Sie sind hier: Startseite Weser-Ems Life & Style Medienwelt
Weitere Artikel
Über 700 Bürger demonstrierten

Kasperletheater um Sarrazin-Lesung im Oldenburger Kulturzentrum PFL

Polizeihundertschaften, ein öffentliches Gebäude, hunderte Bürger, die rufen "Tür auf, Tür auf!" und eine bis auf den letzten Platz besetzte Kirche. Dies ist nicht etwa ein Rückblick auf die Leipziger Montagsdemonstrationen im Jahr 1989, sondern ein Mittwochabend im niedersächsischen Oldenburg. Hintergurnd war eine Lesung des entlassenen Bundesbank-Vorstandes Thilo Sarrazin.

Die vom Verlag der in Oldenburg erscheinenden "Nordwest-Zeitung" (NWZ) ausgerichtete Lesung sollte eigentlich planmäßig am Mittwoch im Oldenburger Kulturzentrum PFL stattfinden. Die grüne Ratsfraktion hatte daraufhin im Gebäude Räume für eine Gegenveranstaltung angemietet und gemeinsam im Bündnis mit zahlreichen anderen Organisationen, Parteien und Institutionen stadtweit auf die Veranstaltung aufmerksam gemacht. Unbekannte  hatten zudem ein Logo für den Abend entworfen, welches eine Handpuppe mit Autor Thilo Sarrazins Buch "Deutschland schafft sich ab" in einer Puppenbühne zeigt, auf der das Logo des NWZ-Verlags zu sehen war.

Eine Fotostrecke vom Abend finden Sie hier

Szenen wie von der Märchenbühne

Ähnlich wie in einem Kaspereltheater und mit vielen spannden Wendungen begab sich schließlich auch der Mittwochabend. Da sowohl die Lesung mit Thilo Sarrazin, wie auch die Gegenveranstaltung zur gleichen Zeit um 20:00 Uhr angesetzt waren und im Vorfeld bereits ab 18:30 vornehmlich linke Gruppierungen zu einer Anti-Sarrazin-Kundgebung vor dem Kulturzentrum PFL aufgerufen hatten, zeichnete sich bereits Konfliktstoff ab. Die NWZ hatte darüber hinaus angekündigt, die Lesung als Livestream im Internet zu übertragen. Die Polizei war aufgrund der Summe der Eindrücke von beiden Seiten vorsorglich in Hundertschaftsstärke vor dem vermeintlichen Veranstaltungsgebäude erschienen.

Doch während sich die vornehmlich aus dem linken und linksextremen Lager stammenden Teilnehmer der Kundgebung vor und im Gebäude die Füße platt standen und amüsiert von Zivilbeamten der Polizei und erschienenen Vertretern des NWZ-Verlags gemustert wurden, zeichnete sich rasch ab, dass es sich trotz NWZ-Aufstellern und Sicherheitsleuten vor der Tür um ein Ablenkungsmanöver handelte. Wie Teilnehmer der Kundgebung zu diesem Zeitpunkt bereits herausgefunden hatten, war die Veranstaltung kurzfristig in die Weser-Ems Halle hinter dem Oldenburger Hauptbahnhof verlegt worden. All jene, die im Vorfeld eine der wenigen Karten erhalten hatten, waren da bereits über die Verlegung informiert. Die Kundgebungsteilnehmer bewegten sich daraufhin in Richtung Weser-Ems-Halle. Ebenso nahezu alle  Medienvertreter. Sie verpassten eine weitere interessante Wendung des Abends.

Bürger riefen: "Tür auf, Tür auf!"

Die Annahme, dass der im Kulturzentrum PFL anberaumten Sarrazin-Gegenveranstaltung nunmehr die Resonanz entzogen worden war, erwies sich letztlich als Trugschluss. Gegen 19:50 Uhr versuchten nunmehr etliche krawall-unverdächtige Bürger in Richtung des Veranstaltungssaals im unteren Bereich des Kulturzentrums PFL zu gelangen. Sie blockierten Treppen und Aufgänge und riefen Sätze wie "Tür auf, Tür auf!". Eigentlich fehlte nur noch der berühmt gewordene Leipziger Slogan "Wir sind das Volk!" Da der NWZ-Verlag den Protestieren den nunmehr mangels Sarrazin und Publikum verwaisten Vortragssaal  nicht zur Nutzung überlassen wollte, nahm das Schicksal seinen Lauf.

Gegenveranstaltung mit enormem Zuspruch

Während die Teilnehmer der Anti-Sarrazin-Kundgebung an der Weser-Ems Halle auf bereits gezogene Absperrungen trafen und dort mehrere Farbbeutel flogen, waren die Bürgerinnen und Bürger aus dem Kulturzentrum PFL inzwischen in die Kirche St. Peter in unmittelbarer Nachbarschaft zum Verlagsgebäude der NWZ umgezogen. Welch gewaltige Resonanz die Gegenveranstaltung hatte, zeigte sich allerdings erst dort. Während rund 200 Personen an der Weser-Ems-Halle gegen Sarrazin demonstrierten, zählte man in St. Peter über 500 Menschen in einer weit über den letzten Platz hinaus gefüllten Kirche.

Um 21:00 Uhr herum schritt auch der sichtlich nicht mehr amüsiert wirkende NWZ-Lokalchef Jasper von Rittner durch die Bankreihen. Ihm rief ein Besucher mit höhnischem Unterton "Falsche Veranstaltung!" hinterher. Nur wenig später wurde im Onlineangebot der NWZ ein Artikel über die angebliche Veranstaltung zu "Migration und Sozialstaat" veröffentlicht. Allerdings war das noch eine recht ungenaue Beschreibung dafür, dass es sich doch der Ankündigung nach um eine Veranstaltung gegen die NWZ-Lesung mit Autor Thilo Sarrazin handelte. Noch dazu mit beeindruckendem Zuspruch. Aber das war nur eine weitere Anekdote vom Mittwochabend. Wahrlich ein Kasperletheater.

Aktualisiert: 6.1.2011

(Onur Yamac)


 


 

Bürger
Kulturzentrum PFL
Oldenburg
Tür
Abends Gegenveranstaltung
Richtung Weser-Ems-Halle
NWZ
Verlag
Wendung
Kirche
Sarrazin
Teilnehmer
Lesung
Abend
Autor Thilo Sarrazin
Kasperletheater

Passende Artikel suchen

Finden Sie weitere Artikel zum Thema "Bürger" - jetzt Suche starten:

Kommentar abgeben

Bei einer Antwort möchte ich per E-Mail benachrichtigt werden

 
 

2 Kommentare

von siefje
07.01.11 12:37 Uhr
Sarrazin ist klasse!

Die Grünen gehören ganz einfach abgeschafft! Mehr ist dazu nicht zu sagen

von Leander Löwe
08.01.11 01:45 Uhr
Interessant

siefje, da hast Du aber ein interessantes Verständnis von Demokratie. Parteien einfach mal abschaffen, gab es das nicht schon mal? Ich finde es gut, dass sich die Grünen hier so engagiert haben. Die Masse an Zuhörern gibt ihnen recht!

 

Entdecken Sie business-on.de: