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Meinungen zu den andauernden Studentenprotesten in Deutschland

Die Protestwelle an den Hochschulen in Deutschland hat nun auch die Medien erreicht. Wieder einmal wollen Studenten auf die Missstände im Bildungssystem aufmerksam machen und besetzen Universitätsgebäude. Und das bereits wenige Monate nach dem letzten Aufbegehren. In den Medien wird der Protest durchweg positiv aufgenommen. Begründet wird dies mit zum Teil widersprüchlichen Leistungsanforderungen und der völlig mangelhaften Umsetzung der Bologna-Reform. Mit ihr sollten eigentlich die Bildungsstandards in Europa vereinheitlicht werden. Nun leiden insbesondere die Studenten darunter.

Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ): Studentenproteste - Bildungsfrust

Essen. (Von Christopher Onkelbach) Noch bevor die i-Dötzchen ihre Schultüten bekommen, wird ihnen eingetrichtert: Bildung! Bildung ist das Wichtigste. Sie lernen: Ohne die richtigen Abschlüsse werde ich nicht konkurrenzfähig sein im Rennen um gute Arbeitsplätze; ohne Bildung kann ich nicht teilhaben am gesellschaftlichen Leben, muss Karrierehoffnungen begraben. Sie hören es von Eltern, Lehrern, Politikern und Wirtschaftslenkern. So wird der erste Schultag zum Startschuss für einen immer härteren Hürdenlauf durch das Bildungssystem - mit ungewissem Ausgang. Aus dieser Ungewissheit speist sich zu einem guten Teil die Wut der Schüler und Studenten. Sie wollen lernen und leisten, spüren aber, dass ihnen dauernd Steine in den Weg gelegt werden. Nach dem Turbo-Abi warten Turbo-Studium, Vorlesungen auf Treppenstufen trotz Studiengebühren und eine Studienstruktur, die mehr Bildungsfrust als Bildungslust erzeugt. Im Juli, nach den Protesttagen, hatte Bildungsministerin Schavan 20 Studenten eingeladen, um sich deren Sorgen anzuhören. Interessant sei es gewesen, sagte sie. Viel mehr ist nicht passiert. So nimmt man nicht nur die jungen Menschen nicht ernst, so konterkariert man auch die eigenen Bildungsappelle.

Neue Westfälische: Protestwelle an Hochschulen - Studium Bolognese

Bielefeld. (Von Bernhard Hänel) Langsam, aber allmählich endet die Zeit, da sich die Jugend der Generation Kohl angepasst und fleißig durchs Leben zu schlängeln versuchte. Vornehmlich der akademische Nachwuchs hatte lange die Losung für bare Münze gehalten, wonach jeder seines Glückes Schmied sei. Inzwischen mussten und müssen immer mehr die Erfahrung machen, dass dies ein Trugschluss war oder Gaukelei. Mit noch so guten Examensnoten enden immer mehr als Dauer-Praktikanten. Sie leisten beste Arbeit unter dem Hartz-IV-Satz. Generation Praktikum nennt man diese Gruppe. Das ist ein europäisches Phänomen. Und europäische Vorgaben und Beschlüsse sind es auch, die langsam, aber stetig das Fass zum Überlaufen bringen. Der Bologna-Prozess der Vereinheitlichung der Studienabschlüsse war nötig und sinnvoll. Die Ausführung aber ist miserabel geraten - in nahezu allen europäischen Staaten. Das erklärt auch die Woge des Protests, der immer mehr Hochschulen in immer mehr Staaten erreicht. Das Rad zurückdrehen aber wollen die wenigsten. Denn diese Generation der Studierenden denkt weit realistischer, als Politiker glauben und selbst handeln. Ein Beispiel nur. In NRW wird über Lehrermangel geklagt und gleichzeitig ein verschärftes Lehrerausbildungsgesetz in Kraft gesetzt. Doch schon heute ist die Zahl der Studienabbrecher eklatant hoch. Gelänge es, sie nur zu halbieren, stünden bis zu 2.000 zusätzliche Lehrer zur Verfügung. Natürlich kann die Besetzung von Unis nicht das letzte Wort sein und zum Dauerzustand werden. Darum gilt es, einen Dialog aufzunehmen. Da müssen sich auch Rektoren stellen und gegebenenfalls auch ihre Zwänge und Zweifel erläutern. Das lässt sich ebenso kurzfristig organisieren wie ein Einsatz der Polizei. Der wäre eine verzichtbare Innovation in 40 Jahren Universität Bielefeld.

