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UN-Bundesbüdchen

Deutschlands bekanntester Kioskeigentümer glaubt an die Vereinten Nationen

Wir befinden uns im Bonner Bundesviertel und schreiben das Jahr 1998. Gegenüber dem Kanzleramt steht der Kiosk der Mächtigen und Einflussreichen: Joschka Fischer kauft hier morgens nach dem Joggen seine Zeitungen, Otto Graf Lambsdorff hilft auch schon mal beim Auspacken der selbigen. „Lambsdorff kam meist sehr früh“, erinnert sich Kioskpächter Jürgen Rausch.

Heute steht der Kiosk mit dem legendären Beinamen „Bundesbüdchen“ immer noch - allerdings derzeit in einer Halle der Spedition Hersel im nahen Bonner Umland. In Bornheim wartet der denkmalgeschützte Bau auf die Zukunft, denn die Mächtigen und Einflussreichen von einst hat es nach der Bundestagswahl 1998 nach Berlin verschlagen. Auch für Kiosk-Pächter Rausch war der Wegzug des Bundes eine unternehmerische Wende: seine Kundschaft brach ihm über Nacht weg.

Ganz ohne Bundesbüdchen kann Rausch aber nicht: er hat provisorisch ein Rundholzhaus aufgestellt und bis auf Weiteres auch den Schwerpunkt seines Geschäfts verlagert: aus dem Kiosk ist ein Imbiss geworden. Der ursprüngliche Standort seines Bundesbüdchens ist aktuell durch das halb fertige World Congress Center Bonn (WCCB) belegt. Geblieben ist Rausch in direkter Nachbarschaft das Bundesentwicklungshilfeministerium, welches heute im ehemaligen Kanzleramtsgebäude seinen Hauptsitz hat.

Geht es nach dem Bund, sollen sich in Bonn nach dem Wegzug des Bundes in der herrlich grünen Landschaft zwischen Posttower und Entwicklungshilfeministerium nicht nur Hase und Igel gute Nacht sagen, sondern möglichst auch weiterhin Mächtige und Einflussreiche – und vielleicht auch der ein oder andere Staatsgast. Um all diese Leute unterzubringen hat man neben dem Kongresszentrum eigens einen Hotelturm errichtet. Da auf der Baustelle der Betrieb ruht, tut sich im Inneren noch nichts.

Für Rausch ist das WCCB gegenüber seines Rundholzhaus-Imbisses Fluch uns Segen zugleich: es ist seine Zukunft und sein ärgster Gegner. Zunächst sollte sein Bundesbüdchen wegen der Bauarbeiten weichen, dann gab es den obligatorischen Bonner Bauskandal beim Neubauprojekt: der Bau wurde daraufhin schnellstmöglich winterfest gemacht, ehe Wind und Wetter Schäden an der Bausubstanz anrichten konnten. Am Ende waren die Stadtoberen heilfroh, dass das halbefertige Bauprojekt doch noch zu Ende gebaut werden kann. Doch Rauschs Kampf war da noch nicht entschieden: auch über die Wiederaufstellung des Bundesbüdchens gab es Meinungsverschiedenheiten. Zeitweise hieß es, dass das denkmalgeschützte Bundesbüdchen in das Eigentum des Investors übergegangen sei. Das sieht Rausch, der den Kiosk in zweiter Generation betreibt, allerdings völlig anders. Pläne der Stadtverwaltung, das Bundesbüdchen gegenüber des sehr beliebten Hauses der deutschen Geschichte an der Adenauerallee wieder aufzustellen, lehnt er ab. Er will sein Bundesbüdchen an seinem angestammten Platz – plus/minus zehn Meter.

"Der Kiosk ist mein Leben", so Rausch, der im Inneren des Imbisses auch einen Ordner parat hat, in dem die wichtigsten Entwicklungen rund um den berühmtesten Kiosk der Republik für Interessierte zusammengestellt sind. Und der passionierte Kioskbetreiber denkt auch gar nicht daran, den Kiosk von den Mächtigen und Einflussreichen weg zu verlegen - mögen sie künftig auch etwas seltener vorbeischauen als früher. Denn die Mächtigen und Einflussreichen könnten wiederkommen an diesen Ort, den Bundesarbeitsminister Norbert Blüm (CDU) unter den Hauptstädten der Welt einst als Unikum für spontane Kommunikation ohne Tagesordnung ausmachte.

Derzeit sind es allenfalls Handwerker der umliegenden Baustellen, Mitarbeiter und Besuchergruppen des benachbarten Ministeriums, die sich in Rauschs Imbiss mit Getränken, Kaffee, Rührei-Brötchen (die Eier aus Bodenhaltung), dem beliebten Schwenkbraten, sowie Pommes und Zigaretten eindecken; aber Bonn hat gerade erst die Ausschreibung für ein neues UN-Sekretariat gewonnen. Insgesamt 19 davon haben bereits ihren Sitz in der Stadt. Auch beim finanziell potenten World Climate Fund ist Bonn im Rennen. Käme das Sekretariat an den Rhein, könnte dies womöglich sogar wieder Diplomaten aus aller Welt nach Bonn spülen, dessen Bevölkerung durch 50 Hauptstadtjahre viel internationaler ist als jede Stadt vergleichbarer Größenordnung in der Republik.

„Die bauen alles zu Ende hier. Wie, weiß man noch nicht. Aber die ganzen Gebäudemanager sind mit Hochdruck dran. Darüber freue ich mich sehr, weil sich jetzt etwas bewegt in die richtige Richtung,“ kommentiert Rausch die Entwicklungen. Er will mit seinem Kiosk wieder loslegen wie eh und je: „Das ist, was mir Spaß gemacht hat und das mache ich weiter. Auch für die Nachwelt,“ so Rausch. Die Bonner Republik sei ein Stück Geschichte, ein Stück schöne Geschichte. „Und die Dinge haben Ihren Lauf genommen und jetzt warten wir mal ab.“ Denn noch steht auf der benachbarten WCCB-Baustelle alles still. Das künftige Sortiment steht derweil schon fest: „Souvenirs, Snacks und alles für den täglichen Bedarf.“ Jürgen Rauschs Glaube an eine Zukunft mit den Vereinten Nationen ist unerschütterlich. Kommt alles so, wie sich der Bonner Kleinunternehmer das wünscht, dann decken sich Touristen, Mächtige und Einflussreiche künftig wieder an seinem Kiosk ein: an Deutschlands bekanntestem UN-Bundesbüdchen.

(Redaktion)


 


 

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