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Meinungen zum Tod von Christoph Schlingensief

Filmkünstler und Theaterregisseur Christoph Schlingensief verstarb am Samstag im Alter von 49 Jahren an Lungenkrebs. Der bekannte Kulturschaffende hinterließ auf seinem Lebensweg mit seinen vielen spektakulären Projekten immer wieder für Aufsehen. Für viele Medien Grund genug für einen Nachruf.

Neue Osnabrücker Zeitung: Die Angst als Kunst

Osnabrück. Trash-Kino zum Mauerfall, Parteigründung, ironischer Mordaufruf gegen Kohl. Schlingensief lieferte Schlagzeilen. Im Kulturbetrieb führte das zur doppelten Wahrnehmung: Die einen sahen ihn als geniales Enfant terrible. Die Gegenseite witterte einen narzisstischen Selbstvermarkter - obwohl sein Anliegen stets das Wohl der anderen war, das der Arbeitslosen, der Behinderten, zuletzt der Afrikaner. Das Paradoxe: Der Vorwurf der Selbstdarstellung verstummte genau in dem Moment, als Schlingensief sich tatsächlich selbst zum Thema wurde, auf die grausamste Weise. Sein letzter Stoff, das Sterben, war so unbestreitbar echt, so relevant und so berührend, dass alle Kritik sich erledigt hatte. Die Schutzlosigkeit, in der er nun auch seine Angst zu Kunst machte, wirkte auf das ganze Werk zurück: Schlingensief war, jetzt sah es jeder, gerade nicht zynisch. Bis zuletzt hat er darauf bestanden, in absichtsvoller Naivität das Ungerechte schlimm zu finden. Und ungerecht und schlimm ist auch sein Tod.

Neue Westfälische: Christoph Schlingensief ist tot - Ein Leben unter Strom

Bielefeld. (Von Stefan Brams) Mit Christoph Schlingensief haben wir einen großen Theater-, Film- und Opernregisseur verloren. Einen Provokateur, der das Theater liebte und die Grenzen der Kunst immer wieder ins Politische überschritt, sich auf seine ganz spezielle Art gesellschaftspolitisch einmischte, provozierte, nie bequem war, jede Harmonie zertrümmerte und voller Energie und immer unter Strom lebte. Schlingensief war einer, der einstand für das, was er wollte - mit jeder Faser seiner Existenz. Einer, der auch angesichts des Todes nicht aufgab, weiterarbeitete, schrieb, redete, ankämpfte gegen die Krankheit , noch neue Aufgaben übernahm wie die Gestaltung des deutschen Pavillons für die Biennale 2011 in Venedig, seinen Traum von einem Festspielhaus in Burkina Faso zäh verfolgte. Und Schlingensief war einer, der sich treu blieb. Obwohl er in den vergangenen Jahren immer mehr Anerkennung erfuhr, im Mainstream anzukommen schien, in Talkshows gern gesehen war, ließ er sich nicht korrumpieren, blieb skeptisch, spöttisch und angriffslustig - bis zuletzt. Nur den Krebs konnte auch er nicht besiegen. Verzweifelt schrieb er: "Ich hab keinen Bock auf Himmel. So schön wie hier kann es im Himmel gar nicht sein." Er wird fehlen in dieser Welt der Aalglatten und Angepassten.

Westdeutsche Allgemeine Zeitung: Schlingensiefs trotziger Kampf - Die letzte unbekannte Größe

Essen. (Von Lars von der Gönna) Christoph Schlingensief hat über seine Krebserkrankung ein öffentliches Tagebuch geschrieben. Er hat den drohenden Tod zu Theater gemacht: Eine seiner Arbeiten zeigt dort, wo sonst in der Monstranz die Hostie steckt, ein Röntgenbild der Lunge. Man möchte die Formel vom "öffentlichen Sterben" gebrauchen, aber das trifft es schlecht. Schlingensief, der Umstrittene, hat das Gegenteil getan, er hat dem Sterben etwas entgegengesetzt: fast bis zuletzt sein sichtbares, trotziges Leben, dessen Grundpfeiler bekannte Größen waren: entwaffnende Offenheit und künstlerischer Wagemut. Der Tod eines Menschen ist kein Kommentar-Thema. Aber Christoph Schlingensiefs Tod lässt einen Blick auf diese Gesellschaft zu, auf ihre Überforderung hinsichtlich eines Themas, das alltäglich sein sollte, aber so weit davon entfernt ist wie nie zuvor. In der Antike beschrieb man Tod und Schlaf noch als Zwillinge. Und der Dichter Matthias Claudius hat im Tod einen Freund gesehen. Das sind Vorstellungen, die unmöglich geworden sind für unsere Zeit, in der eine Größe stört, die nur für eines steht: das Ende. Christoph Schlingensief hat das sehr ehrlich und fast humorvoll benannt: "Ich bin nicht verbittert, aber ich bin beleidigt." In einer Gesellschaft, in der sich nicht nur die Kunst grenzenlos ausleben kann und der Mensch das Maß ist, fällt dem Tod eine Außenseiterrolle zu, die er früher nicht hatte. Er ist die Disziplin, die wir nicht beherrschen, die letzte unbekannte Größe. Täglich verlängern wir das Leben - ahnungslos, vor wem oder was wir Aufschub erlangen. Seltsame Koexistenz von Tabu und Faszinosum: Dieselben Menschen, die über Wochen in aller Akribie das Sterben eines Papstes oder das Todesmysterium des King of Pop verfolgen, halten die Gegenwart eines verstorbenen Angehörigen keine Stunde aus. Es kann gar nicht schnell genug der Bestatter vorfahren. Zugleich prosperiert ein Markt, der noch im Tode Bedürfnissen von Unverwechselbarkeit Rechnung trägt, um nur nicht gegen den großen Gleichmacher zu verlieren. Wir gehen im Designer-Sarg und originellen Beisetzungs-Kreationen. Oder so, als ob wir gar nicht dagewesen sind: anonym. "Es kann doch nicht sein, dass nichts von einem bleibt, wenn man tot ist", war ein verzweifelter Satz, den Christoph Schlingensief zuletzt oft gesagt hat. Er hat alles getan, damit etwas blieb. Sonntagnacht schrieb jemand ins virtuelle Kondolenzbuch: "Hab' das Genie zu spät erkannt." Ein Satz, der auf tragische Weise passt in Schlingensiefs wütende Chronik eines zu frühen Abschieds.

(ots)


 


 

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