Sie sind hier: Startseite Weser-Ems Life & Style Medienwelt
Weitere Artikel
Lesung an der Uni Oldenburg

Günter Wallraff macht wieder Ärger

"Günter Wallraff macht wieder Ärger" lautete im Jahr 2009 ein Aufmacher des Zeit-Magazins. Wie sich beim Besuch des Kölner Enthüllungsjournalisten und Erfolgsautors am Montagabend in Oldenburg herausstellte, handelte es sich bei dieser Aussage nicht nur um eine reine Floskel. Hunderte Menschen kamen an die Carl von Ossietzky Universität.

Von  Onur Yamac

Noch ehe der Stargast des Abends im Bibliothekssaal angekündigt werden konnte, hatten die Veranstalter um Sozialwissenschaftlerin Prof. Anabella Weismann und den DGB-Regionsvorsitzenden Manfred Klöpper tatsächlich Ärger an den Hacken. Sie standen vor der großen Herausforderung, wie sie nur all die Menschen im Bibliothekssaal unterbringen sollten, die gekommen waren. Nach (vorsichtigen) Schätzungen sollen es rund 400 Gäste gewesen sein.

Nicht nur die für 200 Personen ausgelegte Bestuhlung reichte daher nicht mehr aus, sondern auch stehend wurde es eng. Glücklicher Weise verfügte der Saal auf einer Seite über vier parallel zueinander angeordnete Doppeltüren: Die Veranstalter entschlossen sich daher, diese komplett zu öffnen. Das freute nicht nur die Feuerwehr, sondern sorgte auch für eine sehr gute Lüftung des Saals. Darüber hinaus ermöglichte es vielen vor den Türen wartenden Gästen überhaupt erst, an der Wallraff-Lesung teilzunehmen.

Wallraff über Oldenburger erstaunt

Die große Zahl der Menschen musste auch der kölsche Erfolgsautor mit Erstaunen  zur Kenntnis nehmen. Der war von den Oldenburgern mit großem Applaus empfangen worden. Ihm entfuhr sogleich ein "Boah - hier ist etwas in Bewegung!", welches er kurz darauf um die Worte "Eine neue soziale Bewegung ist möglich" ergänzte. Wie er eingestand, hatte er nämlich nur mit einer Lesung im Seminarrahmen gerechnet. Daraus wurde an diesem Abend nichts.

Wallraff wäre nicht Wallraff, wenn er sich den Menschen nicht immer wieder in Erinnerung rufen würde. Neben seinen legendären Enthüllungsbüchern "Ganz unten" und seinem Intermezzo als Herr Esser bei der "Bild"-Zeitung, schlüpfte er zuletzt monatelang in die Rolle eines Obdachlosen, arbeitete verdeckt  in Callcentern oder in einer Brotfabrik, die Brötchen für den Discounter Lidl produziert.

Missstände aufdecken und Verbesserungen bewirken

Eins hatten bislang alle Fälle gemeinsam: nachdem Wallraff Missstände publik gemacht hatte, kam meist eine große öffentliche Debatte in Gang. Die Verantwortlichen gerieten hierbei  nicht selten in schwere Bedrängnis. Auch die Verbesserung der Situation von Menschen am Rande der Gesellschaft war immer wieder die Folge. Von ihrem Schicksal hätte sonst niemand Notiz genommen.

Doch nicht immer passiert sofort etwas. Beim Fall des Obdachlosenasyls in Hannover (business-on.de berichtete) blieb Wallraff daher auch dann noch am Ball , als das öffentliche Interesse bereits etwas nachgelassen hatte. Mit Erfolg: die Einrichtung, die sich in miserablem Zustand befand, wurde geschlossen.

Enthüllungsjournalisten sind auch Risiken ausgesetzt

Wie Wallraff an der Uni Oldenburg ausführte, gehen Recherchen nicht immer so glimpflich aus. So geriet er in seinen verschiedenen Rollen immer mal wieder in Bedrängnis. Es kam bereits vor, dass er bei einer verdeckten Reportage von drogenabhängigen Obdachlosen bedroht wurde oder neben einem Toten aufwachte. In einer Brotfabrik verbrannte er sich die Arme. Auch Unternehmen setzen sich immer wieder juristisch gegen Wallraff zur Wehr.  Im Fall der "Bild"-Zeitung berichtete Wallraff daher auch von einer Viertelmillion Euro Prozesskosten. Glück für Wallraff: der Journalist gewann.

Weiter führte Wallraff an der Uni Oldenburg aus, dass er am Rande der Gesellschaft viele sanfte und sensible Menschen  getroffen habe. Heute wisse er auch, dass das Leben auf der Straße kein einfaches Los sei. Es gehöre nicht viel dazu, dort zu laden, so der Autor weiter. Das gehe ganz schnell, wenn man den Partner oder die Wohnung verloren habe oder als Kleinunternehmer Insolvenz anmelden müsse.

Auch im Ausland gibt es Wallraffs

Auf die Frage aus dem Publikum, warum es bis heute nur einen Günter Wallraff gibt, antwortete der Autor, dass in den Verlagen nicht gerade dazu ermutigt werde, so etwas zu machen. Ein, zwei Tage im Obdachlosenasyl würden hingenommen, aber keine längeren Zeiträume wie bei ihm. Seine Recherchen bräuchten Zeit, seien prozessgefährdet und bärgen u.U. auch Risikopotenzial. Zudem werde es in Zeiten des Internets zunehmend schwieriger Journalismus zu betreiben.

Daher hat Wallraff eine Stiftung eingerichtet, damit junge Journalisten längerfristig verdeckt in einen Bereich eintauchen können. Ein Bekannter von ihm schleuste sich u.a. in ein Altersheim ein und schrieb danach das Buch "Abgezockt und totgepflegt". Nach einer zunächst erfolglos verlaufenen Suche nach einem Verlag inzwischen ein Bestseller. Aber auch im Ausland gebe es "Wallraffs", führte der Autor an der Oldenburger Uni aus. In Frankreich und Mexiko seien  es beispielsweise Journalistinnen, die mit den Methoden des Kölner Enthüllungsjournalisten arbeiteten. Auf die Frage, ob er denn bald wieder eine Reportage machen werde, wusste Wallraff am Montagabend eine rasche Antwort: "Noch vor Weihnachten."

(FN)


 


 

Günter Wallraff
Menschen
Veranstalter
Obdachlosen
Kleinunternehmen
Kooperationsstelle Gewerkschaft
Universität
Oldenburg
Anabella Weismann
Manfred Klöpper
Autor
Journalist
DGB

Passende Artikel suchen

Finden Sie weitere Artikel zum Thema "Günter Wallraff" - jetzt Suche starten:

Kommentar abgeben

Bei einer Antwort möchte ich per E-Mail benachrichtigt werden

 
 

 

Entdecken Sie business-on.de: