Sie sind hier: Startseite Weser-Ems Business-News
Weitere Artikel
Drogeriekette wurde abgewickelt

Wandel zum guten Nachbarn kam bei Schlecker zu spät

Als Schlecker der gute Nachbar werden wollte, war es schon zu spät. Zu lange hatte sich die Drogeriekette nicht der Realität und den Kundenbedürfnissen gestellt. Unrentable Filialen, unattraktives Interieur, unnahbarer Firmenpatriarch. Den Niedergang der einst größten Drogeriekette Deutschlands konnte 2012 die ganze Republik verfolgen und mit den 25.000 hauptsächlich weiblichen Mitarbeitern bangen, die schließlich ihren Job verloren.

Von Matthias Jekosch

Zum Gesicht der Insolvenz wurde Meike Schlecker, Tochter von Firmengründer Anton Schlecker. Dürr, mit blassem Gesicht und trauriger Stimme, saß sie am 30. Januar vor versammelter Presse und sagte: "Es ist nichts mehr da." Eine Woche zuvor hatte das Unternehmen aus dem schwäbischen Ehingen beim Amtsgericht Ulm Insolvenz angemeldet. Wenig später folgte auch die Tochter Ihr Platz.

Seit Anfang der 90er Jahre hatte das Familienunternehmen, das Anton Schlecker aus der väterlichen Fleischerei aufbaute, keine Pressekonferenz mehr gegeben. Zurückgezogen von der Öffentlichkeit formte er ein Imperium, das zu seinen besten Zeiten über 8.000 Filialen in Deutschland zählte - und damit mehr als doppelt so viel wie die gesamte Konkurrenz .

"Fit for future"-Programm

Doch die Probleme deuteten sich schon vor dem Gang zum Insolvenzgericht an. Bereits Ende 2010 kündigte Schlecker Investitionen von 230 Millionen Euro in das Filialnetz an sowie ein "Fit for future"-Programm, mit dem die Märkte freundlicher und einheitlicher gestaltet werden sollten. Schlecker wollte nach eigenen Angaben "der gute Nachbar" sein. Damit sollte der Umsatzrückgang der vergangenen Jahre gestoppt werden. Im Dezember 2011 häuften sich jedoch Berichte über finanzielle Schwierigkeiten.

Und dann der Knall: Insolvenz. Der Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz bemühte sich zu Beginn noch um Optimismus: "Zum Wettbewerb fährt man, zu Schlecker geht man", sagte er. Er bezweifle, dass sich das Konzept überlebt habe. Doch das wahre Ausmaß des Schlamassels war für ihn da noch gar nicht absehbar. Erst kürzlich sprach er von "einer der schwierigsten Aufgaben" seiner Kanzlei.

Geiwitz suchte Investoren und hoffte auf eine Transfergesellschaft für die 11.200 Mitarbeiter, die in einer ersten Entlassungswelle Ende März ihre Jobs verloren. Für die dazu nötige Bürgschaft über 70 Millionen Euro erteilte zunächst das Bundeswirtschaftsministerium eine Absage. Später scheiterte auch eine Lösung der Länder am Widerstand der FDP-geführten Wirtschaftsministerien in Sachsen, Niedersachsen und Bayern.

Durch die politische Entscheidung war die Drogeriekette nach Darstellung von Geiwitz letztlich kaum mehr vermittelbar, weil sie auch Tausende Kündigungsschutzklagen entlassener Mitarbeiter nach sich zog. "Die hohe Anzahl an Kündigungsschutzklagen war fast der Todesstoß", sagte Geiwitz im Juni in einer Gläubigerversammlung. Für die interessierten Investoren, darunter illustre Namen wie der des Milliardärs und Karstadt-Sanierers Nicolas Berggruen, waren die daraus entstehenden Millionenrisiken offenbar zu viel - sie sprangen ab.

Ist bei Anton Schlecker wirklich nichts mehr da?

Für Geiwitz galt es fortan, Reste zusammenzufegen und zu verkaufen, was zu verkaufen war. Zu den Aufräumarbeiten gehört auch, die Überprüfung des Vermögens der Familie Schlecker. Denn dass wirklich nichts mehr da ist, wie Meike Schlecker im Januar sagte, daran zweifelt auch die Staatsanwaltschaft.

Die Behörde verdächtigt Anton Schlecker des Bankrotts, der Untreue und der Insolvenzverschleppung. Das Magazin "Spiegel" hatte auf den Durchsuchungsbeschluss der Staatsanwaltschaft Bezug genommen und geschrieben, es bestehe der Verdacht, der Gründer der Drogeriekette habe schon 2009 von drohender Zahlungsunfähigkeit gewusst und dann mit der Übertragung von Vermögen auf Familienangehörige begonnen.

Was auch immer die Ermittler finden: Die Gläubiger werden einen Großteil ihrer Forderungen abschreiben müssen. Geiwitz hatte im September drohende Masseunzulänglichkeit angezeigt, das heißt, die vorhandene Masse reicht nicht aus, um alle Forderungen zu begleichen.

Wenigstens für einige ehemalige Angestellte ist die Insolvenz doch noch glimpflich ausgegangen. Von 23.400 arbeitslos gemeldeten ehemaligen Beschäftigten sind 11.500 inzwischen abgegangen, 9.100 von ihnen wurden in eine Beschäftigung vermittelt, sagte ein Sprecher der Bundesagentur für Arbeit. Der Rest ging beispielsweise in Rente oder suchte sich selbst eine neue Arbeit.

(dapd)


 


 

Geiwitz
Drogeriekette
Nachbar

Passende Artikel suchen

Finden Sie weitere Artikel zum Thema "Schlecker" - jetzt Suche starten:

Kommentar abgeben

Bei einer Antwort möchte ich per E-Mail benachrichtigt werden

 
 

 

Entdecken Sie business-on.de: