Betrieb darf dabei kein Tabu sein und muss offen diskutiert werden.“

Klar sei zudem, dass die andauernden öffentlichen Diskussionen zur Zukunft des Flughafens seinem Image abträglich seien und den Ausbau vertrauensvoller Kundenbeziehungen erschwerten. Klaus Gräbener: „Wir fordern daher die regionalpolitischen Akteure auf, jetzt eine grundlegende Entscheidung zu treffen, damit in der öffentlichen Diskussion für die nächsten Jahre Ruhe einkehrt. Bei allem Verständnis für die Argumente der Flughafen-Gegner werde es dem Landrat und der Flughafengeschäftsführung nicht möglich sein, mit Nachbarkreisen und Kunden erfolgreich zu verhandeln, wenn öffentlich weiterhin von interessierter Seite der Eindruck erweckt werde, der Flughafen stehe unmittelbar vor der Schließung.“

(Redaktion)


 


 

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