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Karmann-Rettung

Volkswagen baut ab 2011 Autos in Osnabrück - Lob für Christian Wulff

Als vor wenigen Stunden die Information herumgeisterte, ein Prototyp des aus einer Kooperation zwischen dem Energieversorger EWE und Karmann hervorgegangenen Elektromobils "E 3" sei auf dem Weg gen Osnabrück, machte sich so etwas wie Zuversicht über das Schicksal von Karmann breit. Nun ist es amtlich: VW baut ab 2011 Autos in Osnabrück.

Zwar war zuvor schon bekannt geworden, dass man von einer Rettung des Unternehmens ausgeht, dennoch blieb der Umfang unklar. Zwischenzeitlich gab es Annahmen, dass VW alleine an Werten des Osnabrücker Traditionsunternehmens interessiert sei. Dies hat sich am Freitag nicht bestätigt.

Konflikt mit Eigentümerfamilien

Konflikte gab es insbesondere wegen der nach Ansicht der VW-Oberen zu hohen finanziellen Forderungen der Eigentümerfamilien Karmann, Boll und Battenfeld. Diese sind Gesellschafter einer als KG geführten Gesellschaft, die in einem Firmengeflecht wiederum Anlagen und Grundstücke an die insolvente Karmann GmbH vermietet hatte. Dieses Unternehmen war nicht von der Insolvenz der Karmann GmbH betroffen. Entsprechend versuchten die Gesellschafter lange mit den verbliebenen Werten von Karmann Kasse zu machen. Auch die noch offenen Kredite für eine moderne Lackieranlage sollen eine Rolle gespielt haben. Ministerpräsident Wulff machte sich persönlich für eine Lösung stark.

Volkswagen hat am Freitag zwar eine Entscheidung getroffen, muss aber nach Konzernangaben auf dieser Grundlage nochmal mit den Eigentümerfamilien und dem Insolvenzverwalter eine abschließende Einigung erzielen. In der Bredoullie sitzen aufgrund der klar formulierten Übernahmeabsicht von VW nun womöglich die Familien Karmann, Boll und Battenfeld: geben Sie bei ihren Forderungen nicht nach oder finden keine gesichtswahrende Lösung mit VW für die übrigen Anlagen und Grundstücke in Osnabrück, dürfte der Druck auf sie sehr groß werden. Unbestätigten Berichten zufolge, soll es über einen Teil der Anlagen bereits eine Einigung geben.

Neue Volkswagen- Tochtergesellschaft

Die Planungen von VW sehen darüber hinaus bereits innerhalb der kommenden Wochen die Gründung einer neuen Volkswagen-Tochtergesellschaft für den Fahrzeugbau sowie den Start eines neuen Fahrzeugprojektes vor. Bis Ende November sind die Löhne bei Karmann noch sicher.

Fahrzeugproduktion: Start 2011

Volkswagen will mit der Fahrzeugproduktion Golf VI Cabrio in Osnabrück 2011 neu beginnen. Hierzu will der Konzern nach eigenen Angaben in einer neuen Gesellschaft bis 2014 über 1.000 Arbeitsplätze aufbauen. Bestehende Entwicklungsverträge sollen jedoch bis dahin fortgeführt werden. Kurzfristig würden bereits im kommenden Jahr rund 200 Mitarbeiter zum Anlauf und zum Projektstart benötigt, erklärte man in Wolfsburg. Die Volkswagen-Osnabrück GmbH soll als sechster Standort Volkswagens in Niedersachsen mit Werkzeugbau, Presswerk, Lackiererei, Montage und weiteren Bereichen ihre Arbeit aufnehmen. Der Standort soll am Ende Entwicklung, Serienfertigung, Karossenfertigung und Komplettfahrzeugbau betreiben.

Bei den vorgesehenen Neueinstellungen will man auch ehemalige Karmänner wieder mit ins Boot holen. Sie verfügen bereits über langjährige Erfahrung und müssen nicht mehr mühselig ausgebildet werden. Damit wird zugleich auch einer Forderung des Karmann-Betriebsrats und der Gewerkschaft IG Metall Rechnung getragen. Eigentlich ist es aber der Antrieb aller bei der Rettung von Karmann gewesen. 

"Stille Helden" im Hintergrund

Auch die "stillen Helden" im Hintergrund, wie EWE-Chef Werner Brinker, spielen eine Rolle. Dessen Konzern glänzte zwar lange mit einem kindischen Versteckspiel seiner zuweilen noch nicht ganz perfekten Fahrzeugstudie "E 3" vor der Presse, war aber da, als es um den Erhalt des Autobaus in Osnabrück ging. Hätte sich der Volkswagen-Konzern, dem Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) zuletzt noch beim Konflikt Wiedeking-Porsche zur Seite stand, gegen Karmann entschieden, wäre womöglich auch der hilfsbereite Brinker unter die Räder seines "E 3" gekommen - Autos werden schließlich in Osnabrück nicht mehr gebaut, die Fahrzeugproduktion ist derzeit eingemottet. Was taugt die beste Fahrzeugstudie, wenn sie der Partner - von Prototypen einmal abgesehen - nicht bauen kann?

Im Rheinland rund um Köln heißt es: "Man kennt sich, man hilft sich." Und so geschah es auch: Solange es den "E 3" gab, war Karmann in aller Munde. Und zwar nicht mit der Assoziation eines dahinsiechenden Autobauers, sondern als Innovationsschmiede. Und das dürfte nach dem Motto "Totgesagte leben länger" schon eine gewisse Rolle im gesamten Prozess gespielt haben. Da konnte der Ministerpräsident nicht einfach den guten Kumpel Brinker im Stich lassen, der ihm noch kurz zuvor in seiner Heimat Osnabrück zur Seite gestanden hatte.

Know-how bleibt in Osnabrück

Zwar ist von den einst 7.000 Mitarbeitern bei Karmann nicht mehr viel übrig, allerdings hält die Fortführung des Autobaus Know-how in Osnabrück. Das Engagement von VW könnte die Keimzelle für einen Neuanfang der "Autostadt Osnabrück" sein. Den vielen Karmännern und -frauen, die ihren Job dennoch langfristig verloren haben, wird das kaum ein Trost sein. Ministerpräsident Wulff kann und wird sich aber darauf berufen, seine Heimatstadt nicht hängen gelassen zu haben. Es war für ihn ohnehin eine Wahl zwischen Cholera und Pest.

Karmann- Betriebsrat hofft

Karmann-Betriebsratsvorsitzender Wolfram Smolinski hofft derweil, dass möglichst viele der Karmann-Beschäftigten eine neue berufliche Perspektive am neuen VW-Standort finden. Einen besonderen Dank richtet er gleichzeitig an Christian Wulff (CDU). Der Ministerpräsident habe sich für Karmann stark gemacht, würdigt er den Einsatz des Politikers, der Kooperationspartner, Banken, Arbeitnehmer, Eigentümerfamilien und Insolvenzverwalter zusammen brachte. Nach Karmann hat Osnabrück nun ein neues Autobauer-Baby. Auf das es wächst und gedeiht!

(Onur Yamac)


 


 

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