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Vielfalt schätzen - Zusammenhalt fördern

Auszüge aus Wulffs Bremer Rede

Die Rede unter dem Titel "Vielfalt schätzen - Zusammenhalt fördern" gilt als die bedeutendste Rede der Amtszeit von Christian Wulff als Bundespräsident. Er hielt sie während der Einheitsfeier am 3. Oktober 2010 in Bremen. Beschränkt wird sie allerdings meist nur auf den einzelnen Satz: "Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland." Dabei war Wulffs Rede erheblich vielschichtiger und differenzierter als häufig in den Medien wiedergegeben. business-on.de gibt im Folgenden Auszüge wieder.

Auszug aus Wulffs Bremer Rede:

"[...]

Seit 20 Jahren sind wir wieder "Deutschland einig Vaterland". Doch was meint "einig Vaterland"? Was hält uns zusammen? Sind wir zusammengewachsen, trotz aller Unterschiede?

Eine erste Antwort liegt auf der Hand: Es ist die Erinnerung an unsere gemeinsame Geschichte. Zu ihr gehört, dass wir an alle denken, die diese Einheit möglich machten. An die Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtler, die beharrlich gegen eine Diktatur Widerstand geleistet haben. Die verstorbene Bärbel Bohley war eine von ihnen. Sie hat gezeigt, was Mut bewegen kann und hat damit vielen anderen Menschen Mut gegeben. "Nichts war uns zu groß, als dass wir es nicht angepackt, nichts war uns zu klein, als dass wir uns nicht darum gekümmert hätten", das war so ein Satz von ihr. Er berührt mich bis heute. Und ich verneige mich vor Bärbel Bohley und allen, die für die Freiheit gekämpft haben.

Unsere Kirchen gaben dem aufbrechenden Mut zur Freiheit ein Obdach. Viele Menschen fühlten: Es muss sich etwas ändern. Aber durch das Gefühl ändert sich noch gar nichts. Ich muss etwas ändern. Und es begann - mit den Montagsgebeten und den Montagsdemonstrationen. Erst gingen wenige, dann immer mehr Mutige auf die Straßen, überall in Ostdeutschland. Es wurde zum "Wunder von Leipzig". Mit seiner Wucht und seinem friedlichen Verlauf war es wirklich ein Wunder, ein Wendepunkt. Bewirkt von Menschen. Sie haben sich selbst aus der Diktatur befreit - ohne Blutvergießen. Der Freiheitswille der Menschen war immer da - ungebrochen. Doch jetzt war die Zeit da. Und was 1953 noch von Panzern niedergewalzt wurde, konnte 1989 nicht mehr aufgehalten werden. Das ist die eigentliche historische Leistung der Menschen. Ihr Mut hat die ganze Welt beeindruckt.

[...]

Es gab Ängste und Widerstände. Vor allem im Ausland fragten sich viele, ob das gutgeht, wenn es Deutschland wieder gutgeht. Wer wollte ihnen das verdenken, nach den von Deutschland ausgehenden Irrwegen, Schrecken und Katastrophen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Weitsichtige Staatsmänner halfen, die Ängste und Widerstände zu überwinden: Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher gemeinsam mit Lothar de Maizière. Wegbereiter waren Konrad Adenauer, Willy Brandt und Helmut Schmidt. Sie alle haben Vertrauen in der Welt geschaffen. Ohne dieses Vertrauen hätte es die Wiedervereinigung so nicht gegeben. Das waren große Leistungen von Politik und Diplomatie in den vergangenen Jahrzehnten. Die Wiedervereinigung wäre so auch nicht möglich gewesen ohne unsere Freunde im transatlantischen Bündnis, die über vierzig Jahre hinweg die Freiheit der Bundesrepublik und West-Berlins garantiert hatten. Die Unterstützung der Einigung durch George Bush sen. werden wir nicht vergessen. Für all das sind wir unendlich dankbar.

Deutschland konnte als Ganzes wieder zum gleichberechtigten Mitglied der Völkergemeinschaft werden. Wir sind umgeben von Freunden. Welch ein großes Glück - für unser Land und alle Menschen in Europa.

[...]

Die Ostdeutschen waren es, die den allergrößten Teil des Umbruchs geschultert haben, damit unser Land wieder zusammenfand. Sie mussten ihr Leben gewissermaßen von Neuem beginnen, ihren Alltag neu organisieren, Chancen nutzen. Sie haben es getan. Mit einer unglaublichen Bereitschaft zur Veränderung. Das ist bis heute nicht ausreichend gewürdigt worden.

[...]

Gewiss ist auch Erhaltenswertes verloren gegangen. Aber unendlich Wertvolles wurde gewonnen: die Erfahrung der Menschen, dass sie mit ihrem Mut zur Veränderung ihr eigenes Leben in Freiheit gestalten konnten. Damit haben sie unserer deutschen Geschichte ein wichtiges Kapitel hinzugefügt. Damit haben sie aus ganz Deutschland ein anderes Deutschland gemacht. Damit haben sie vorgelebt, wie Umbrüche zu meistern sind, für das persönliche Glück wie für unser aller Zusammenhalt.

