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Meinungen zum ausgelaufenen Jahrzehnt

Den Jahreswechsel haben viele Medien genutzt, um noch einmal Bilanz zu ziehen. So wird vielfach hervorgehoben, dass sich die Staaten im vergangenen Jahrzehnt nicht mit Kriegen überzogenen haben. Man weist aber zugleich auch auf die neue digitale Schnelllebigkeit der Gesellschaft hin, die gepaart mit globalisierter Gier die Intervallzahlen von Wirtschaftskrisen in Zukunft noch weiter erhöhen könnte. Nach dem gescheiterten Gipfel von Kopenhagen ist aber auch von einer globalen Herausforderung die Rede. Eine neue Kultur der internationalen Verantwortung wird gefordert.

Westdeutsche Zeitung: Ein letzter Blick zurück

Düsseldorf. (Vin Friedrich Roeingh) An negativen Schlagzeilen hat es dem ersten Jahrzehnt des jungen Jahrhunderts wahrlich nicht gemangelt. Die einschneidendsten waren die Terroranschläge vom 11. September 2001, die unsere Illusion von einer friedlicheren Welt nach dem Ende der Ost-West-Konfrontation jäh zerstört haben, und die Finanzmarktkrisen am Anfang und am Ende der Nuller Jahre. Während die sogenannte Dotcom-Krise "nur" unfassbare Summen an Anlagewerten vernichtete, hat der zweite Crash weltweit auch die Realwirtschaft mit in den Abgrund gezogen. All diese Ereignisse haben unsere Einsicht befördert, dass uns die Globalisierung nicht nur billige Produkte und eine für die westlichen Industriestaaten schmerzhafte Umverteilung der Arbeit beschert hat. Sie braucht offenbar auch eine neue globale Ordnung, mit der sich in Zukunft Megakrisen nicht nur managen lassen. Wir müssen die Risiken verringern, um existenzielle Krisen abwenden zu können. Erreicht ist freilich noch so gut wie nichts. Die Erwartungen an eine neue Weltordnung, die jeder multinationale Gipfel weckte, wurden jäh enttäuscht. So gut es Amerika, Europa und den systemrelevanten Schwellenländern gelungen ist, eine Wiederholung der katastrophalen Folgen zu verhindern, die die erste Weltwirtschaftskrise in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts ausgelöst hatte, so wenig ist bei der Regulierung der Finanzmärkte erreicht. Im Gegenteil: Es deutet vieles darauf hin, dass das System Gier, gepaart mit der Beschleunigung einer entgrenzten Kommunikation, in immer kürzeren Intervallen zum Crash führen könnte. Die Ursache liegt nicht nur in nationalen Egoismen, die eine Einigung auf eine neue Finanzordnung oder ein wirksames Klimaprotokoll vereitelt haben. Das Vakuum, das der Machtverlust der Vereinigten Staaten ausgelöst hat, mag sich einfach nicht schnell genug füllen. Chinas Unreife ist dabei das größte Problem. Ohne die neue Wirtschaftsmacht geht in dieser Welt nichts mehr. Doch das Riesenreich ist in seiner inneren Zerrissenheit zwischen Reisbauern und Milliardären sowie zwischen Han-Chinesen und kulturell unterdrückten Minderheiten weder willens noch in der Lage, seiner internationalen Verantwortung gerecht zu werden. Keine guten Aussichten für das nächste Jahrzehnt.

Neue Osnabrücker Zeitung: Mit Zuversicht ins neue Jahr

Osnabrück. Klimawandel, Terrorgefahr, Finanz- und Wirtschaftskrise - diese drei Stichworte beschreiben die großen Trends des zu Ende gehenden Jahres. Sie dürften auch 2010, ja das ganze neue Jahrzehnt stark mitprägen. Für die deutsche Politik heißt dies: gewaltige Aufgaben, aber wenig Spielraum für rein nationale Lösungen. Der Zwang zur internationalen Zusammenarbeit ist größer denn je geworden. Beispiel Klima. Der enttäuschende Gipfel von Kopenhagen hat schmerzlich gezeigt, dass diese globale Herausforderung nur gemeinsam oder gar nicht zu bestehen ist. Ähnlich steht es bei der Bekämpfung des Terrors - siehe etwa den Attentatsversuch auf eine Passagiermaschine bei Detroit. Wenn im Land A unzureichend geschützt und kooperiert wird, könnten im Land B unversehens Hunderte Tote zu beklagen sein. Auch die Folgen der Wirtschaftskrise lassen sich nur im Konzert der großen Industriestaaten meistern. Die Kanzlerin verweist in ihrer Neujahrsansprache zu Recht darauf, wie schwierig hier die Lage ist. Andererseits sind die vergangenen Monate wirtschaftlich deutlich besser gelaufen, als zu Beginn des Jahres befürchtet worden war. Daraus folgt: Bangemachen gilt nicht. Gerade die Deutschen haben dank ihrer bisherigen Leistungen allen Grund, zuversichtlich ins neue Jahr zu gehen.

