Sie sind hier: Startseite Weser-Ems Business-News
Weitere Artikel
Lehrlinge aus dem EU-Ausland

Mit der Öffnung des deutschen Arbeitsmarkts sind Beschränkungen gefallen

Kamil Stefanowski sitzt in der Schulbank und hört Deutschlehrerin Dominika Hrubcova zu. "Ich versuche den Schülern die Sprache spielerisch beizubringen", sagt sie. Der 17-jährige Kamil versteht schon gut Deutsch, während sich einige seiner Mitschüler noch mühen. Insgesamt 16 junge Polen absolvieren derzeit im Bildungszentrum der Handwerkskammer Frankfurt (Oder) einen dreiwöchigen Sprachkurs, bevor sie im September eine Lehre in Deutschland beginnen. Er wolle hier einen guten Beruf erlernen mit guter Bezahlung, erzählt Kamil.

Von Jörg Schreiber

Die 16 Polen im Alter von 17 bis 20 Jahren sind Vorreiter: Sie gehören zur ersten Gruppe, die nach der vollständigen Öffnung des deutschen Arbeitsmarkts für polnische Arbeitnehmer und Auszubildende am 1. Mai eine handwerkliche Ausbildung in der Ostbrandenburger Grenzregion aufnehmen. Früher hätten die Jugendlichen eine Aufenthaltserlaubnis und eine Arbeitsgenehmigung gebraucht, sagt die Leiterin Berufsbildung bei der Kammer, Michaela Schmidt. Diese bürokratischen Hürden seien im Frühjahr weggefallen.

Missverständnisse in Polen mussten ausgeräumt werden

In den vergangenen Monaten hatte Aleksandra Ziomko, die bei der Kammer für Fachkräftesicherung zuständig ist, 22 Schulen in der polnischen Grenzregion besucht und dort Eltern und Schüler über das deutsche Ausbildungssystem informiert. Bald gingen Anrufe und Mails aus ganz Polen ein, zu einer Informationsveranstaltung erschienen 40 Schüler. Es mussten einige Missverständnisse ausgeräumt werden, wie sich Ziomko erinnert. Manche Eltern glaubten, von der Ausbildungsvergütung in Deutschland könne die ganze Familie leben.

Nach Einzelgesprächen mit den Bewerbern und Sichtung der Schulzeugnisse wurden schließlich 17 Polen ausgewählt, von denen einer so gut Deutsch kann, dass er nicht einmal den Kurs belegen muss. 13 von ihnen haben inzwischen Lehrverträge, wie Ziomko sagt. Viele als Maurer, aber auch als Fahrzeugmechatroniker, Metallbauer oder Bürokauffrau. Noch immer riefen polnische Eltern an und fragten nach Ausbildungsmöglichkeiten, doch es sei nicht so einfach, Lehrstellen zu finden, merkt Michaela Schmidt an.

Die meisten Handwerksbetriebe könnten sich durchaus vorstellen, einen polnischen Lehrling einzustellen. Doch wenn es konkret wird kämen Fragen, ob die Bewerber wirklich gut genug Deutsch sprächen und vom ersten Tag an arbeiten könnten. Die Betriebe würden noch zu wenige Zugeständnisse machen etwa bei Zuschüssen zur Wohnungsmiete, die auch polnische Lehrlinge allein tragen müssen. Immerhin bekämen die Firmen perfekt polnisch sprechende Mitarbeiter. Und angesichts sinkender Schülerzahlen blieben immer mehr Lehrstellen unbesetzt.

Ähnliches Projekt auch in Cottbus angelaufen

"Uns ist klar, dass wir damit nicht die Fachkräftelücke schließen können", sagt Schmidt. Schließlich gebe es in Polen selbst einen zunehmenden Fachkräftemangel. Aber einen Versuch sei es wert. So gibt es auch in anderen Regionen Pilotprojekte. In südbrandenburgischen Handwerksfirmen etwa werden künftig 13 polnische Jugendliche ausgebildet. Sie erhalten am 3. September ihre Lehrverträge, wie Veronika Martin von der Cottbuser Handwerkskammer sagt. Vorausgegangen war dort ein viermonatiger Deutschkurs.

"Die Betriebe sichern sich zweisprachige Fachkräfte, grenzüberschreitende Kooperationen werden erleichtert", erklärt der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der Cottbuser Kammer, Horst Freimann. Indes kann niemand sagen, ob die polnischen Lehrlinge die Ausbildung durchhalten. Immerhin müssen sie dem deutschsprachigen Unterricht an der Berufsschule folgen können. Die Deutschkenntnisse seien sehr unterschiedlich, hat Hrubcova festgestellt. "Es liegt an den Jugendlichen, die Chance zu nutzen", sagt Veronika Martin.

Kamil Stefanowski sieht das gelassen. Er wohnt in der Nähe von Szczecin (Stettin) und hat einen Lehrvertrag als Maurer bei einer Firma nur wenige Kilometer entfernt in der Uckermark in der Tasche. Da könne man schnell mal nach Hause fahren, sagt er. Auf jeden Fall wolle er später in Deutschland leben.

(dapd )


 


 

Polen
Lehrling
Fachkräfte
Lehrvertrag
Missverständnisse
Mitschüler
Jugendliche

Passende Artikel suchen

Finden Sie weitere Artikel zum Thema "Polen" - jetzt Suche starten:

Kommentar abgeben

Bei einer Antwort möchte ich per E-Mail benachrichtigt werden

 
 

 

Entdecken Sie business-on.de: