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  • 12.11.2011, 08:22 Uhr
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Bundesweite "Bosporus"-Mordserie

Karlsruhe zieht Ermittlungen an sich - Verdacht auf rechtsterroristische Zelle

Ein Polizeifall in Eisenach (Thüringen) nimmt ungeahnte Dimensionen an: Zunächst wurden nach einem Banküberfall zwei tote Männer in einem Wohnmobil gefunden. Hier fand man schließlich die Dienstwaffen der Beamten aus einen Polizistenmord in Heilbronn (BaWü). Wenig später flog im sächsischen Zwickau ein Haus in die Luft. In den dortigen Trümmern fand man vermutlich die Tatwaffe für eine bundesweite Mordserie an zumeist türkischen Opfern. Am Freitag, den 11.11.2011 hat daher die Generalbundesanwaltschaft in Karlsruhe den Fall an sich gezogen.

Von Onur Yamac

Zwischen den Jahren 2000 und 2006 sind in mehreren Bundesländern sieben türkische, ein eingebürgerter und ein griechischen Kleinunternehmer erschossen worden. Auch bei einem Polizistenmord von Heilbronn im April 2007 blieben die Umstände rätselhaft. Ein 24-jähriger Beamter, der die Tat mit lebensgefährlichen Verletzungen überlebte, kann sich bis heute nicht an den Tathergang  erinnern, seine 22-jährige Kollegin erlag ihren Schussverletzungen. In beiden Fällen tappte die Polizei bislang im Dunkeln. Verbindungslinien gab es nicht. Nun scheint sich abzuzeichnen, dass Polizistenmorde und die Mordserie von ein und den selben Tätern begangen worden sind.

Dienstwaffen der Heilbronner Polizisten gefunden

Im Wohnmobil der am 4. November 2011 nahe Eisenach tot aufgefundenen mutmaßlichen Bankräuber Uwe B. und Uwe M. wurden die Dienstwaffen und offenbar auch Handschellen der Heilbronner Polizisten sichergestellt. Nach dem zuvor verübten Banküberfall hatten sie in dem Fahrzeug offenbar Selbstmord begangen. Bei der Tat von Heilbronn hatten die Mörder nicht nur die Waffen und Handschellen der Polizisten mitgenommen, sondern u.a. auch den Einsatz-Gürtel des 24-jährigen Beamten A.

Im Zuge der Ermittlungen beim Polizistenmord von Heilbronn hatte sich eine der größten Fahndungspannen in der deutschen Kriminalgeschichte zugetragen (business-on.de berichtete). Fahnder waren jahrelang einer mysteriösen Phantom-Mörderin auf der Spur gewesen, der aufgrund von gefundenen DNA-Spuren zahlreiche Taten angelastet wurden. Beim Wattestäbchen-Zulieferer, der bayerischen Firma Greiner Bio-One, war bei einer freiwilligen DNA-Überprüfung schließlich im Jahr 2009 festgestellt worden, dass die DNA von einer 71-jährigen Packerin stammte.

Beate Z. verweigert die Aussage

Die Generalbundesanwaltschaft ermittelt nach eigenen Angaben u.a. wegen des Verdachts der Bildung einer terroristischen Vereinigung. Die Täter werden mit rechtsextremistischen Kreisen in Verbindung gebracht. Bislang ist noch völlig unklar, ob womöglich noch weitere Personen aus der rechten Szene in diese und ähnliche Taten verwickelt sind. Die einzige Überlebende, Beate Z., hatte das Haus in Zwickau kurze Zeit nach dem Banküberfall in die Luft gesprengt. Die Räume dort dienten dem Trio als Unterschlupf. Laut Polizei verweigert sie die Aussage.

In der Wohnung von Uwe B., Uwe M. und Beate Z. in Zwickau war laut Generalbundesanwaltschaft die Pistole aufgefunden worden, mit der in den Jahren 2000 bis 2006 die sogenannten "Bosporus-Morde" an zumeist türkischen Kleinunternehmern verübt worden sind. Trotz 11.000 überprüfter Personen und der Erhöhung der Belohnung auf 300.000 Euro konnte die "Soko Bosporus"  der Nürnberger Polizei schlussendlich keine konkreten Erfolge vorweisen. Immer wieder waren Verbindungen der Opfer in mafiöse Kreise vermutet worden, da die Täter bei laufendem Betrieb und meist tagsüber mit einer schallgedämpften Pistole der Marke Ceska zuschlugen. Kriminaler waren ratlos, weil sich keine Verbidnungen zwischen den Opfern herstellen ließen. Die Umstände blieben mysteriös.

Für weitere Aufregung hatte die Festnahme eines hessischen Verfassungsschützers gesorgt, der während einer solchen Hinrichtung als Gast in einem Internetcafe anwesend war. Er hatte sich trotz mehrmaliger Zeugenaufrufe nicht bei der Polizei gemeldet und wurde später von der Polizei als Beschuldigter festgenommen. Auch die Wohnung wurde durchsucht. Hierbei war u.a. ein Buch über Serienmorde sichergestellt worden. Die Spur erhärtete sich allerdings nicht. Das Parlamentarische Kontrollgremium des Hessischen Landtags erfuhr von den Ermittlungen erst aus den Medien.

Mann aus Niedersachsen überließ Tätern Personalausweis

Inzwischen ist klar, dass es sich bei den "Bosporus"-Taten offenbar um eine gezielte Hinrichtungswelle an türkischen Staatsbürgern gehandelt hat. Verbindungen zwischen den Opfern ließen sich daher gar nicht herstellen. Der einzige Grieche war bei der Mordserie wohl nur zufällig ins Visier der Täter geraten, weil er ebenfalls für einen Türken gehalten worden war. Das Motiv für den Polizistenmord von Heilbronn ist unklar. Auch ist unklar, ob sich die Mordserie womöglich noch auf weitere Fälle ausdehnt oder ob noch weitere Personen aus dem rechtsextremistischen Milleu darin verstrickt sind. Das Wohnmobil von Eisenach hatten die Täter laut einem Bericht des Nachrichtenmagazins "Focus" mit dem geliehenen Personalausweis eines 37-Jährigen aus Lauenau in Niedersachsen angemietet.

Nach den bisherigen Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft verfügten die verstorbenen Männer wie auch ihre mittlerweile verhaftete Gefährtin Beate Z. bereits in den 1990er Jahre über Verbindungen zu rechtsextremistischen Kreisen. Sie waren einer Heimatschutzgruppe beigetreten, die von einem V-Mann des Verfassungsschutzes geleitet worden war. Nach einem von der Polizei in Jena vereitelten Bombenanschlag, war das Trio bereits Ende der 1990er Jahre in den Untergrund abgetaucht. Beate Z. galt damals bereits als gefährliche Rechtsextremistin. Im Jahr 2003 war die Tat verjährt. Wie sich nun herausstellt, hatte das Trio zu diesem Zeitpunkt im Zuge der "Bosporus-Mordserie" offenbar bereits mehrere Personen hingerichtet.

Bei der Durchsuchung der Zwickauer Wohnung wurde nach Angaben der Generalbundesanwaltschaft Beweismaterial sichergestellt, welches auf eine rechtsextremistische Motivation der Mordtaten hindeutet.

Mehr Tote als bei den Brandanschlägen von Mölln und Solingen

Die Bundesanwaltschaft hat das Bundeskriminalamt (BKA) mit den Ermittlungen beauftragt. Es soll in Zusammenarbeit mit den Landeskriminalämtern Baden-Württemberg, Sachsen und Thüringen den Fall aufklären. Brisant: Bayerns damaliger Innenminister Günther Beckstein (CSU) hatte selbst dafür gesorgt, dass die "Bosporus"-Mordserie nicht an das BKA in Wiesbaden abgegeben wurde. Bearbeitet wurde der Fall daher von der Soko "Bosporus" in Nürnberg. Aufgelöst wurde die zeitweise rund 50-Personen zählende Sonderkommission schließlich im Jahr 2008.

Brisant: Sollte sich herausstellen, dass die Ermittler der Nürnberger Soko womöglich Hinweise übersehen oder Spuren nicht verfolgt haben, drohen absehbar schwerwiegende diplomatische Verwerfungen zwischen der Türkei und Deutschland. Die Zahl der Todesopfer bei der bundesweiten "Bosporus"-Mordserie übersteigt bereits jene der türkischen Opfer, die bei den Brandanschlägen von Mölln und Solingen in den 1990er Jahren ums Leben kamen. Die Taten galten bislang zusammen mit den Brandanschlägen von Rostock-Lichtenhagen als der negative Höhepunkt der rechtsextremistischen Gewalttaten gegen Migranten in Deutschland.

Aktualisiert: 4.6.2012

(FN)


 


 

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