Damit kommen wir zur zweiten Antwort auf unsere Frage: "Deutschland, einig Vaterland"? Was heißt das heute? 20 Jahre nach der Einheit stehen wir vor der großen Aufgabe, neuen Mut zur Veränderung zu finden, neuen Zusammenhalt zu ermöglichen in einer sich rasant verändernden Welt. Denn in dieser Welt ist das Versprechen alter Gewissheiten natürlich populär, aber häufig trügerisch.

Unser Land ist offener geworden, der Welt zugewandter, vielfältiger - und unterschiedlicher.

[...]

Vielfalt schätzen

Manche Unterschiede lösen Ängste aus. Leugnen dürfen wir sie nicht. Trotzdem kann gar nicht oft genug gesagt werden: Ein freiheitliches Land wie unseres - es lebt von Vielfalt, es lebt von unterschiedlichen Lebensentwürfen, es lebt von Aufgeschlossenheit für neue Ideen. Sonst kann es nicht bestehen. Zu viel Gleichheit erstickt die eigene Anstrengung und ist am Ende nur um den Preis der Unfreiheit zu haben. Unser Land muss Verschiedenheit aushalten. Es muss sie sogar wollen. Aber zu große Unterschiede gefährden den Zusammenhalt.

Vielfalt schätzen, Risse in unserer Gesellschaft schließen - das bewahrt vor Illusionen, das schafft echten Zusammenhalt. Das ist die Aufgabe der "Deutschen Einheit" heute.

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"Wir sind ein Volk!" Dieser Ruf der Einheit muss heute eine Einladung sein an alle, die hier leben. Eine Einladung, die nicht gegründet ist auf Beliebigkeit, sondern auf Werten, die unser Land stark gemacht haben. Mit einem so verstandenen "wir" wird Zusammenhalt gelingen - zwischen denen, die erst seit kurzem hier leben, und denen, die schon so lange einheimisch sind, dass sie vergessen haben, dass vielleicht auch ihre Vorfahren von auswärts kamen.

Wenn mir deutsche Musliminnen und Muslime schreiben: "Sie sind unser Präsident" - dann antworte ich aus vollem Herzen: Ja, natürlich bin ich Ihr Präsident! Und zwar mit der Leidenschaft und Überzeugung, mit der ich der Präsident aller Menschen bin, die hier in Deutschland leben.

[...]

Wir sind Deutschland. Ja: Wir sind ein Volk. Weil diese Menschen mit ausländischen Wurzeln mir wichtig sind, will ich nicht, dass sie verletzt werden in durchaus notwendigen Debatten. Legendenbildungen, die Zementierung von Vorurteilen und Ausgrenzungen dürfen wir nicht zulassen. Das ist in unserem eigenen nationalen Interesse.

Denn die Zukunft, davon bin ich felsenfest überzeugt, gehört den Nationen, die offen sind für kulturelle Vielfalt, für neue Ideen und für die Auseinandersetzung mit Fremden und Fremdem. Deutschland - mit seinen Verbindungen in alle Welt - muss offen sein gegenüber denen, die aus allen Teilen der Welt zu uns kommen. Deutschland braucht sie! Im Wettbewerb um kluge Köpfe müssen wir die Besten anziehen und anziehend sein, damit die Besten bleiben. Meine eindringliche Bitte an alle lautet: Lassen wir uns nicht in eine falsche Konfrontation treiben. Johannes Rau hat bereits vor zehn Jahren sehr klug und nachdenklich an uns alle appelliert, "ohne Angst und ohne Träumereien" gemeinsam in Deutschland zu leben.

Wir haben doch längst Abschied genommen von drei Lebenslügen. Wir haben erkannt, dass Gastarbeiter nicht nur vorübergehend kamen, sondern dauerhaft blieben. Wir haben erkannt, dass Einwanderung stattgefunden hat, auch wenn wir uns lange nicht als Einwanderungsland definiert und nach unseren Interessen Zuwanderung gesteuert haben. Und wir haben auch erkannt, dass multikulturelle Illusionen die Herausforderungen und Probleme regelmäßig unterschätzt haben: das Verharren in Staatshilfe, die Kriminalitätsraten und das Machogehabe, die Bildungs- und Leistungsverweigerung. Ich habe die vielen hundert Briefe und E-Mails gelesen, die mich zu diesem Thema erreicht haben. Mich beschäftigen die Sorgen und Ängste der Bürgerinnen und Bürger sehr, wie auch die Politik diese erkennbar und zu Recht ernst nimmt.

Und dennoch: Wir sind weiter, als es die derzeitige Debatte vermuten lässt. Es ist längst Konsens, dass man Deutsch lernen muss, wenn man hier lebt. Es ist Konsens, dass in Deutschland deutsches Recht und Gesetz zu gelten hat. Für alle - wir sind ein Volk.

Es gibt Hunderttausende, die sich täglich für bessere Integration einsetzen. Viele - zum Beispiel als Integrationslotsen - freiwillig, uneigennützig und ehrenamtlich.

"Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland."(Christian Wulff)

[...]


 


 

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