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Meinungen zu den Ausführungen von Thilo Sarrazin

Die kruden Äußerungen von Thilo Sarrazin über Muslime und Juden sorgen weiter für Empörung. Mehrere Tageszeitung gehen am Montag darauf ein. Unterschiedlich sind jedoch die Positionen: Während die in Cottbus erscheinende Lausitzer Rundschau das Vorgehen Sarrazins als PR-Masche zur Verkaufsförderung seines gerade erst erschienenen Buches einordnet und die Westdeutsche Zeitung aus Düsseldorf vor reflexhaften Reaktionen warnt, wirft die in Bielefeld erscheinende Neue Westfälische die Frage auf, warum eigentlich Sarrazins Partei SPD nach all seinen Ausfällen immer wieder an ihm festhält.

Westdeutsche Allgemeine Zeitung: Sarrazins Geschwätz

Essen. (Von Walter Bau) An Thilo Sarrazin scheiden sich die Geister. Für die einen ist er ein profilneurotischer Provokateur und geistiger Brandstifter, für die anderen ein scharfzüngiger Mahner, der sich traut, Tabu-Themen der Gesellschaft anzusprechen. Was davon ist richtig? Die Antwort gibt Sarrazin jetzt selbst. Mit seinem unsäglichen Geschwätz vom Gen der Juden überschreitet der selbst ernannte Integrations-Experte gleichsam eine rote Linie. Wer einem Volk oder einer Religionsgemeinschaft bestimmte, genetisch bedingte Eigenschaften zuschreibt, ob negative oder positive, der setzt sich dem berechtigten Vorwurf des Rassismus aus. Wer derart fahrlässig daherredet, hat jeden Anspruch verspielt, als ernst zu nehmender Teilnehmer einer öffentlichen Debatte über Zuwanderung und Integration wahrgenommen zu werden. Sarrazin hat mit seinem neuen Buch, selbst wenn sich darin einige diskussionswürdige Ansätze finden lassen, der Integration in Deutschland insgesamt eben keinen Dienst erwiesen. Sarrazin spaltet und grenzt aus, damit disqualifiziert er sich selbst. Sozialdemokrat Sarrazin scheint es inzwischen auf einen Rauswurf aus Partei und Bundesbank anzulegen. Er bastelt offenbar an seinem eigenen Märtyrer-Denkmal. Das zeigt: Es geht ihm letztlich nicht um die Sache, sondern um sein Ego.

Lausitzer Rundschau: Schinken fürs Regal Sarrazin und seine Thesen

Cottbus. Nach Eva Herman nun also Thilo Sarrazin. Wenn man es heute in der Hand halten und lesen darf, dieses Buch mit seinen 464 Seiten, dessen Auszüge vorab schon die Republik in Wallung versetzt haben, wird Folgendes geschehen: Nach einiger Zeit wird sich beim Leser die große Ermüdung breitmachen angesichts der ausufernden Schwafelei. Dann wird sich das Buch des Thilo Sarrazin auf das reduzieren, was es ist: Ein Schinken fürs Regal, der neben die Ergüsse der Ex-Tagesschau-Frau Herman gestellt gehört. So läuft es doch immer, wenn ein Buch vermeintlich politisch brisant sein soll: Die PR-Maschinerie platziert dann besonders provokante Sätze in den Medien, darüber hinaus aber haben solche Werke meist kaum etwas Voranbringendes zu bieten. Das soll seine kruden Thesen zu Muslimen und jüdischen Mitbürgern keineswegs entschuldigen oder sie gar bagatellisieren. Aber es ist schon bizarr, mit wie viel Hysterie und Gehör ein gelangweilter Bundesbänker von allen Seiten bedacht wird, von dem man genau weiß, dass er in den vergangenen Jahren die Provokation zur eigenen politischen Maxime erhoben hat. Deswegen: Rechts liegen lassen. Und wenn das eben nicht gänzlich möglich ist, dann zumindest Gegenfragen stellen. Zum Beispiel die, warum Sarrazin in seiner Zeit als Politiker und Senator nicht für Verbesserungen bei der Integration und der Bildung von Einwanderern gesorgt hat. Gerade in Berlin wäre dies dringend notwendig gewesen. Man könnte zudem auch mal jene fragen, die sich derzeit besonders laut über ihren SPD-Parteifreund ereifern, warum sie ihn überhaupt zum Bundesbänker gemacht haben. Obwohl doch klar gewesen ist, dass der Mann einer tickenden Verbalbombe gleichkommt. Die Politik hat stets ignoriert, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist; die Folgen davon sind in jeder großen Stadt, an fast jeder Schule inzwischen zu begutachten. Einwanderer haben im Gegenzug oft ihren eigenen Beitrag zur Integration vermissen lassen, und viel zu selten ist darauf gedrängt worden. Insofern kann es doch nicht darum gehen, wer blöder oder unwilliger ist, sondern nur noch darum, wie sich die offenbar immer größer werdenden Probleme im Miteinander noch lösen lassen. Aber da ist die Politik leider nicht anders als Sarrazin: Sie weiß es auch nicht. Und genau das ist das Fatale.

