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Einzelhandel: „Das Schlimmste ist, nichts zu tun“

Welche Chancen hat der stationäre Einzelhandel in Online-Zeiten?

Arnsberg/Hagen/Siegen, 6. November 2014 - „Welche Chancen hat der stationäre Einzelhandel in Online-Zeiten?“ Rund 100 südwestfälische Händler trafen sich nun auf Einladung der drei südwestfälischen Industrie- und Handelskammern in der IHK Arnsberg zum diesjährigen Handelsforum, um zu erfahren, mit welchen Maßnahmen Einzelhändler heute der zunehmenden Internetkonkurrenz begegnen können. 

Chancen gibt es. Nur einen Fehler sollte niemand machen, wie Referent Prof. Dr. Gerrit Heinemann betonte: Die Augen vor dem Internet verschließen. „Das Schlimmste ist, nichts zu tun“, sagte der Dozent für Handelsmanagement und Leiter des eWeb Research Centers der Hochschule Niederrhein. Denn die größte Herausforderung für den Einzelhandel seit Einführung des Selbstbedienungsprinzips (SB) 1938 sei der Siegeszug des Onlinehandels.

Heinemann warf einen kritischen Blick auf die Online-Handel-Landschaft: Dort seien mit Amazon, ebay (beide etwa zehn Milliarden Euro Handelsvolumen) und auch Apple/iTunes (2,2 Milliarden Euro Handelsvolumen) wahre Giganten vertreten, die eines gemeinsam hätten: Es sind keine deutschen Unternehmen, sondern US-Händler, die den Markt für deutsche Onlinekunden dominieren. Heinemann fand dafür scharfe Worte: „Es ist ein kriegsähnlicher Zustand“. Bis 2020, so seine Prognose, könne sich der Einzelhandelsumsatz, der an ausländische Internet-Riesen wie diese abfließt, verdoppeln. Und gerade Klein- und Mittelzentren sind durch die Online-Konkurrenz besonders bedroht: Bis 2023 könnten sie rund 31 Prozent ihres Flächenumsatzes verlieren. Und deshalb appellierte Heinemann an das Publikum: „Jede Aktivität digitaler Art ist etwas, um sich dem entgegenzusetzen.“ 

Denn der Kunde, so Heinemann, sei nicht nur gnadenlos, sondern habe mit seinem Smartphone oder Tablet das Internet immer dabei: 61 Millionen Handynutzer und 30 Millionen Internet-Intensiv-Nutzer gibt es inzwischen in Deutschland. Und die Erwartungen der Smartphonenutzer sei eindeutig: Sie wollen über mobileoptimierte Seiten beim Händler online „schon mal gucken können. Wer also dort nicht präsent ist, der ist außen vor.“ Dabei sieht Heinemann auch für kleinere Händler Möglichkeiten, sich gegen Internet-Riesen zu behaupten, und zwar mit individualisierten Produkten oder Abos: „Zum Beispiel Getränke-Abos. Wieso kommt da eigentlich keiner drauf?“

Chancen, die auch Martin Schmitz für den stationären Handel sieht. Der Dozent & Trainer von marc ulrich I die Marketingflotte in Bad Neuenahr-Ahrweiler, machte den heimischen Händlern Mut. „Der eigentliche Gegner ist die kleine Stimme im Kopf, die sagt: das geht nicht“, und die gelte es zu überwinden! Er forderte die Händler auf, das Internet nicht als Bedrohung zu verstehen. „Mit eCommerce haben sie die Chance, sich etwas unabhängiger zu machen.“ Gefragt dafür sei ein anderes Denken: Im Internet würden Händler nicht ein Produkt verkaufen, sondern die „Hoffnung der Kunden darauf, dass sie durch das Produkt einen Nutzen oder Vorteil haben.“ Eine Brille zum Beispiel wird nicht um ihrer Selbstwillen gekauft, sondern weil man mit ihrer Hilfe besser sehen kann.

Betrachtet man den Verkauf aus diesem Blickwinkel, so Schmitz, dann wird ein Aspekt des Verkaufs nicht mehr so wichtig: der Preis. Es sei nicht das Ziel kleinerer und mittlerer Unternehmer, zum günstigsten Preis zu verkaufen. „Das können andere besser“, so Schmitz. Die Stärken mittelständischer Einzelhändler sieht auch er darin, individuelle Produkte zu verkaufen und ihre Nische zu finden. Die Vertriebskanäle verschwimmen zunehmend. Martin Schmitz sieht die Zukunft daher nicht in offline und auch nicht in online, sondern in „no line“.

Mit den eigenen Stärken punkten und vor allem an einem Strang ziehen: Das hat nicht nur der stationäre Einzelhandel in einer ländlichen Region nötig. Auch in Großstädten machen sich Händler Gedanken, wie sie die Kunden in die Geschäfte locken und damit Frequenz in die Innenstädte bringen können. In Köln hat sich der Handel deshalb dazu entschieden, mobil zu werden und hat die App „SchaufensterKöln“ herausgebracht, die Einkaufsmöglichkeiten und Sehenswürdigkeiten als Touren durch die Rheinmetropole miteinander verbindet. Michael E. Zygojannis von der IHK Köln stellte die Plattform, die von der IHK Köln entwickelt worden ist und vom Handel aktiv genutzt wird, vor. Zygojannis betonte: Bei der App komme es darauf an, dass mit ihrer Hilfe Geschichten erzählt (storytelling) und damit Emotionen bei den Kunden geweckt werden. Diese wiederum sind aufgerufen, über soziale Netzwerke zum Beispiel ihren „Lieblingsshop“ mitzuteilen. Ein Komplettpaket, so Zygojannis, das nur funktionieren könne, wenn wirklich alle an einem Strang ziehen.

(Redaktion)


 


 

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