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Braune Blutspur der NSU

Von Döner-Morden, Kartoffeln und Nürnberger Rostbratwürstchen...

Die Blutspur der aufgedeckten braunen Terror-Truppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) schockt Deutschland. Immer wieder ist seitdem von "Döner-Morden" die Rede. Doch tatsächlich hat nur eine geringe Zahl der NSU-Opfer in Imbissbetrieben gearbeitet. Der Begriff entpuppt sich zunehmends als Public Relations-Schlagwort staatlicher Stellen.

Von Onur Yamac

Im Jahr 2007 ist in Heilbronn die 22-jährige Polizistin Michele K. von der NSU hingerichtet worden, ihr lebensgefährlich verletzter 24-jähriger Kollege überlebte nur mit viel Glück. Schnell war von den "Polizisten-Morden von Heilbronn" die Rede. Ein Begriff der bei Kriminalern traditionell ungeahnte Fähigkeiten bei der Aufklärung von Straftaten zu Tage fördern kann. Die Ermittlungen blieben dennoch erfolglos.

"Bosporus"-Opfer: Kaum einer war Döner-Verkäufer

Anders bei der bundesweiten Mordserie an zumeist türkischstämmigen Kleinunternehmern. Das Schlagwort "Döner-Morde" hörte sich so markant und ulkig an, dass es Medien, Politiker und Ermittler schnell in ihren Wortgebrauch übernahmen und in den vergangenen Tagen millionenfach in die Wohnzimmer, Kneipen, Imbisse und an die PC-Bildschirme der Republik verbreiteten.  Dabei arbeiteten nur zwei der insgesamt 9 Opfer der "Bosporus"-Mordserie  in Imbissbetrieben. Der überwiegende Teil ging ganz anderen Beschäftigungen nach, beginnend bei einem mobilen Blumenverkaufsstand über eine Änderungsschneiderei, einen Schlüsseldienst, Einkaufsmärkte, Kiosk bis hin zu einem Internetcafe.

Aber unter dem Schlagwort "Döner-Mordserie" ließ sich der wohl größte Ermittlungs Super-GAU der Nachkriegsgeschichte ein wenig verniedlichen: wie heute bekannt ist, blieb die braune Terror-Truppe um Beate Z., Uwe B. und Uwe M. 13 Jahre lang unentdeckt. Das größte Mosaikstein lag bei der Soko "Bosporus" bei der Polizei Nürnberg. Sie ermittelte nach der bundesweiten Mordserie an türkischen Kleinunternehmern. Welche Mosaiksteine andere Behörden wie der Verfassungsschutz hatten, ist bislang unbekannt.

Rückblick auf einen Gammelfleischskandal

Zumindest PR-technisch hat es im Jahr 2006 schon einmal einen vergleichbaren Fall gegeben. Da deklarierten Public Relations-Experten einen Gammelfleischskandal deutscher Fleischverarbeiter zu einem Dönerfleischskandal um und wälzten ihre Verantwortung auf diese Weise geschickt ab. Überall hatten Imbissbuden türkischstämmiger Inhaber danach mit Umsatzeinbußen zu kämpfen. Dass aus den betroffenen deutschen Fleischbetrieben auch Gammelfleisch-Chargen an große Fast-Food-Ketten geliefert worden waren, blieb der deutschen Öffentlichkeit hingegen unbekannt. Was blieb, war der PR-Erfolg: Die Kunden rächten sich in türkischen Imbissbetrieben mit allgemeiner Kaufzurückhaltung, die nicht nur jene Anbieter mit Dumping-Preisen traf.

Von Gammel-Döner hin zu unsauberen Geschäften bedarf es keiner großen gedanklichen Anstrengung. Und so entfaltete der Begriff "Döner-Morde" in der Öffentlichkeit rasch eine doppelt schädliche Wirkung: wenn schon etwas mit dem Fleisch nicht in Ordnung war, wie ist es dann erst mit den Imbissbudenbetreibern? "Mafia, Mafia!" könnte man da als Otto-Normal-Bürger in vorauseilendem Gehorsam schnell denken.  Das ist prinzipiell nicht ausgeschlossen, allerdings hatte die Soko "Bosporus" die Opfer allesamt überprüft und nur in zwei Fällen der Mordserie Anhaltspunkte für kriminelle Verwicklungen gefunden. In welchem Umfang, ist unbekannt.

Hat die NSU auch Anschläge in Köln und Düsseldorf verübt?

Am Samstag wurde durch eine Meldung des Nachrichtenmagazins "Spiegel" schließlich bekannt, dass auch der Bombenanschlag auf jüdische Aussiedler in Düsseldorf im Jahr 2000 (10 Verletzte, ein ungeborenes Baby starb) und der Nagelbombenanschlag auf ein Friseurgeschäft in der Kölner Keupstraße im Jahr 2004 (22 teils schwer Verletzte ) auf das Konto der NSU gehen soll. 

Geht es so weiter, ist bald von Polizistenmorden, einer Döner-Mordserie und toten Falaffel-Babys die Rede. Von Kartoffeln oder Nürnberger Rostbratwürstchen sprach hingegen bislang noch niemand.

Aktualisiert: 14.11.2011

(Red. / oy)


 


 

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