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Presse-Querschnitt

Meinungen zu den sich ausweitenden Studentenprotesten in Deutschland

Die sich ausdehnenden Studentenproteste haben wieder umfangreiche Resonanz in den Medien gefunden. Einerseits finden die Studenten Unterstützung für ihren Widerstand gegen das ihnen durch die Bachelor- und Master-Umstellung zugemute unmenschliche Arbeitspensum, andererseits wird der Ausstieg aus Bologna von den Kommentatoren als kontraproduktiv gewertet. In der"Neuen Westfälischen" fordert Kommentator Bernhard Hänel, den Wert der Bildung mit dem Wert der Würde der jungen Menschen in Einklang zu bringen.

Westdeutsche Allgemeine Zeitung: Bildungssystem ist ungerecht

Essen. "Die Studierenden haben Recht", sagte die Fraktionschefin der Grünen, Renate Künast. "Unser Bildungssystem ist ungerecht, unterfinanziert und führt zu sozialer Spaltung." Künast forderte einen "echten Bildungsaufbruch, der mit Investitionen in das gesamte Bildungssystem einhergeht." Die Hochschulen bräuchten jetzt verbindliche Wege aus der Unterfinanzierung, sagte Künast und kritisierte die neue schwarz-gelbe Regierung: "Angela Merkel (CDU) redet sonntags von der Bildungsrepublik und entzieht ihr unter der Woche mit milliardenschweren Steuergeschenken für Besserverdienende die finanzielle Basis."

Neue Westfälische: Bildungsstreik - Wert und Würde

Bielefeld. (Von Berhard Hänel) Bildung ist systemrelevant", war auf einem Plakat zu lesen, das ein Schüler am Bielefelder Rathausplatz in die Höhe reckte. In der Tat, treffender lässt sich der Anlass des zweiten sogenannten Bildungsstreiks in diesem Jahr nicht ausdrücken. Diese Jugend weiß um ihren Wert, gleich ob sie gestern auf die Straßen ging oder brav in der Uni paukte. Wer um seinen Wert weiß, muss sich nicht unter Wert verkaufen. Versucht wird es dennoch, von Politikern, Wirtschaft, eigentlich der gesamten Gesellschaft. Die Erwartungen an die Jugend werden stetig höhergeschraubt, damit sie schnell und stromlinienförmig durchs Bildungssystem hetzt, um dem Land aus einer Krise zu helfen, die sie nicht verursacht hat. Der sogenannte Bologna-Prozess und das Turbo-Abitur nach 12 statt 13 Schuljahren haben zu Zwängen geführt, die aus Studierenden Fachidioten machen und zehnjährigen Kindern ein Arbeitspensum zumuten, gegen das Fließbandarbeit ein Zuckerschlecken ist. Das kann niemand wollen. Der Chor der besserwissenden Politiker, die ihre Hände in Unschuld waschen, ist unterdessen leiser geworden. Der eine oder andere verspricht Nachbesserung, die meisten aber spielen wie eh und je Schwarzer Peter. Nicht die Politik sei verantwortlich, sondern die Hochschulen. Wer verantwortlich ist, ist den Demonstrierenden egal. Sie erwarten zu Recht, dass sich etwas ändert. Ihr Druck zeigt erste Wirkung. Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) kündigte gestern eine BAföG-Erhöhung an, die sie vor zwei Wochen noch kategorisch ausgeschlossen hatte. Wenn Druck die einzige Sprache ist, die die Verantwortlichen verstehen, wird es noch vieler Demonstrationen bedürfen, um den Wert der Bildung in Einklang zu bringen mit dem Wert und der Würde der jungen Menschen. Würde und Recht auf Bildung sind Menschenrechte.

Kölnische Rundschau: Lehrpläne entrümpeln

Köln. (Von Norbert Wallet, Berlin) Angesichts der Zustände an vielen Hochschulen ist man geneigt, den Studierenden per se Recht zu geben. Das aber wäre voreilig. Sie bringen ein ganzes Bündel an Forderungen vor, von denen manche richtig, andere absurd sind. Nicht wenige verlangen den ganzen "Bologna-Prozess" rückgängig zu machen, ohne zu merken, dass dies gegen ihre ureigenen Interessen gerichtet wäre. "Bologna" steht für den international abgestimmten Umbau der akademischen Ausbildung. Kern sind (kürzere) Bachelor- und (längere) Master-Studiengänge. Angestrebt werden international vergleichbare Abschlüsse, was mehr Mobilität in Europa und damit bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt bedeuten soll. Der Bachelor soll zudem einen schnelleren ersten Abschluss ermöglichen, was wiederum den Anreiz zum Studium erhöhen und einen schnelleren Einstieg ins Berufsleben ermöglichen soll. Das ist alles keine Kleinigkeit, denn die deutschen Studenten erreichen im europäischen Vergleich spät den Arbeitsmarkt. Diesen europäischen Bildungsaufbruch zu torpedieren wäre dumm. Dass schneller, zielgenauer und vergleichbarer studiert wird, ist im Gegenteil eine große Errungenschaft. Jedenfalls dann, wenn er richtig umgesetzt wird. Da aber haben die Protestierenden nämlich Recht: Die Art, wie deutsche Unis die Großreform umsetzten, war teilweise an Gedankenlosigkeit einer akademischen Einrichtung unwürdig. Wenn an manchen Universitäten der Stoff eines vierjährigen Magister-Studiums einfach in das Korsett eines dreijährigen Bachelor-Abschlusses gezwängt wird - dann ist das Resultat klar: Dauerstress, eine Stakkato an Prüfungen und ein Lernen, das keinen Raum für Kreativität lässt. Nur ist das nicht die Schuld der Reformer, sondern dickfelliger Hochschulverwaltungen, die sich nicht vorstellen können, dass Lehrpläne regelmäßig entrümpelt gehören. Mag sein, dass derweil immerhin das Problem erkannt ist. Wenn die Studenten da noch mehr Druck machen, kann das nicht schaden. Eine kurzfristige Bafög-Erhöhung jedenfalls, wie sie Ministerpräsident Schavan nun zur Beruhigung der Studenten vorschlägt, löst das Problem nicht.

Neue Ruhr Zeitung: Zu Schüler- und Studenten-"Streiks"

Essen. Das wurde aber auch Zeit! Viel zu lange haben Studenten und Schüler ihren Unmut über die zunehmende, unzumutbare Arbeitsverdichtung und den immer größeren Prüfungsstress in Hörsälen und Klassenzimmern unterm Deckel gehalten. Der sogenannte Bologna-Prozess und das Abitur nach acht statt neun Jahren haben zu Zwängen geführt, die aus Studierenden Paukroboter und aus dem schulischen Lernen Kinderarbeit machen. Dazu kommt schon bald ein Problem, auf das niemand richtig vorbereitet ist: Wie bewältigen die Universitäten eigentlich im Jahr 2011 die doppelten Abi-Jahrgänge? Lernen muss mehr als nur abfragbares Wissen sein. Es darf sich auch nicht allein nach den Wünschen der Wirtschaft richten. Schon die alten Lateiner wussten: Non scholae, sed vitae discimus. Nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen wir.

(Redaktion)


 


 

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Anette Schavan

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