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Ein Herz für Kufengleiter

Die größte Schlittensammlung Deutschlands hat ein Bielefelder

Wer hierzulande romantische Winterstimmung zaubern will, der verlässt sich lieber auf Horst-August Bollweg als auf den Wettergott. Dem Bielefelder gehört die größte Schlittensammlung in Deutschland, vielleicht sogar in Europa. Prächtige Kufengleiter aus seinem Besitz schmücken in den Wintermonaten Innenstädte, Hotel-Lobbys oder Modehäuser. Für einen Werbespot wurde ein Bollweg-Schlitten vor den Fünfer-BMW gespannt. Und in einem blau-roten Modell nahm Werbeikone Verona Pooth Platz.

Rund 250 Schlitten aus drei Jahrhunderten nennt Horst-August Bollweg sein Eigen. Rund 250 Schlitten aus drei Jahrhunderten nennt Horst-August Bollweg sein Eigen. Den allerersten erstand er vor über 40 Jahren, als seine Sammelleidenschaft noch ausschließlich historischen Webstühlen galt. „Ich hatte in einem Antiquitätenladen ein Auge auf ein wertvolles, 300 Jahre altes Stück geworfen. Der Händler gab sein Geschäft auf und wollte mir den Webstuhl nur dann überlassen, wenn ich auch den Schlitten erwerbe.“ Die Suche nach einem neuen Besitzer blieb ohne Erfolg. Das Gefährt stand eine ganze Weile unbeachtet auf der Bollwegschen Terrasse bis, „ja, bis mir die Augen für dieses besondere Stück geöffnet wurden.“ Der Kirchschlitten anno 1885 hatte eine weitere Sammelleidenschaft in dem heute 73-Jährigen entfacht.

Rund 250 Schlitten füllen mehrere Depots

Seither hat der Bielefelder manches verkannte Schmuckstück vor dem Verfall bewahrt. Selbst auf die Suche machen muss er sich dafür kaum noch. „Ständig fragt mich jemand, ob ich mal seinen Schlitten auf dem Speicher anschauen will“, berichtet Horst-August Bollweg, der seine Schätze auf mehrere Depots aufteilen muss. Das Gros lagert in einer angemieteten Halle. Im restaurierten Schaf- und Schweinestall von Gut Böckel, einem herrschaftlichen Gut in Rödinghausen bei Bünde, hat er ein schmuckes Schlittenmuseum mit mehr als 50 ausgewählten Exponaten eingerichtet. Horst-August Bollweg war früher in der Textilbranche tätig und hat einen sicheren Blick für Stile, Farb- und Formengebung. „Schauen Sie sich diese Proportionen und Details an“, schwärmt er und lässt seine Hand über das Holz gleiten. „Wenn man bedenkt, wie bescheiden die Mittel unserer Vorfahren waren – ist das nicht beeindruckend?“ Das ist es. Vor allem deshalb, weil der Bielefelder dem Betrachter mit seiner Sammlung die Augen für die gesamte Kulturgeschichte des Schlittens öffnet.

Schon die Ägypter setzten auf Kufen

Lange bevor das Rad erfunden wurde, hat der Mensch schwere Lasten mit einer „Schleife“ transportiert. Dieses simple, aus zusammengelegten Zweigen oder einer Tierhaut konstruierte Vorläufermodell des Schlittens fand bereits in der Steinzeit Verwendung. Die Ägypter benutzten mit Kufen ausgestattete Gefährte zum Transport mächtiger Steinkolosse für den Bau der Pyramiden. In Europa war der Schlitten im 19. Jahrhundert noch ein unverzichtbares Fortbewegungsmittel für Menschen und Lasten, auf dem viele Arbeiter hilflos in den Tod rutschten. Der rustikale Hornschlitten aus dem Alpbachtal ist einer davon: Er diente zum Transport von Heu und Holz in den Alpen. „In bestimmten Gegenden gehörte der Schlitten zur Mitgift der Tochter“, weiß der Sammler von dieser Zeit zu berichten. Viele von Bollwegs Stücken stammen aus Süddeutschland, einer Region, wo der Bielefelder über 40 Jahre gelebt hat. Einige Exponate sind im Originalzustand erhalten, andere wurden von qualifizierten Fachleuten sorgsam restauriert. Der agile Senior ist froh und dankbar, dass er über die Jahre Mitstreiter in Ostwestfalen gefunden hat, die sich genau wie er für die prächtigen Gefährte begeistern können. „So etwas geht nicht nur mit den Händen. Da muss auch immer das Herz mitspielen“, sagt Horst- August Bollweg und fügt hinzu: „Bei einer Restaurierung kann manchmal weniger mehr sein.“

Ältestes Modell stammt von 1780

Mit großem Vergnügen macht er sich daran, den Schlitten ihr ursprüngliches Gesicht zurückzugeben. Hier ein Auskleiden mit feinem Leder und kostbarem Stoff, dort ein Ausstaffieren mit Tierfellen und Decken. Bei einem Hubertus-Jagdschlitten von 1880 hat er das Hubertuskreuz auf dem Schneefang nachgearbeitet. „Diesen Farbton haben wir ganz gut hinbekommen“, sagt der Sammler zufrieden und erklärt, was die Fahrt mit diesem Schlitten so praktisch machte: Eine Ablage im hinteren Teil diente dem Abtransport des erlegten Wildes. Bollwegs ältestes Stück, ein Kinderschlitten aus Donauwörth, Jahrgang 1780, ist ein Leichtgewicht. Die größten Gefährte in seiner Sammlung bringen zwei bis vier Zentner auf die Waage. Da gibt es den Kirchschlitten aus Salzweg bei Passau, eine Konstruktion aus Holz und Eisen mit Lurex-Polstern und zwei Laternen für sichere Abend- und Nachtfahrten. Oder den Fürstenschlitten „Alexandra“, dessen Lakaiensitz den Ansprüchen der Herrschaften um 1875 geschuldet war. Im leichteren Stuhlschlitten, einem „Sessel auf dünnen Kufen“, trugen die vornehmen Damen der Gesellschaft auch die neueste Mode zur Schau. So unterschiedlich die Schlittentypen, so unterschiedlich auch ihre Herkunft. Ein Wehrmachtsschlitten mit Zugholz und Munitionskiste wurde im Russlandfeldzug eingesetzt. Der Rennschlitten von 1870 mit furchteinflößendem Adleraufdruck sauste über die Münchner Theresienwiese, der „Rennwolf“ über die schwedische Tundra.

Hegen, Pflegen, Weitergeben

Kinder, die heute noch mit dem Davoser Rodel die Hügel hinabsausen, schwärmen für die bezaubernden Puppenschlitten aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Das Herz des Sammlers gehört einem Ziegen-Schlitten von 1895. „Die Ziege war die Kuh des kleinen Mannes“, erklärt er und zeigt, wie die lebhaften Haustiere damals vor das kuriose Gefährt gespannt wurden. Horst-August Bollwegs Devise lautet: „Hegen, Pflegen, Weitergeben“. Als Privateigentum betrachtet er seine Schlitten-Schätze nicht. „Ich bin dankbar, wenn ich dieses Kulturgut erhalten und interessierten Menschen ein Stückchen Vergangenheit näher bringen kann“, sagt er mit Nachdruck. Wichtig ist ihm, das Verständnis für unsere Vorfahren zu wecken. In diesem Winter kommt er seinem Ziel wieder ein Stückchen näher: Die Innenstädte mit Bollwegschen Schlitten sprechen eine deutliche Sprache.

(owl/kos)


 


 

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