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Kommentar von Dieter Kuckelkorn

Der Markt wartet auf den Herbst

Vergleicht man die aktuelle Situation an den Märkten mit derjenigen vor einer Woche, so ist ein wesentliches Hindernis aus dem Weg geräumt: Das griechische Parlament hat dem drastischen Sparpaket der Regierung zugestimmt. Nun geht es nur noch um die genaue Ausgestaltung der Finanzhilfen für das hochverschuldete Land. Dass die Mittel fließen werden und dass damit ein Staatsbankrott vermieden wird, der wohl noch in diesem Monat erfolgt wäre, wird von praktisch keinem Beobachter mehr bezweifelt. Zumal sich nun auch die Banken in einem wenn auch bescheidenen Ausmaß an der Rettung beteiligen.

Zudem sahen am Freitag die in den USA hereinkommenden Konjunkturdaten gar nicht schlecht aus. Der ISM-Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe fiel mit 55,3 Punkten nach 53,5 im Vormonat überraschend stark aus. Erwartet worden war ein Rückgang auf 52 Punkte, womit sich der Index nur noch knapp oberhalb der Marke von 50 Punkten gehalten hätte, deren Unterschreiten eine Kontraktion in dem Sektor anzeigt. Damit ist zwar die Gefahr als gebannt zu betrachten, dass die größte Volkswirtschaft der Welt einen "Double Dip" erleidet, also in die Rezession zurückfällt. In den Himmel wachsen die Bäume in den USA aber gleichwohl nicht.

Risikoprämien gesunken

Mit Blick auf die Entscheidung in Griechenland und die Konjunkturdaten haben sich die Aktienmärkte in den vergangenen Handelstagen und auch am Freitagnachmittag freundlich entwickelt. Der Euro legte deutlich zu, bevor dann am Freitag der US-Einkaufsmanagerindex eher dem Greenback zugute kam. Und an den Credit-Märkten sind bei den Anleihen der hochverschuldeten Staaten der Europäischen Union (EU) nachgebende Risikoprämien zu beobachten. Nun wäre es aber verfrüht, aus den durchaus positiven Entwicklungen zu schließen, dass die Märkte in ein ruhigeres Fahrwasser geraten sind, mit deutlichen Kursanstiegen bei Aktien, ausgeprägten Spread-Einengungen bei Credits und einem festeren Euro. Es sind noch genügend Risiken vorhanden, die die Märkte in Schach halten werden. Dabei ist die mit hoher Wahrscheinlichkeit am Donnerstag erfolgende Leitzinserhöhung durch die Europäische Zentralbank (EZB) von 1,25% auf dann 1,5% noch das kleinste Problem. Der Schritt wird an den Märkten erwartet. Er ist von EZB-Chef Jean-Claude Trichet mit hinreichender Deutlichkeit angekündigt worden und daher längst eingepreist.

Die größte kurzfristige Gefahr liegt zweifellos darin, dass die USA wegen des Streits zwischen den Demokraten und der Obama-Administration auf der einen Seite und den zunehmend fundamentalistischer agierenden Republikanern auf der anderen Seite per 2. August zahlungsunfähig werden. Die Frist für eine Einigung läuft sogar noch deutlich früher ab: Damit die notwendige Gesetzgebung auf den Weg gebracht werden kann, muss eine Einigung bis zum 22. Juli erfolgen. Kommt diese nicht zustande, könnten die Folgen hart sein. Vertreter von Ratingagenturen haben bereits durchblicken lassen, dass sie US-Staatsanleihen von "AAA" auf "D" ("Schuldner ist in Zahlungsverzug, Anleihe ist notleidend") herabstufen könnten, auch wenn es sich nur um ein temporäres Problem und keinesfalls um einen waschechten Staatsbankrott handelt.

Unerfreulich ist in diesem Zusammenhang die Amtsmüdigkeit von US-Finanzminister Timothy Geithner, der Präsident Barack Obama oft als Mann fürs Grobe gedient hat, womit er auch in den Verhandlungen mit den Republikanern nützlich sein könnte. Darüber hinaus ist die konjunkturelle Lage enttäuschend - trotz des besser als erwartet ausgefallenen US-Einkaufsmanagerindex. Nach wie vor sehen insbesondere in Europa viele Makrodaten nicht sonderlich gut aus. Ein Beispiel dafür sind die Einkaufsmanagerindizes, die sich als recht zuverlässige konjunkturelle Frühindikatoren erwiesen haben. Sie sind in den vergangenen Monaten sehr schwach gewesen.

Dies zusammen mit der Tatsache, dass die Gewinnerwartungen der Analysten mit Blick auf die Konjunkturflaute zu optimistisch sind, dürfte dafür sorgen, dass sich das Sommerloch am Aktienmarkt fortsetzt. Und da die Griechenland-Krise noch lange nicht als dauerhaft gelöst betrachtet werden kann, wird auch der Euro nicht nachhaltig gegenüber dem Dollar zulegen und die Credit Spreads dürften auf ihren hohen Niveaus verharren. Somit bleibt den Anlegern nur, auf bessere Zeiten und damit auf den Herbst zu warten, wenn die Konjunkturflaute wohl allmählich überwunden sein wird.

Der Autor schreibt für die in Frankfurt/Main erscheinende "Börsen-Zeitung":

(Redaktion / ots)


 


 

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