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Vielfalt schätzen - Zusammenhalt fördern

Auszüge aus Wulffs Bremer Rede

Zuallererst eine klare Haltung

Auch wenn wir weiter sind, als es die derzeitige Debatte vermuten lässt, sind wir ganz offenkundig nicht weit genug. Ja, wir haben Nachholbedarf, ich nenne als Beispiele: Integrations- und Sprachkurse für die ganze Familie, Unterrichtsangebote in Muttersprachen, islamischen Religionsunterricht von hier ausgebildeten Lehrern und selbstverständlich in deutscher Sprache. Und ja, wir brauchen auch viel mehr Konsequenz bei der Durchsetzung von Regeln und Pflichten - etwa bei Schulschwänzern. Das gilt übrigens für alle, die in unserem Land leben.

Zu allererst brauchen wir aber eine klare Haltung. Ein Verständnis von Deutschland, das Zugehörigkeit nicht auf einen Pass, eine Familiengeschichte oder einen Glauben verengt, sondern breiter angelegt ist. Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland. Vor fast 200 Jahren hat es Johann Wolfgang von Goethe in seinem West-östlichen Divan zum Ausdruck gebracht: "Wer sich selbst und andere kennt, wird auch hier erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen."

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Der gemeinsame Weg braucht dann aber auch Einigkeit über das gemeinsame Ziel.

"Deutschland, einig Vaterland", das heißt, unsere Verfassung und die in ihr festgeschriebenen Werte zu achten und zu schützen. Zu allererst die Würde eines jeden Menschen, aber auch die Meinungsfreiheit, die Glaubens- und Gewissensfreiheit, die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Sich an unsere gemeinsamen Regeln zu halten und unsere Art zu leben, zu akzeptieren. Wer das nicht tut, wer unser Land und seine Werte verachtet, muss mit entschlossener Gegenwehr aller rechnen - das gilt für fundamentalistische ebenso wie für rechte oder linke Extremisten.

Wir erwarten völlig zu Recht, dass jeder sich nach seinen Fähigkeiten einbringt in unser Gemeinwesen. Wir verschließen nicht die Augen vor denjenigen, die unseren Gemeinsinn missbrauchen. "Unser Sozialstaat ist kein Selbstbedienungsladen ohne Gegenleistungsverpflichtung", so schlicht und so richtig hat es die Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig ausgedrückt. Und weiter schreibt sie in ihrem Buch: "Wenn die Menschen staatlich alimentiert werden, darf die Gemeinschaft erwarten, dass die Kinder wenigstens in die Schule geschickt werden, damit sie einen anderen Weg einschlagen und in ihrem späteren Leben auf eigenen Beinen stehen."

Wir achten jeden, der etwas beiträgt zu unserem Land und seiner Kultur. Es gibt die Ärztin, den Deutschlehrer, den Taxifahrer, die Fernsehmoderatorin, den Gemüsehändler, den Fußballspieler, den Filmemacher, die Ministerin und viele weitere Beispiele gelungener Integration. Auch über die freuen wir uns zu selten.

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Neuer Zusammenhalt in der Gesellschaft ist nur möglich, wenn sich kein Stärkerer entzieht und kein Schwächerer ausgegrenzt wird. Wenn jeder in Verantwortung genommen wird und jeder verantwortlich sein kann.

Wer lange vergeblich nach Arbeit sucht, sich von einem unsicheren Job zum nächsten hangeln muss, wer das Gefühl hat, nicht gebraucht zu werden und keine Perspektive erhält, der wird sich, verständlicherweise, enttäuscht von dieser Gesellschaft abwenden.

Wer sich zur Elite zählt, zu den Verantwortungs- und Entscheidungsträgern und sich seinerseits in eine eigene abgehobene Parallelwelt verabschiedet, auch der wendet sich von dieser Gesellschaft ab. Leider haben wir genau dieses in der Finanzkrise erlebt. Niemand sollte vergessen, was er auch dem Zufall seiner Geburt und unserem Land zu verdanken hat - und er sollte es als seine Pflicht begreifen, unserem Gemeinwesen etwas zurückzugeben.

"Die erfolgreichste Art Zusammenhalt zu stärken, ist anderen zu vertrauen und ihnen etwas zuzutrauen. Menschen können so vieles erreichen, wenn jemand an sie glaubt und sie unterstützt." (Christian Wulff)

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Die erfolgreichste Art Zusammenhalt zu stärken, ist anderen zu vertrauen und ihnen etwas zuzutrauen. Menschen können so vieles erreichen, wenn jemand an sie glaubt und sie unterstützt. Das habe auch ich immer wieder erlebt. In der Kinderkrippe unseres Sohnes, in der behinderte und nicht-behinderte Kinder gemeinsam betreut werden, ist ein kleiner Junge. Seinen Eltern wurde wegen dessen Behinderung vorhergesagt, er würde nur krabbeln lernen können. Jetzt, mit drei Jahren, kann er laufen. Durch neuartige, früh- und heilpädagogische Förderung, weil die Eltern und Erzieher ihn unterstützt und ihm etwas zugetraut haben und er von anderen Kindern lernen konnte.

Wir müssen bei den Kindern anfangen. Wie viele einst an die Einheit geglaubt haben, obwohl sie in weiter Ferne lag, müssen wir uns Ziele stecken, die weit entfernt scheinen, aber erreichbar sind. Kein Kind darf mehr ohne gute Deutschkenntnisse in die Schule geschickt werden. Kein Kind soll die Schule ohne Abschluss verlassen. Kein Kind soll ohne Berufschance bleiben. Es sind unsere Kinder und Jugendlichen, um die es hier geht. Sie sind das Wertvollste, was wir haben, auch vor dem Hintergrund des demographischen Wandels unserer Gesellschaft.

Manches kostet keinen Cent, nur Zeit und Zuwendung: mit einem Kind - nicht nur dem eigenen Kind - etwas zu unternehmen, ihm etwas vorzulesen, ihm zuzuhören. Wir brauchen Eltern, die ihren Kindern sagen: strengt Euch an. Wir brauchen Lob und Unterstützung für Lehrerinnen und Lehrer, die sagen: wir geben nicht auf in unserem Bemühen, jedes einzelne Kind zu fördern und auf den Weg zu bringen. Wir brauchen mehr Unternehmerinnen und Unternehmer, die sagen: wir geben den vielen, die es verdient haben, eine Chance - egal ob er oder sie nun Schulze oder Yilmaz heißt, Kinder hat oder nicht, als zu jung oder zu alt gilt.

Viele, die trotz Widrigkeiten in eine gute Zukunft gehen konnten, verdanken das Menschen, die ihnen in entscheidenden Momenten geholfen haben - einfach so. Ich selbst habe Lehrer und Nachbarn gehabt, die mir geholfen haben, als meine Mutter erkrankte - einfach so. Der Vater der SOS-Kinderdörfer, Hermann Gmeiner, hat es so ausgedrückt: "Alles Große in unserer Welt entsteht nur, weil jemand mehr tut, als er muss".

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Sie sollen erfahren, wie wichtig es ist, die Aufgaben der Zukunft gemeinsam mit anderen anzupacken. Ängste vor Fremdem, Neuem und Konkurrenz nicht abtun, aber dann umso beherzter und mutiger die Zukunft angehen, denn Angst, das wissen wir alle, ist ein denkbar schlechter Ratgeber.

"Lassen Sie uns - nicht nur heute - zusammen stolz sein auf das Erreichte. Aber wir sind nicht fertig, ein Staat, ein Volk ist nie fertig. Es geht darum, die Freiheit zu bewahren, die Einheit immer wieder zu suchen und zu schaffen. "(Christian Wulff)

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Lassen Sie uns - nicht nur heute - zusammen stolz sein auf das Erreichte. Aber wir sind nicht fertig, ein Staat, ein Volk ist nie fertig. Es geht darum, die Freiheit zu bewahren, die Einheit immer wieder zu suchen und zu schaffen. Es geht darum, dieses Land zu einem Zuhause zu machen - für alle; sich einzusetzen für gerechte Verhältnisse - für alle. Dieses Land ist unser aller Land, ob aus Ost oder West, Nord oder Süd und egal mit welcher Herkunft. Hier leben wir, hier leben wir gern, hier leben wir in Frieden zusammen - hier stehen wir ein für Einigkeit und Recht und Freiheit.

[...]"

(FN)


 


 

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