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"Fachkräftemangel ist in einer Marktwirtschaft etwas Absurdes"

Deutschland gehen die Fachkräfte aus - sagen zumindest Wirtschaft, Bundesregierung und Bundesagentur für Arbeit. Ihren Szenarien zufolge fehlen bis spätestens 2020 rund 240.000 Ingenieure im Land, weil die Bevölkerung schrumpft und nicht ausreichend qualifizierter Nachwuchs nachrückt. Schon heute, so klagen sie, gebe es nicht genügend Ärzte, Pflegepersonal und Facharbeiter mehr, so dass ein Ausgleich durch Zuwanderer unumgänglich sei.

Von Brigitte Caspary

 Für die IG Metall und den Volkswirt Albrecht Müller, Buchautor und Herausgeber der Internetseite NachDenkSeiten.de, sind diese Behauptungen schwer nachzuvollziehen, wie sie im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dapd erklären.

"Der Begriff Fachkräftemangel ist in einer Marktwirtschaft etwas Absurdes", erläutert Müller. Einen Mangel gebe es schließlich nur zu einem bestimmten Preis. Wenn es also in einer Marktwirtschaft einen Mangel an einem Gut oder einer Arbeitskraft gebe, dann müsse dafür einfach mehr geboten werden - und dann gebe es auch keinen Mangel mehr.

Angesichts von aktuell 5,3 Millionen Menschen in Deutschland, die Arbeitslosengeld und Hartz-IV-Leistungen beziehen, sollte es ausreichend Potenzial im eigenen Land geben, glaubt auch die Sprecherin der IG Metall in Frankfurt, Ingrid Gier. "Wir haben nichts gegen Zuwanderung an sich", betont sie. Der Ruf einiger Unternehmen nach Mitarbeitern aus den Krisenländern - bis hin zu Schweißern aus Vietnam - sei allerdings "fragwürdig". "Da spielt sicher auch der Aspekt eine Rolle, billige Kräfte aus dem Ausland zu holen".

Denn unter den gemeldeten Jobsuchenden und auch unter den fast 900.000 Langzeitarbeitslosen sind bei weitem nicht nur solche, für die es beispielsweise wegen einer fehlenden Ausbildung auch in Zeiten des Aufschwungs kaum Arbeit gibt. Vielmehr suchen aktuell 20.400 Ingenieure und 2.300 Ärzte händeringend eine Stelle.

Briefe von arbeitslosen Ärzten und Ingenieuren

"Wir bekommen viele Briefe von jobsuchenden Ingenieuren oder Ärzten, die sich wundern, dass jetzt Billigärzte aus dem Ausland gesucht werden, während sie selbst eine Absage nach der anderen kassieren", schildert Müller.

Zumal gleichzeitig immer wieder gut qualifizierte Ärzte in die Schweiz oder nach Skandinavien auswandern, weil sie dort bessere Arbeitsbedingungen und eine bessere Bezahlung finden. Das zeige doch, dass es hierzulande keinen Mangel gebe, sondern diesen Leuten zu wenig geboten werde. "Und dann gehen die weg", bringt es Müller auf den Punkt.

"Hierzulande müssten die Rahmenbedingungen dringend geändert werden", sagt auch Gier. Familie und Beruf müssten endlich besser vereinbar sein, damit auch gut ausgebildete Frauen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen könnten - und zwar in ihrem erlernten Beruf und in Vollzeit.

Lediglich ein Viertel der Unternehmen bildet aus

Darüber hinaus sollte den Unternehmen daran liegen, ihr eigenes Personal auszubilden. "Aber nur ein Viertel der Betriebe bildet aus", klagt Gier. Bei der Weiterbildung seien Firmen ebenfalls viel zu zurückhaltend. Ein positives Beispiel sei allerdings der Autohersteller Opel. Dort würden Altingenieure regelmäßig weitergebildet, um sie für die sich ständig verändernden Anforderungen in ihrem Job fit zu halten.

Statt also den Strukturwandel anzupacken und das eigene Potenzial zu heben, gehen Wirtschaft und Politik den einfachen Weg und suchen lieber nach billigen Arbeitskräften im Ausland, fasst die Gewerkschafterin zusammen. Und das, davon ist Volkswirt Müller überzeugt, gefährdet auf Dauer den sozialen Frieden.

Hinter dem Ruf nach Fachkräften steckt seiner Meinung nach der Versuch, die wirtschaftliche Lage im Land schön zu färben. Denn ein Mangel heiße ja, dass von etwas nicht genug da sei - somit werde ein Zustand mit fast sechs Millionen Menschen ohne Arbeit zur Vollbeschäftigung umdefiniert.

"Nur solche, denen es ganz schlecht geht, kommen"

Die Gefahr eines massenhaften Zustroms von Fachkräften aus dem Ausland sieht Müller aber nicht. "Viele haben doch gar keine Lust, in ein Land zu gehen, das von Sarrazin und ähnlichen Typen bevölkert ist", erzählt er. Es werde schwer werden, Fachpersonal hierher zu bekommen. "Nur solche, denen es ganz schlecht geht, kommen nach Deutschland", ist er sicher.

Notwendig sei ein Zuzug sowieso nicht. Die Aussage, wonach aufgrund des Bevölkerungsschwunds in Deutschland die Arbeitskräfte ausgehen, sei "ökonomisch völliger Stuss", sagt er. "Wenn wir bis 2025 weniger sind, dann sind wir auch weniger, die konsumieren, wir haben weniger Nachfrage, wir haben weniger Notwendigkeit zu arbeiten." Schon heute beweise der Exportüberschuss, dass Deutschland mehr produziere als es benötige. "Wer also hergeht und bei seinen Berechnungen von weniger Erwerbsfähigen in den nächsten Jahren ausgeht, aber alle anderen Faktoren unverändert lässt, zeigt doch, dass er makroökonomisch eine Null ist." Das sei aber leider ein häufig gemachter Fehler bei solchen Analysen.

(dapd )


 


 

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