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"Der Herr hat's genommen"

Leo Kirch hat die deutsche Medienlandschaft Jahrzehnte lang geprägt

Der fränkische Winzersohn Leo Kirch hat alles riskiert, alles gewonnen - und wieder verloren. "Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen", sagte der Katholik, als sein überschuldeter Medienkonzern 2002 in die Pleite stürzte. Aber dann widmete er seine letzten Lebenjahre einem Rachefeldzug gegen die Deutsche Bank und deren damaligen Chef Rolf Breuer, dem er die Zerstörung seines Lebenswerks anlastete: "Der Rolf hat mich erschossen", klagte er in einem Interview verbittert.

Von Roland Losch

Der letzte öffentliche Auftritt des 84-jährigen Leo Kirch war im März im Münchner Milliarden-Prozess gegen die Bank. Der große, breitschultrige Mann wurde im Rollstuhl in den Saal gefahren, fast blind, gezeichnet von mehreren Herzoperationen und Diabetes. Er lachte, aber seine Worte waren kaum verständlich - nach eineinhalb Stunden brach der Richter die Vernehmung ab. Der erwartete Schlagabtausch mit dem anwesenden Breuer blieb aus - statt dessen erzählte Leo Kirch von seinen Anfängen.

Als frisch promovierter Betriebswirt hatte er 1955 eine Filmhandelsfirma gegründet. "Eines meiner ersten größeren Geschäfte war der Erwerb der Filmrechte an 'La Strada' für 25.000 Mark", sagte Kirch. Das Geld musste er sich von seinem Schwiegervater leihen, denn "das ging über meine finanziellen Möglichkeiten hinaus". Schulden und Geschäfte seien dann in immer höhere Größenordnungen gewachsen.

Gute Drähte zur Politik

Leo Kirch erkannte den wachsenden Bedarf des Fernsehens und wurde für die ARD und das neugegründete ZDF zu einem der wichtigsten Filmlieferanten. Mit mehreren Verlagen gründete er 1984 den Privatsender PKS, den Vorläufer von Sat.1, und stieg wenig später beim Axel-Springer-Verlag ein.

Zur Politik pflegte Kirch gute Beziehungen - die bayerische Regierung unterstützte ihn mit Blick auf den Medienstandort München, die Landesbank gab Kredite. Bundeskanzler Helmut Kohl konnte sich im Wahlkampf auf Sat.1 gut präsentieren und bekam nach seiner Amtszeit einen Beratervertrag bei Kirch. Kirch war auch Trauzeuge bei Kohls zweiter Hochzeit.

An Kirchs 75. Geburtstag im Oktober 2001 gehörten die Senderkette ProSiebenSat.1 samt Kabel 1, N24, Neun Live und DSF, der Pay-TV-Sender Premiere, die Bundesliga- und die Formel-1-Rechte, Constantin-Film und Produktionsfirmen und nicht zuletzt 40 Prozent am Axel-Springer-Verlag zu seinem Imperium. Sein Privatvermögen wurde auf über 10 Milliarden Euro geschätzt. Aber Kirch sagte damals: "Ich habe kein Geld, ich habe Schulden."

Berlusconi und Murdoch ins Boot geholt

Denn er hatte seinen verschachtelten Konzern auf viel fremdem Geld aufgebaut. Der italienische Medienzar Silvio Berlusconi und andere Investoren waren 1999 beim Film- und Sportrechtehandel KirchMedia eingestiegen, Rupert Murdoch war Teilhaber bei dem defizitärem Abosender Premiere, der sich als ein Fass ohne Boden erwies. Die fusionierte ProSiebenSat.1 hatte Kirch an die Börse gebracht.

Ende 2001 stand er am Abgrund. Mehrere Banken, Springer und Murdoch wollten aussteigen und forderten plötzlich Milliarden zurück. Im Februar 2002 gab Breuer das inzwischen legendäre Fernsehinterview, in dem er bezweifelte, dass Kirch weitere Bankkredite bekommen werde. Am Montag, dem 8. April 2002, musste die KirchMedia Insolvenz anmelden.

Seither hat Kirch die Deutsche Bank mit rund 60 Verfahren überzogen - drei Milliarden Euro Schadenersatz lautete die Forderung. Einen Etappensieg konnte er 2003 vor dem Bundesgerichtshof verbuchen, der Breuer eine Pflichtverletzung attestierte und Kirch deshalb im Grundsatz und in einem Teilbereich Schadenersatz zubilligte.

Immer noch Groß aktionär bei Constantin

"Ich bin insolvent", hatte Kirch vor Gericht gesagt. Aber er lebte mit seiner Frau im vornehmen München-Bogenhausen, hatte weiter sein Büro in der Altstadt und konnte Prozesse führen, die viele Millionen verschlangen. Ein Überraschungscoup war ihm 2007 missglückt, als er mit Ehefrau Ruth und Dieter Hahn plötzlich die Bundesliga-Rechte für sechs Jahre kaufen wollte. Mit der Liga war er schon einig, aber das Kartellamt machte ihm einen Strich durch die Rechnung.

Aber Kirch konnte es nicht lassen. Hinter den Kulissen mischte der 84-Jährige weiterhin im Filmgeschäft mit: Seine Firma KF15 ist mit 19 Prozent größter Aktionär der Constantin Medien AG. Am Donnerstag ist der schwerkranke Leo Kirch gestorben.

(dapd )


 


 

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