Neue Westfälische: Thilo Sarrazins Provokationen - Es reicht

Bielefeld. (Von Thomas Seim) Wenn Roland Koch spricht, muss man aufhorchen. Nun hat der scheidende hessische Ministerpräsident Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin zur Ordnung gerufen. Unerträglich nannte Koch die neuen Äußerungen Sarrazins zur genetischen Identität von jüdischen Mitbürgern. Wörtlich hatte Sarrazin erklärt: "Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen." Es war höchste Zeit, dass jemand vom Kaliber eines Roland Koch den Möchtegern-Rassenforscher Sarrazin in die Schranken weist. Dieser verbitterte Noch-Bundesbank-Vorstand hat seine Karten ausgereizt. Es war schon bisher kaum zu fassen, wer diesem im besten Fall naiven, im schlimmsten Fall - und dafür spricht seine Penetranz - politisch und persönlich eiskalt kalkulierenden Brunnenvergifter alles beisprang, wer ihm bereitwillig Plattformen für sein wirres Gequatsche über die Biologie und Erbanlagen von Migranten bot. Der Diskurs hat sich im Blick auf Zuwanderer dramatisch verändert, sicher. Früher negierten unkritische "Multikulti"-Romantiker objektive Zuwanderungsprobleme. Heute müssen sich Politiker wie Koch, der 1999 mit Hilfe einer Postkarten-Aktion gegen Ausländer ins Amt kam, bereits schützend vor Migranten stellen. Nun aber sollten sich die Türen schließen. Es ist unerträglich, dass ein politisch schnell zu verunsichernder Moderator wie Reinhold Beckmann sich heute Abend noch mit Sarrazin schmücken will. Und warum lässt sich die Bundespressekonferenz heute für Sarrazins Werbe-Auftritt missbrauchen? Sarrazin befindet sich mit seinen Provokationen im Widerspruch zu den Artikeln eins bis fünf des Grundgesetzes, die der Ewigkeitsgarantie unterliegen. Bundesbankpräsident Axel A. Weber darf Vorstände aufgrund von "schweren Verfehlungen" entlassen. Was braucht er da im Fall des Vorstands Sarrazin noch? Es reicht jetzt.

Westdeutsche Zeitung: Sarrazin

Düsseldorf. (Von Martin Vogler) Kaum ein Buch hat bislang schon vor seinem Erscheinen so viele Rezensionen gesammelt wie Thilo Sarrazins "Deutschland schafft sich ab". Wohlgemerkt: Erst heute wird das Werk in der Bundespressekonferenz vorgestellt. Und schon haben sich zahlreiche gesellschaftliche Gruppen und bedeutende Politiker dazu geäußert. Rein marketingtechnisch gesehen haben somit das gerne provozierende SPD-Mitglied und sein Verlag einen Volltreffer gelandet. Und dabei genießt Sarrazin offenbar sogar die herabprasselnde Kritik, indem er zum Beispiel am Wochenende dreist die Bundeskanzlerin als seine beste Verkaufsförderin titulierte. Doch genau das ist der wunde Punkt. Die Stimmen, die gegen Sarrazins Thesen laut werden, sind sicherlich überwiegend von ehrlicher Sorge getrieben, dass hier jemand rassistische Vorurteile bedienen will. Allerdings lässt sich auch des Autors Verwunderung nachvollziehen, ob diese Mahner wirklich schon jetzt alle 464 Seiten gelesen und durchdacht haben. Vorveröffentlichungen und Zusammenfassungen reichen nämlich bei solch komplexen Themen nicht unbedingt aus. Die Sarrazin-Kritiker laufen folglich Gefahr, ihm in einem vorschnellen Reflex zu antworten. Ihnen muss klar sein: Das macht sie ebenfalls angreifbar - und erhöht eben den Effekt der ungewollten Öffentlichkeitsarbeit für das Buch. Auch wenn es, vor allem nach den jüngsten Äußerungen über Gene und Juden, die besonders in Deutschland schwer erträglich sind, den Kritikern schwer fällt: Ausschließlich eine sehr sachliche Debatte hilft weiter. Alles andere wertet Sarrazin zu sehr auf. Ihn gar aus seinem Amt zu verjagen, aus der SPD auszuschließen und ihn in geistige Nähe zur NPD zu rücken, ist gefährlich. So entstehen Legenden und Märtyrer. Sachlichkeit ist aus einem weiteren Grund oberstes Gebot. Die von Sarrazin angesprochenen Themen sind nicht nur sensibel, sondern durchaus entscheidend für die Zukunft. Denn auch wenn die meisten aufgeklärten Bürger seine Aussagen für politisch unkorrekt halten, dürfen wir die Probleme nicht schönreden: Vor allem bei der Integration ist in Deutschland sehr viel im Argen. Das auszusprechen, ist in Ordnung und sogar wichtig. Es so polemisch wie Sarrazin zu tun, hingegen nicht.

(ots)


 


 

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2 Kommentare

von Oliver
30.08.10 10:52 Uhr
Meinungen ?

eher Meinungsmache, oder warum kommen hier nur Pressestimmen vor. Fragen Sie doch auch einmal die Bürger & Fachleute.

von Redaktion
30.08.10 16:42 Uhr
Ihr Eintrag

Sehr geehrter Herr Oliver, vielen Dank für Ihren Eintrag. Der Artikel ist als "Presse-Querschnitt" gekennzeichnet. Die Reihe erscheint in dieser Form bereits seit Januar 2009.

 

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