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  • 28.09.2009, 18:40 Uhr
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  • Oldenburg/Berlin
Mierscheid-Gesetz

Kuriose SPD-Wahlprognose behält bei Bundestagswahl wieder Recht

Als im Juli das Statistische Bundesamt (Destatis) die eigentlich schnöden Werte der deutschen Rohstahlproduktion veröffentlichte, waren die Strategen des politischen Betriebs in Berlin wieder einmal wie elektrisiert. Grund ist das sog. "Mierscheid-Gesetz" - ein kurioses Verfahren zur Ermittlung des SPD-Wahlergebnisses. Und bereits im Juli verhießen die Werte nichts Gutes für die Sozialdemokraten.

Die Gesetzmäßigkeit geht zurück auf den Bundestagsabgeordneten Jakob Mierscheid (SPD), der dem Deutschen Bundestag seit dem 11. Dezember 1979 angehört . Allerdings handelt es sich bei ihm um keinen gewöhnlichen Abgeordneten, denn er ist zwar ordnungsgemäß auf der Internetseite des Deutschen Bundestages erfasst und auch mit seinem Wiedereinzug ins Parlament wird wieder fest gerechnet, doch tatsächlich wird man den umtriebigen Abgeordneten niemals leibhaftig antreffen. Er gilt als Phantom des politischen Betriebs, manche sagen sogar, ihn gäbe es überhaupt nicht. Doch wie aktiv Mierscheid ist, beweist er immer wieder durch intelligente, aber zuweilen kuriose Wortmeldungen im Parlament, in denen er sein Augenmerk nicht selten auf die allzu menschlichen Seiten des Parlamentsbetriebs legt.

Wahlprognose häufig Volltreffer

Doch zurück zum Mierscheid-Gesetz: Nach Angaben der Statistiker lag die Deutsche Rohstahlproduktion im Juli 2009 um 28,8 Prozent  niedriger als noch im Juli 2008. Ein fatales Zeichen, denn gemäß dem Mierscheid-Gesetz richtet sich der prozentuale Stimmenanteil der SPD nach dem Index der Deutschen Rohstahlproduktion in den alten Bundesländern - gemessen in Millionen Tonnen - im jeweiligen Jahr der Bundestagswahl. Obwohl das Mierscheidsche Gesetz eine Beziehung zwischen zwei nicht logisch verknüpften Faktoren unterstellt, behielt Mierscheid immer wieder Recht bei seiner Wahlprognose und übertrumpfte damit häufig auch die zuweilen eitle Kaste der Wahlforscher mit ihren nicht selten hoch komplizierten Analyseverfahren.

Das Mierscheid-Gesetz im Wandel der Zeit

Die Genauigkeit von Mierscheids Gesetz wurde etwa im Jahr 2002 ziemlich gut bestätigt: Die Rohstahlproduktion im Jahre 2002 betrug zu diesem Zeitpunkt 38,6 Mio. Tonnen, der Stimmenanteil der SPD bei der Bundestagswahl 2002 lag bei 38,5 Prozent. Auch in den Jahren davor traf das Mierscheid-Gesetz annähernd zu: Zur Zeit der Regierung Kohl war die Rohstahlproduktion sehr gering; ebenso erging es den Wählerstimmen der SPD. Erst im Jahr 1998 waren die Rohstahlerzeugnisse der alten Länder auf 38,45 Mio. Tonnen gestiegen; die SPD gewann die Wahl mit 40,9 Prozent.

Im Wahljahr 2005 lag die Produktion in den alten Bundesländern bei ca. 40 Mio. Tonnen. Das Mierscheid-Gesetz wies damit erstmals seit den 1970er Jahren eine besonders große Abweichung auf (Wahlergebnis der SPD: 34,2 Prozent). Unklar ist derweil immer noch, ob durch die Erweiterung des politischen Spektrums um die Linkspartei nicht eine Anpassung in „Stimmenanteil der SPD und Linkspartei“ statt „Stimmenanteil der SPD“ notwendig wird. Auch die Ausweitung des Gesetzes auf das gesamtdeutsche Bundesgebiet nach der Wiedervereinigung brachte Veränderungen mit sich, die von Mierscheid zuvor noch nicht erahnt werden konnten. Deshalb hat das Mierscheid-Gesetz bislang nur Gültigkeit für die Rohstahlproduktion der alten Bundesländer. Auch bei der diesjährigen Wahl bestätigte sich auf Bundesebene wieder eine Abweichung um mehrere Prozentpunkte.

Mierscheid behält wieder Recht

Angesichts der Entwicklung der Rohstahlproduktion musste man also zuvor schon im Berliner Willy-Brandt-Haus geahnt haben was da am Wahlabend auf die Sozialdemokraten zukommen würde. Kompetenten Rat durch Mierscheid hatte man schließlich. Womöglich hatten die Berliner Parteistrategen den alten Bonner Haudegen-MdB - wie so oft - einfach wegignoriert und seine Prognose als bloße Spinnerei abgetan.

Doch Mierscheid hat es im Gegensatz zu vielen anderen wieder einmal geschafft: er hat mit äußerst hoher Wahrscheinlichkeit nicht nur entgegen des SPD-Bundestrends abermal sein Mandat verteidigen können, sondern bewies auch seine Qualitäten als Wahlforscher, denn die Rohstahlproduktion im Jahr 2008 betrug in den alten Bundesländern insgesamt 39,5 Mio. Tonnen. Im Jahr der Bundestagswahl ging sie zuletzt um 28,8 Prozent zurück. Hieraus ergibt sich für die SPD ein rechnerischer Stimmenanteil von 28,1 Prozent bei der Bundestagswahl. Tatsächlich holte die SPD am Wahlsonntag auf Bundesebene 23 Prozent und im Land Niedersachsen 29,3 Prozent der Stimmen. In Niedersachsen traf Mierscheids Prognose damit voll ins Schwarze, auf Bundesebene führt die Präsenz der Linkspartei offensichtlich zu Abweichungen des SPD-Ergebnisses. An einer Verfeinerung seiner Wahlprognose kann der umtriebige Abgeordnete nun erstmal weitere vier Jahre feilen. Dann steht die nächste Bundestagswahl an.

(Onur Yamac)


 


 

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