Lausitzer Rundschau: Studenten kämpfen für bessere Lernbedingungen - Richtig und wichtig

Cottbus. Die letzten Studentenproteste sind gerade mal fünf Monate her. Damals kanzelte Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) den Bildungsstreik als "zum Teil gestrig" ab. Heute zeigt sich, dass dieser Vorwurf großer Quatsch gewesen ist. Einige Wochen später lud sie dann Studierende, Polit-Kollegen und Experten zum Meinungsaustausch ein. Gut, dass geredet wurde. Aber reden ersetzt das Handeln nicht. Das gilt für Bund und Länder gleichermaßen. Und deshalb sind sie wieder da, die (un-)lieben Studenten. Wie Schavan halten es die meisten hochkarätigen Bildungspolitiker am liebsten so: Sie zeigen Verständnis, sie versprechen und fordern, um zu beruhigen. Und sie verheddern sich anschließend - ob gewollt oder nicht - in einem unterfinanzierten, bürokratischen Bildungsapparat, der sich salbt mit Pseudo-Reformen, einer Vielfalt an Programmen, Konzepten und Konferenzen. Wann ist zuletzt ein Politiker sitzend auf den Treppenstufen eines völlig überfüllten Hörsaals erblickt worden, nachdem er Studiengebühren bezahlt hat? Wann hat sich ein Minister mal durch den zerfledderten Bestand einer Bibliothek gekämpft? Oder wann hat man ihn völlig verzweifelt eine von diesen absurden Prüfungs- und Studienordnungen in die Ecke werfen sehen? Selten bis nie. Gut, Bildungspolitik in ihrer Breite lässt sich nicht allein durch praktische Erfahrung gestalten. Aber ein waches Auge auf die wirklichen Probleme des Systems hilft, dem Bürokratismus zu begegnen und Verständnis für die Nöte zu erlangen. Und es motiviert zum Handeln. Dass es Bund und Ländern daran fehlt, zeigt allein der Umstand, dass in diesem Land die Verantwortung für die diversen Bildungsmiseren stets hin und her geschoben wird. Gerade die Unis können davon ein Lied singen. Vieles von dem, was die heutige Generation jetzt beklagt, begleitet Studenten nämlich schon seit Jahrzehnten. Mal mehr, mal weniger. Neu ist, dass Studierende kürzer, "mobiler", "orientierter", berufsnäher und international anschlussfähiger studieren sollen. Dass aber diese zügellosen Kontroll- und Effizienz -Fantasien der Bildungspolitiker den Studenten die für den Erfolg ebenfalls so wichtige Studienfreiheit nehmen, wird schlichtweg ignoriert. Das treibt derzeit die Studenten zu Recht auf die Barrikaden. Bund und Länder haben vor einem halben Jahr eingeräumt, dass es bei der Organisation der Hochschul- und europäischen Bildungsreformen und bei der Stoffverdichtung massive Probleme gibt. Viel passiert ist seit den warmen Worten nicht. Durchgehen lassen darf man den realitätsfernen Bildungspolitikern das nicht. Deshalb: Richtig so, Studenten!

Neues Deutschland: Zu den Studentenprotesten

Berlin. Der Hinweis, Einstein und Goethe seien Deutsche gewesen, nutze uns heute nicht viel, meinte kürzlich DGB-Chef Michael Sommer auf einer Bildungskonferenz seiner Organisation in Berlin. "Goethe und Einstein sind schon lange tot." Das war an die anwesende Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) gerichtet und sollte soviel heißen wie: Es kommt darauf an, Politik für die Zukunft zu machen, statt sich mit dem Ruhm der Vergangenheit zu begnügen. Als Einstein studierte gab es noch keinen europäischen Hochschulraum, keine modularisierten Studiengänge, war nicht die Rede vom Bachelor als "erstem berufsqualifizierenden Hochschulabschluss". Wie hat das der junge Albert damals eigentlich geschafft, dennoch zu bahnbrechenden wissenschaftlichen Erkenntnissen zu kommen? Das schaffte er, weil er als "technischer Experte 3. Klasse" beim Schweizer Patentamt in Bern angestellt war und die Arbeit ihm genug Zeit für seine Forschungen ließ. Die Relativitätstheorie müsste heute warten, entdeckt zu werden. Die Studienpläne sind überfrachtet, ein Bachelor-Abschluss verspricht vielfach nur prekäre Arbeitsverhältnisse und europäisch ist an dem europäischen Hochschulraum allenfalls das Ausmaß des derzeitigen Studentenprotestes. Ob sich das die Väter und Mütter der sogenannten Bologna-Reform so vorgestellt haben, als sie sich vor zehn Jahren in der norditalienischen Stadt Bologna trafen?

(ots)


 


 

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