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Reden wie Gott in Frankreich

Daniel Cohn-Bendit mit Cicero Rednerpreis ausgezeichnet

Der deutsch-französische Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit wurde am heutigen Dienstag mit dem Cicero Rednerpreis 2009 ausgezeichnet.

Mit ihm werde ein Redner geehrt, der "mit Argumentationskraft und Leidenschaft das große Ziel republikanischer Rede seit der Antike - dem Menschen als Bürger ein gelungenes Leben zu ermöglichen - über die nationalen Grenzen hinweg wieder belebt hat", so der Verlag für die Deutsche Wirtschaft als Stifter des Preises. Der 1945 in Frankreich geborene Daniel Cohn-Bendit war einer der Führer der 68er-Studentenbewegung und der damaligen Proteste in Paris. Er ist aktuell für die französischen Grünen Mitglied des Europäischen Parlaments.

Preis für herausragende rhetorische Leistungen

Der Cicero Rednerpreis wird vom Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG seit 1994 für herausragende rhetorische Leistungen gestiftet. Eine unabhängige Jury wählt den jährlichen Preisträger. Bei dem undotierten Preis handelt es sich um eine Bronzebüste des römischen Staatsmannes und Philosophen Marcus Tullius Cicero, geschaffen von dem französischen Künstler Hubert Floriot. Preisträger des Jahres 2008 war der Philosoph Peter Sloterdijk.

"Früher haben Polizisten, Richter und andere Vertreter der herrschenden Kräfte über Cohn-Bendit Dinge gesagt wie: Den schnappen wir uns noch. Heute haben Sie, die Sie den Rhetorik-Preis vergeben, ihn tatsächlich geschnappt." (Dr. Franziska Augstein, Journalistin)

Cohn-Bendit ist Kind zweier Länder

Die Journalistin Dr. Franziska Augstein hob in ihrer Festrede die souveräne Aufgeschlossenheit des Verlages und der Jury hervor: "Früher haben Polizisten, Richter und andere Vertreter der herrschenden Kräfte über Cohn-Bendit Dinge gesagt wie: Den schnappen wir uns noch. Heute haben Sie, die Sie den Rhetorik-Preis vergeben, ihn tatsächlich geschnappt. Und dafür sind Sie zu beglückwünschen." Augstein nannte drei Gründe, die Cohn-Bendit von Kindesbeinen an zum guten Redner prädestiniert hätten: "Er wurde geliebt, als er auf die Welt kam. Und wer früh geliebt wird, wird stark und selbstbewusst", so Augstein. Der zweite Grund sei, dass Cohn-Bendit sich nicht selbst genüge zum Reden, sondern das Publikum brauche. Daher würde er so reden, dass das Publikum ihn liebt. Den dritten Grund sieht Augstein in der Herkunft: "Daniel Cohn-Bendit ist ein Kind zweier Länder. Er kennt die mentalen Unterschiede zwischen den atomgeilen, zentralistischen Froschmördern und den besorgten Deutschen, die Angst vor dem Sozialabbau haben und aus diesem Grund offenbar in Scharen die FDP gewählt haben, die ihnen den Sozialabbau von Anfang an quasi versprochen hat - da kann es wenigstens keine unliebsamen Überraschungen geben."

Cohn-Bendit: nicht nur Schlagwortgeber

Prof. em. Gert Ueding hob in seiner Laudatio Cohn-Bendits Stärke hervor, situationsgerecht zu reden, spontan zu reagieren. "Er ist Meister darin, die Gelegenheit beim Schopfe zu fassen", so Ueding. Da die politische Rede sich nicht in den Feldern Wahrheit und Irrtum, sondern sich im Bereich der Meinungen bewege, könne sie nur mit Glaubwürdigkeit und Wahrscheinlichkeit operieren: "Weil wir politisch nichts wissen, sondern nur begründet meinen können, brauchen wir die Sprache, die plausible Rede." Sie ermögliche erst politische Entscheidungen, in dem sie das Strittige zur Sprache brächte, um das erreichbar Mögliche zu verwirklichen. Die weiterführende Schule fürs spätere politische und rednerische Leben von Cohn-Bendit sieht Ueding in der vielgeschmähten 68iger Studentenbewegung, in den restaurativen, versteinerten Verhältnissen, gegen die Cohn-Bendit anredete. "Sie sehen Geschichte nicht nur als Stichwortgeber bei Festveranstaltungen. In Ihren Reden gewinnt sie praktische Bedeutung, wird sie als das genommen, was sie auszeichnet: nämlich Produkt menschlicher Tätigkeit zu sein." Mit dieser Überzeugung wirke Cohn-Bendit als Europa-Politiker, das würde seine Politikentwürfe so überzeugend machen. Ueding: "Sie verbinden in Ihren Reden politisches und rednerisches Vermögen als die zwei Seiten derselben Berufung. Sprachkraft und Entscheidungsfähigkeit, rhetorische Argumentationskunst und politische Klugheit haben in Ihnen einen gemeinsamen persönlichen Nenner gefunden. Der Bürger ist für Sie ein mündiger Gesprächspartner, und das nicht nur vor Wahlen." Solange es solche Redner wie Cohn-Bendit gebe, bräuchten wir ob der üblichen Sprachlosigkeit der Politik nicht zu verzweifeln. Vom Protagonisten des Pariser Mai zum Hoffnungsträger der parlamentarischen Demokratie - das sei eine seltene, viel zu seltene Karriere. "Schaffen wir also mit Ciceros Hilfe zwei, drei viele Cohn-Bendits", so der Laudator zum Schluss seiner Rede.

(Redaktion)


 


 

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