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Nach Aus für Magna

Hunderte Arbeitsplätze bei Karmann in Gefahr

Harsche Kritik übt Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) an der Entscheidung des Bundeskartellamtes vom Mittwoch, die Übernahme der Sparte Karmann-Dachsysteme durch Magna zu untersagen. Gewerkschafter sehen zugleich kaum Chancen für eine Ministererlaubnis. Hunderte Arbeitsplätze sind bedroht.

„Das Bundeskartellamt hat umfangreich Material zugestellt bekommen. Allerdings hatte es sich bedauerlicher Weise beim vorherigen Kartellverfahren - der Übernahme des Autozulieferers Edscha durch den Wettbewerber Webasto - zu sehr für das jetzige Verfahren festgelegt, ohne die Einzelheiten zu kennen. Ich halte die Entscheidung des Kartellamts für falsch, das Amt verkennt die Lage.", so Wulff mit teilweise kryptischem Unterton.

Dem gegenüber steht der Standpunkt des Bundeskartellamtes. Dort hat der Fall derart an politischer Brisanz gewonnen, dass sich inzwischen der Präsident der Kartellbehörde höchstpersönlich zu Wort meldet. Das ungewöhnliche Schauspiel zeugt davon, dass großer politischer Druck auf der Causa Karmann lastet. Ansonsten entscheidet alleine die Vergabekammer und gibt ihre Entscheidung lapidar per Pressemitteilung bekannt. 

Wulff contra Kartellamt

Kartellamts-Präsident Andreas Mundt begründet die Entscheidung des Kartellamtes damit, dass der europaweie Markt für Dachsysteme mit einem Volumen von 600 Mio. Euro durch die vorangegangene Webasto/Edscha-Fusion aeuropaweit uf zwei Anbieter verengt worden ist und ein weiterer Zusammenschluss den Wettbewerb gefährden würde. Importe von Dachsystemen aus Asien oder USA fänden nicht statt. Deshalb hatten die Kartellwächter bereits kurz vor Weihnachten 2009 bei der Webasto/Edscha-Fusion (Business-on.de berichtete) ihre Bedenken angemeldet.

Während Wulff dem entgegen hält, dass ohnehin nicht die Hersteller im relativ kleinen Cabrio-Markt, sondern die großen Autobauer Druck auf den Preis ausüben, verweist man in Bonn auf die Skepsis einiger Autobauer. Anders als Mercedes, BMW und Renault, die für den Fall, dass Magna nicht zum Zug kommt, ihre Aufträge abziehen wollen, teilen offenbar andere Hersteller den Standpunkt der Kartellbehörden. 

Karmann Know-how nutzt CIE Automotive

Unverkennbar ist aber auch, dass die Übernahme der Karmann-Dachsysteme von verschiedenen Seiten in der Industrie dazu genutzt wird, einen Machtpoker auszutragen. Die Fronten scheinen unversöhnlich und für Außenstehende diffus. Warum die Autobauer den Magna-Konkurrenten CIE Automotive nicht als Investor wollen und mit dem Abzug von Aufträgen drohen, sagen sie nicht öffentlich, jedoch üben die Autobauer durch ihre Boykottdrohung gegenüber dem Kartellamt Druck auf, damit Magna zum Zuge kommt. CIE hat zugleich keine Ambitionen gezeigt, aus dem Bieterrennen auszusteigen und stellt seinerseits die Bedingung auf,dass der unprofitable Vertrag mit BMW bei der Übernahme der Sparte Karmann-Dachsysteme nachgebessert werden müsse, wenn die Spanier einsteigen. Zugleich droht CIE bei einem Scheitern der Karmann-Übernahme durch Magna ein Verlustgeschäft, weil über kurz oder lang die Aufträge fehlen.

Kartellamts-Präsident Mundt will gleichzeitig seine Behörde nicht von den drei Karmann-Kunden Mercedes, BMW und Renault erpressen lassen und beruft sich darauf, dass das Kartellamt die prekäre Lage von Karmann bei der Prüfung des Fusionsantrags ausreichend berücksichtigt habe. Andere Bieter seien vorhanden, führt er aus. Auch ausreichend Marktpotenzial sei vorhanden, weil es Konkurrenten im europäischen Ausland nicht gebe, Cabrio-Dachsysteme nicht importiert würden und weitere Konkurrenz auf absehbare Zeit nicht zu erwarten sei, führt Mundt aus.

Ob das von Private Equity getragene Unternehmen CIE allerdings ein langfristiger Karmann-Investor ist, darüber wird offen nicht gesprochen - zu ungewiss ist der Ausgang des Osnabrücker Bieter-Spektakels. Sicher ist: Die Bindungen des Unternehmens nach Deutschland gelten - anders als bei Magna - nicht als besonders eng. Magna genießt hingegen das politische Vertrauen von Christian Wulff, dem es nur an einer langfristigen Lösung für seine Heimatstadt Osnabrück und die Arbeitsplätze gelegen sein kann. Im schlimmsten Fall droht ein Abfluss des Osnabrücker Know-hows beim Bau von Dachsystemen in Billiglohnländer. Zwischen all den unterschiedlichen Positionen steht zugleich Insolvenzverwalter Ottmar Hermann.

Osnabrück: Skepsis bei Gewerkschaftern

Der von Wulff seit Tagen ins Gespräch gebrachten Ministererlaubnis gibt Hartmut Riemann von der Gewerkschaft IG Metall in Osnabrück dennoch  kaum eine Chance. Eine solche Erlaubnis würde die Entscheidung des Kartellamtes revidieren. Zuletzt hatte sich die Osnabrücker FDP-Landtagsabgeordnete Gabriela König im Bundeswirtschaftsministerium mit Staatssekretär Hans-Joachim Otto getroffen, um Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) zu einer solchen Entscheidung zu veranlassen. Sie ist in der Öffentlichkeit höchst umstritten - zu groß ist die Gefahr, dass das Kartellamt so schleichend von der Politik entmachtet wird.

„Wenn Magna Karmann nicht übernimmt, wird Karmann schließen. Dann bleiben ebenfalls nur die beiden anderen Produzenten übrig," warnt die Osnabrücker Landtagsabgeordnete. "Wenn beide Alternativen also auf das gleiche Ergebnis hinauslaufen, sollte die Entscheidung zugunsten der Arbeitsplätze in Osnabrück ausfallen." Dort und im polnischen Zary warten derweil nach Wochen des Bangens 700 betroffene Karmänner auf eine Zukunftsperspektive. 


(Onur Yamac)


 


 

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