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Kommentar von Christopher Kalbhenn

Game over für Deutsche Börse Nyse

Wenn die Historie der Fusions- und Übernahmeversuche der Deutschen Börse einen Aussagewert hat, ist es um ihren geplanten Zusammenschluss mit der Nyse Euronext nach dem Gegengebot der Nasdaq OMX und der Intercontinental Exchange (ICE) schlecht bestellt. Denn nachdem die schwedische OM im Jahr 2000 ein Gebot für die London Stock Exchange abgegeben hatte, folgte wenig später das Aus für die geplante Fusion der Deutschen Börse mit Europas führendem Marktbetreiber zur IX International Exchange.

Man muss jedoch nicht die Vergangenheit bemühen, um zu erkennen, dass der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Börse , Reto Francioni, seinen Traum vom großen transatlantischen Deal wohl begraben muss. Der Vergleich könnte sogar leicht in die Irre führen. Das Gebot der OM war, wie einer ihrer Manager später sagen sollte, nur der "letzte Sargnagel" für das bereits angezählte IX-Projekt. Dagegen trifft das Gebot von Nasdaq OMX und ICE nun ein Fusionsprojekt ins Mark, das bislang auf einem guten Weg zu sein schien. Dass die Deutsche Börse in der Lage ist, sich auf einen Bieterkampf einzulassen, ist unbestreitbar. Allerdings wird sie das 11,3 Mrd. Dollar schwere Gebot ihrer Rivalen übertreffen und zudem auch eine Cash-Komponente auf den Tisch legen müssen. Das würde jedoch erheblich mehr Überzeugungsarbeit bei den Anteilseignern erfordern als das derzeitige Fusionsprojekt.

Nyse- Offerte überboten

Die Aktionäre sind dabei noch das kleinere Problem. Schwerwiegender ist, dass Nasdaq OMX und ICE das Fusionskonzept Francionis und seines Gegenparts bei der Nyse Euronext, Duncan Niederauer, über den Haufen werfen. Die detailliert ausbalancierte Verteilung von Macht und Management-Kapazitäten auf die betroffenen Finanzplätze ist nur noch Makulatur. Ein geschickter Schachzug ist das Gegengebot vor allem dadurch, dass der Deutschen Börse und der Nyse Euronext nun der Weg über einen Merger of Equals, eine Fusion unter Gleichen, versperrt wird. Um noch zum Zuge zu kommen, bleibt dem Frankfurter Unternehmen, dessen Offerte um nahezu 20% überboten worden ist, nur noch die Übernahme der Nyse Euronext. Unter diesen Umständen könnte Duncan Niederauer, selbst wenn er den Posten des Chief Executive Officer erhielte, kaum noch in Washington glaubhaft versichern, dass die Amerikaner in dem fusionierten Unternehmen die Hosen anhaben.

Fragen bleiben

Ohnehin ist kaum vorstellbar, dass man die Übernahme der New Yorker Börse, des Kronjuwels der amerikanischen Finanzindustrie, durch einen ausländischen Börsenbetreiber in den USA akzeptieren würde. Vielmehr wäre das Wasser auf die Mühlen der bisher noch nicht sehr erfolgreichen Gegner von "DB Nyse" im Kongress. Ihr Sturmlauf gegen den vermeintlichen Ausverkauf der Nyse an eine aus ihrer Sicht unbedeutende Börse irgendwo in Europa würde schnell Zulauf erhalten. Eine Fusion unter Amerikanern dagegen kann sich in den USA auf Zustimmung auf breiter Front verlassen.

Ein Scheitern von "DB Nyse" zugunsten einer inneramerikanischen Großfusion wird in vielfältiger Hinsicht erhebliche Folgen haben. So wird sich Francioni - wenn er nun wahrscheinlich nicht Chairman der führenden Börsenorganisation der Welt werden kann - möglicherweise die Frage stellen, ob er überhaupt noch weitermachen bzw. eine weitere fünfjährige Amtsperiode als Vorstandsvorsitzender der Deutschen Börse vereinbaren will. Von noch größerer Tragweite sind allerdings die Folgen für die europäische Börsenlandschaft - Folgen, die die Perspektive, Vorstandsvorsitzender der nun wieder von fortgesetzter Stagnation bedrohten Deutschen Börse zu bleiben, nicht unbedingt attraktiver machen. Nach einem Zusammenschluss der beiden New Yorker Börsen wird nämlich ein amerikanischer Marktbetreiber vier westeuropäische, fünf skandinavische und die drei baltischen Aktienmärkte verwalten und damit zur führenden Börsenorganisation in Europa aufsteigen. Für die Deutsche Börse bleibt es im europäischen Aktiengeschäft bei Rang 4 - mit weitem und wachsendem Abstand hinter der Londoner Börse, Nasdaq/Nyse und dem aus der Fusion der alternativen Plattformbetreiber Bats und Chi-X entstehenden Unternehmen.

Der Autor schreibt für die in Frankfurt/Main erscheinende "Börsen-Zeitung".

(Redaktion / ots)


 


 

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