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Klima-Zertifikate

Geständiger Angeklagter gibt vor Gericht Einblicke in ein Millionengeschäft

Aus Sicht von Fraz M. klingt alles ganz einfach. Im Frühjahr 2009 sei es in Großbritannien und Dubai "ein offenes Geheimnis" gewesen, dass man mit dem Handel von Emissionsrechten "sehr schnell, sehr viel Geld verdienen kann". Doch schon kurz darauf sei die Umsatzsteuer im Emissionshandel in Großbritannien auf Null gesetzt worden.

Von Oliver Teutsch

"Weil der Handel in Großbritannien daraufhin zusammenbrach, habe ich beschlossen, Geld in Deutschland zu machen", räumte der 27-jährige Brite am Montag vor dem Landgericht Frankfurt am Main unumwunden ein.

Der studierte Wirtschaftswissenschaftler aus Leeds sitzt gemeinsam mit fünf weiteren Managern in einem der größten deutschen Wirtschaftsstrafprozesse auf der Anklagebank. Die Männer im Alter zwischen 27 und 55 Jahren sollen den Fiskus mit dem Handel von Emissionsrechten für Treibhausgase um 230 Millionen Euro betrogen haben. Ihnen werden laut Anklage 30 Fälle zur Last gelegt, bei denen sie zu Unrecht jeweils Vorsteuer in Millionenhöhe kassierten.

Die zweite Strafkammer bot den Angeklagten wegen der zu erwartenden langen Verfahrensdauer zum Prozessauftakt einen Deal an: Sollten sich die Manager geständig zeigen, erwarten sie je nach Tatbeteiligung Haftstrafen zwischen drei und neun Jahren. Fraz M. machte mit seinem Geständnis den Anfang.

Der ehemalige Privatschüler aus dem Norden Englands soll die hessische Finanzverwaltung um 57,8 Millionen betrogen haben. Dafür erwarten ihn nach einer ersten Einschätzung der Kammer sieben Jahre und sechs Monate Gefängnis.

Einstieg in den Handel war leicht

M. kam nach eigener Aussage nach Deutschland, um als Zwischenhändler in dem Handel mit Klima-Zertifikaten zu agieren. Erstaunt stellte er fest, dass die Handelsgesellschaften täglich sehr viele Zertifikate weit unter Marktwert an die Banken weiterverkauften. "Mir war dann schnell klar, dass die Verkäufer nur Gewinn erzielen konnten, in dem sie keine Umsatzsteuer entrichteten."

Verwundert war der damals 25-Jährige auch darüber, wie leicht ihm der Einstieg in den millionenschweren Handel gemacht wurde: "Zu meiner großen Überraschung gelang es mir sehr schnell, die Deutsche Bank als Kunden zu gewinnen." Große Gedanken darüber, warum M. die Zertifikate permanent unter Marktwert anbot, machten sich die Bankmanager nach Angaben des Angeklagten nicht. Als im April 2010 auch in Deutschland die Umsatzsteuer im Emissionshandel auf Null gesetzt wurde, sollen gehobene Bankmanager ihn vielmehr gefragt haben, ob er und seine Kunden denn auch noch da seien, wenn das Gesetz geändert wird.

Im selben Monat klickten bei M. und den fünf weiteren Emissionshändlern die Handschellen. Seitdem sitzen sie in Untersuchungshaft. M. hatte viel Zeit zum Nachdenken: "Ich weiß, was ich getan habe, war extrem dumm. Ich habe aus Gier gehandelt und kann mich nur dafür entschuldigen."

Am Montag nächster Woche wird der Prozess fortgesetzt. Was bei M. so einfach klang, zieht für die Justiz enorm viel Arbeit nach sich. Sollten sich die sechs Angeklagten nicht geständig zeigen, droht dem Gericht ein langwieriger Prozess. Gerechnet wird dann mit einer Verfahrensdauer von etwa anderthalb Jahren. Allein die Anklage hat 300 Zeugen benannt.

(dapd )


 


 

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