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"homo oeconomicus" am Ende

Interdisziplinäre Erkenntnisse der Wissenschaft als Ausweg aus der Krise

Wirtschaftswissenschaften im Aufmerksamkeits- und Anerkennungswettbewerb

Georg Franck (63) weist in seinem Buch „Mentaler Kapitalismus“ (siehe Buchempfehlung) darauf hin, dass Wissenschaften, hier die Wirtschaftswissenschaften, einem inneren Markt unterworfen sind, der sich durch einen Aufmerksamkeits- und Annerkennungswettbewerb vollzieht. Wissenschaft und Wirtschaftswissenschaft sind Märkte, in denen Meinungen und Erkenntnisse getauscht und verhandelt werden, um Wissen zu produzieren.

So sehr Wissenschaft und Wirtschaftswissenschaft auch an qualitativem Denkfortschritt arbeiten, gibt es auch hier eine quantifizierende Währung: nämlich wie oft jemand zitiert wird. Der Scientific Citation Index ist einer der größten Kapitalauskunftsdienste für wissenschaftliche Beachtung, denn Zitate und Verweise innerhalb wissenschaftlicher Publikationen sind, im gleichen Maße wie sie Ausdruck der Verarbeitung mentaler Vorproduktion sind, Währungseinheiten für die Aufmerksamkeit, die die Forschergemeinde dem Zitierten widmet. Diese Aufmerksamkeit begründet Beachtungskapital, das nicht nur innerhalb der Forschergemeinde wahrgenommen wird, sondern eben auch nach außen transportiert wird. Hiernach ist der Zugang des Marktes zu seinen heute wie damals dringend benötigten, im wahrsten Sinne des Wortes 'Überlebensmitteln', durch die kontinuierliche Verweigerung der Anerkennung nichtmonetärer, aber gleichrangiger Handlungsweisen des homo öconomicus blockiert worden.

Die Blockade wurde vollzogen durch die Meinungsführer- und damit durch die Meinungsgeberschaft angelsächsischer Publikatoren und ihrer nur allzu bereitwilligen Anhänger. Dass eine deutliche wirtschaftswissenschaftliche Fehlinterpretation von Madoff und Stanford stattgefunden hat, kann mittlerweile als bewiesen erachtet werden. Konnten sie doch ihr Versprechen langfristiger und sicherer Investitionen nicht halten. Die hohe gesellschaftliche Anerkennung von Madoff hat überdies mit dazu beigetragen, dass sein betrügerisches Handeln durch die dafür zuständigen Institutionen lange Zeit nicht aufgedeckt worden ist.

Die Beachtung anderer wissenschaftlicher Erkenntnisse innerhalb der Wirtschaftswissenschaften obliegt vor allem den Konsumenten und Verarbeitern wissenschaftlicher Literatur - also in erster Linie anderen Wissenschaftlern. Danach den Lesern dieser Publikatoren sowie den Medien, die diese unterstützen, und schließlich dem Endabnehmer, vor allem der Politik. Denn solange diese Publikatoren weiterhin ihr Geld, ihre fachliche Reputation und ihre allgemeine Anerkennung maximieren können, werden sie ihr Handeln nicht ändern.

Interdisziplinäre Forschungszusammenhänge als Ausweg aus der Krise

Daraus ergibt sich die Forderung nach der uneingeschränkten Gleichwertigkeit von Worten und Zahlen in der wirtschaftswissenschaftlichen Theorie. Gemeint ist damit die längst überfällige Erkenntnisanerkennung anderer wissenschaftlicher Disziplinen, zum Beispiel der Sozialwissenschaften, aber auch weiterer, wie der Ökologie, innerhalb der tonangebenden wirtschaftswissenschaftlichen Theorien. Denn wie sollen in der betriebswirtschaftlichen Praxis Synergieeffekte entstehen, die gerade auch von den dominanten Wirtschaftswissenschaften so hoch gepriesen werden, wenn schon ihre Basis, die wirtschaftswissenschaftliche Theorie, jegliche Anerkennung interdisziplinärer Erkenntnisse systematisch verweigert und lediglich den monetären Anspruch menschenbehafteter Handlungsweisen einfordert?

Weder die absoluten Friedmann- noch die absoluten Keynes-Anhänger werden Recht behalten, solange ihre Diskussion die Interdisziplinarität ausschließt.

Wenn aber der Ursprung dieser Weltwirtschaftskrise in der Nichtbeachtung und Nichtanwendung von interdisziplinären, wissenschaftlichen Erkenntnissen liegt, so wird eine wirklich zukunftsfähige Lösung dieser Krise, die zudem ohne weitere finanzielle Rettungsmaßnahmen außerhalb des Finanzsektors auskommt, nur in der konsequenten, globalen Anwendung eben dieser interdisziplinären, wissenschaftlichen Erkenntnisse liegen. Die Zeit ist reif. Die tonangebenden Finanzakteure müssen endlich den Blick über den Tellerrand wagen, die Wirtschaftswissenschaften müssen sich von der Beachtungshoheit des homo oeconomicus abwenden und zusammen müssen sie den Weg für neue Lösungen freigeben.

(Sebastian Hölzl / Arne Hölzl)


 


 

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