Westdeutsche Allgemeine Zeitung: Zehn Jahre

Essen. (Von Ulrich Reitz) Mit guten Nachrichten ist das so eine Sache, wegen ihrer Kehrseite. Die Weltwirtschaftskrise 2009 artete nicht aus wie die 1929. Die Welt hat gelernt. Aber Ursachen haben wir nicht beseitigt. Es gibt keine Weltfinanzregierung. Hohe Boni sind auch Mali. Was passierte, droht uns wieder. In den vergangenen zehn Jahren haben sich die Großmächte nicht mit Krieg überzogen. Gut. Aber jeder weiß um die neuen Bedrohungen und niemand wird behaupten, unter dem Strich sei die Welt sicherer geworden. Die Kommunikationstechnik verändert unser Leben weitgehend. Es war das Jahrzehnt des Smartphones. Briefe, Fotos, Filme, Nachrichten aus der ganzen Welt, Leben in sozialen Netzwerken - alles auf einem Gerät. Aber 171 Milliarden E-Mitteilungen täglich, mindestens 70 Milliarden davon Schrott: Verläuft ein Morgen, der mit dem "Checken der Mails beginnt", wirklich besser? Andererseits hat der rasant wachsende Kurznachrichtendienst Twitter der iranischen Opposition geholfen. Nachrichten-Unterdrückung ist schwerer geworden. Das Leben wird immer schneller. Suchen wir im neuen Jahr doch einfach öfter mal: Muße.

Neue Ruhr Zeitung: Kommentar zum Jahreswechsel

Essen. Man muss kein Hellseher sein und auch die Neujahrsansprachen nicht gesehen haben, um zu wissen, dass es wieder ein schwieriges Jahr wird. Noch ist die Finanzkrise nicht überwunden. Ihre Auswirkungen werden jetzt erst richtig spürbar. Arbeitsplätze sind weiterhin in Gefahr. Übrigens auch die der Bundesregierung. Merkel & Co. erhalten jetzt die Quittung für ihre Spendierhosen-Politik: 100 Milliarden Miese beträgt der staatliche Dispo-Kredit. Dennoch werden Steuersenkungen angekündigt, als hätte die FDP noch ein Füllhorn im Fraktionstresor. Vieles steht auf dem Spiel: die wirtschaftliche Stabilität, aber auch das Vertrauen in die neugewählte Regierung, deren Wahlversprechen sich als dreiste Betrugsmanöver entpuppen könnten. Ein Jahr der Bewährung, vor allem für die Kanzlerin. Sie muss schnell handeln und Führung zeigen, um die Regierung nach dem Rumpel-Start rechtzeitig in Form zu bringen.

Berliner Morgenpost: Bilanz der Nuller-Jahre

Berlin. Nun haben wir das auch gleich hinter uns. Null-sieben, null-acht, null-neun. Dieses merkwürdige Jahrzehnt, dessen einzelne Jahre nur wie ein Strichcode zu benennen waren und von denen man jetzt liest, das seien die "Nuller" gewesen. Entsprechend sei es dann auch zugegangen. Krisen, Krisen, noch mal Krisen, eine bedrohlicher als die andere. Die Weltfinanzen zerrüttet, die Weltkulturen zerstritten, das Weltklima zerstört, die Weltpolitik hilflos. Nicht mal Fußballweltmeister sind wir geworden in diesen zehn Jahren, nicht einmal das. Wer sie liest, die Bilanzen des Jahrzehnts, über die Angriffe auf New York und die Sozialkassen, die Kriege im Irak und in Afghanistan, die Erderwärmung, das Nachlassen der Fließgeschwindigkeit des Golfstroms, die der Finanzkrise unvermeidlich folgende Hyperinflation oder das ebenso zwangsläufige Grau der Deflation. Oh Gott. "A Decade From Hell", titelt das "Time Magazine". Wenn man das alles liest und dann noch den eigenen Kontoauszug: Wo soll das nur hinführen? Ganz sicher in die Zehner-Jahre. Zehn, elf, zwölf, das hört sich doch schon besser an. 13 überspringen wir vielleicht einfach. Vierzehn, fünfzehn, sechzehn, die Zeit vergeht ja wie im Flug. Und vielleicht, so im Jahr achtzehn oder neunzehn, da blicken wir dann schon ein wenig milder zurück auf diese Nullerjahre. Dann erinnern wir uns möglicherweise ganz gern an eine Zeit, in der sich vieles zum Positiven gewendet hat. An Jahre, in denen der Euro eine nicht für möglich gehaltene Erfolgsstory schrieb und Europa, dieses immer so zerstrittene Europa, ganz schön eng zusammenrückte. An Jahre, in denen erstmals in der Geschichte eine Frau Bundeskanzlerin und ein Schwarzer US-Präsident werden konnten. An eine Zeit, in der sich die Fronten des Kalten Kriegs endgültig auflösten, Verbohrtheit an vielen Stellen neuer Offenheit wich, das Internet die Welt zusammenwachsen ließ und die ungerechte Verteilung des Wissens ein wenig nivellierte. Eine Zeit, in der die Digitalisierung des Lebens mehr Chancen brachte als Gefahren, die natürlich auch. Aber am Ende dieser Nullerjahre, so wird man dann vielleicht resümieren, war die Welt doch eine etwas bessere geworden. Das wäre - wir Deutschen dürfen das gerne vergleichen mit vergangenen Jahrzehnten - nicht so wenig. Und es wäre allemal mehr, als die Alten von damals "der Jugend von heute" zugetraut hatten. Die haben es nämlich besser gemacht als ihre Vorväter, die sind nicht aufeinander losgegangen, jedenfalls nicht in diesem unversöhnlich, hasserfüllten Maß, das es auch schon gegeben hat in Deutschland. Die haben das Land gerechter werden lassen, die haben Grenzen geöffnet, nicht nur Mauern. Hürden überwunden, dann auch wieder neue Gräben aufgerissen, klar. Aber unterm Strich haben die Menschen, die in den "Nullern" Verantwortung getragen haben, Maßstäbe gesetzt, Fortschritt erreicht. Man darf auch über sie schimpfen, sie waren nicht perfekt. Aber man sollte auch mal auf sie anstoßen. Prost sagen, gut gemacht! Und danke.

(Redaktion)


 


 

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