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Meinungen zum Jahrestag des Lehman Brothers-Bankrotts

Heute jährt sich zum ersten Mal die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers, die die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise einleitete. Anlässlich des unrühmlichen Jubiläums beschäftigten sich verschiedene Medien mit den Lehren aus dem Lehman-Bankrott. Die Kommentatoren kommen dabei größtenteils zu kritischen Urteilen über die Regierungsarbeit. Insbesondere wird moniert, dass sich die Staatengemeinschaft immer noch nicht zu einer stärkeren Regulierung der Finanzmärkte hat durchringen können. Eine Wiederholung der Krise sei daher nicht ausgeschlossen, so der allgemeine Tenor.

Neue Westfälische: Lehman-Kollaps - Die Krise bleibt möglich 

Bielefeld. (Von Hannes Koch) Heute ist es ein Jahr her, dass die Finanzkrise ins Alltagsbewusstsein drang. Am Morgen des 15. September 2008 meldeten die Nachrichten, dass Lehman Brothers, eine der größten Investmentbanken der New Yorker Wall Street, Gläubigerschutz beantragt habe. Bankrott! Von solch einem Zusammenbruch sei das stabile deutsche Bankensystem weit entfernt, sagte Bundesfinanzminister Peer Steinbrück an jenem Vormittag. Er sollte sich täuschen. Hunderte Milliarden Euro setzte der Staat auch hierzulande ein, um die Finanzwirtschaft am Leben zu erhalten. Unglaublich viel hat sich in diesem einen Jahr verändert. Ein ganzes Gedankengebäude ist eingestürzt. In den Jahrzehnten vor 2008 hatte der Glaube an den freien Markt weltweit triumphiert, und man sang das Hohe Lied des ungehinderten Wettbewerbs und der großen Kapitalgewinne. Die liberale Theorie, unbeschränkter ökonomischer Eigennutz führe automatisch zum Vorteil aller, hat die Krise jedoch nicht überlebt. Auf der theoretischen Ebene zumindest etablierte sich ein neuer Konsens. Bundeskanzlerin Angela Merkel, Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy, US-Präsident Barack Obama und andere Regierungschefs behaupten nun wieder das Primat der Politik gegenüber der Wirtschaft. Aus beidem - der Stärke der Politiker und der relativen Schwäche der Banker - kann eine neue Balance entstehen. Wenn, ja wenn der alte Schlendrian nach einer Schamfrist nicht wieder einreißt. Leider gibt es genau dafür starke Indizien. Verbriefungen von fragwürdigen Vermögenswerten sind beispielsweise schon wieder im Gange. Derartige Geschäfte können zum Auslöser der nächsten Krise werden, wenn die Regierungen und Bankenaufseher in Hongkong, New York, London und Frankfurt nicht einschreiten. Dass sie dies doch tun, ist ihre erklärte Absicht.

Rheinische Post: Lehmans Lektionen

Düsseldorf. (Von Antje Höning) Mit seiner Rede zum Jahrestag der Lehman-Pleite hat Barack Obama den Finger in die Wunden der Krisenbekämpfer gelegt. Politiker und Banker hatten geschworen, alles zu tun, damit sich Lehman und die Folgen nicht wiederholen. Doch längst sind die Reumütigen rückfällig geworden. Investmentbanker prahlen wieder mit ihren Boni, als hätte es die Krise nie gegeben. Hier mischt sich die Dreistheit der Angestellten mit der Dummheit ihrer Arbeitgeber. So lange Banken keine Entlohnungs-Systeme auflegen, die neben dem Bonus auch den Malus (den Gehaltsabzug bei Misserfolg) kennen, werden Manager unverantwortlich zocken. Zumal, wenn Banken nicht verpflichtet werden, einen Teil der Risiken aus ihren Geschäften selbst zu tragen. Diese Haftung festzuschreiben, ist Aufgabe der Politik. Doch weder Obama noch die EU haben ihre Hausaufgaben gemacht. Sie haben zwar erfolgreich das Feuer nach Lehman gelöscht, indem sie Spareinlagen und Institute retteten. Doch sie haben zu wenig getan, um einen neue Flächenbrand zu verhindern. Dazu zählt auch, dass sie bald ihre Billionen wieder einsammeln müssen, mit denen sie die Märkte beruhigten. Sonst legen sie den Keim für eine neue Immobilienblase, mit der die Krise begann.

Westfalenpost: Ein Jahr nach der Lehman-Pleite

Hagen. Krise - welche Krise? Das fragt sich heute manch einer, der ein Jahr nach der Lehman-Pleite einen sicheren Arbeitsplatz hat, dank Abwrackprämie ein neues Auto besitzt, sich über niedrigste Lebensmittelpreise und Kreditzinsen freut sowie sein Erspartes vor Bankenpleiten besser geschützt sieht. Alles Folgen der Beinahe-Kernschmelze der Finanzwelt nach dem 15. September 2008, als die US-Regierung die Investment-Bank Lehman Brothers in den Abgrund stürzen ließ. Ein riesiger Fehler, gewiss. Ohne die Lehman-Pleite hätte die Weltwirtschaft geschwächelt, aber sie hätte nicht unmittelbar vor dem Kollaps gestanden. Nur die entscheidende Frage, ob seitdem Vorsorge getroffen worden ist, dass sich die dramatischen Ereignisse von damals nicht wiederholen können, ist damit noch nicht beantwortet. Das heißt konkret: Aus heutiger Sicht ist eine Wiederholung nicht ausgeschlossen, weil die Regierungen versagt haben. Wo sind die neuen Regeln und die neuen Werte, die eine neue Krise in einem Finanzsektor verhindern sollen, der statt zu dienen immerzu herrschen will? Wo ist die Kontrolle allzu gewagter Bankgeschäfte, ohne den Weg der Verstaatlichung einer ganzen Branche zu gehen? Deutschland hat sich bis jetzt, um zu retten, was zu retten ist, lediglich zu Maßnahmen zum Krisenmanagement verstanden - Staatshilfe für Banken, Bad Banks für faule Wertpapiere. Neue Regeln sind das noch nicht, die müssen europäisch oder global abgestimmt und durchgesetzt werden. War die Bereitschaft dazu nach dem 15. September 2008 noch in Grundzügen vorhanden, so im April beim G-20-Gipfel der Absichtserklärungen in London, so ist sie heute, bei langsam anspringender Weltkonjunktur, kaum noch erkennbar. Vor allem die USA und Großbritannien sperren sich aus ideologischen Gründen gegen verpflichtende internationale Regeln für die Finanzmärkte. Die deutsche Haltung, über Parteigrenzen hinweg, muss lauten: Kein Angebot und kein Markt sollte ohne Regulierung bleiben. Denn erstes Opfer unregulierter Finanzprodukte ist immer Otto Normalsparer.

(Redaktion)


 


 

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