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Ägypten

Die Revolution in Kairo hält die Luft an - Rösler bietet Hilfe an und wird von der Eurokrise eingeholt

Die flachen, kleinen Zelte der Revolutionäre mitten auf dem Tahrir-Platz im Zentrum von Kairo stehen noch, obwohl heute doch eine neue Regierung ihr Amt angetreten hat.

Von Harald Schultz

Die behelfsmäßigen Behausungen werden beleuchtet von grellen Straßenlaternen. Sie werden überragt von dem Gebäude der Arabischen Liga, von Wohnhäusern, einer Moschee und einem riesigen Büroklotz der Regierungsverwaltung, der fast so monumental wirkt wie Ceaucescus Palast in Bukarest.

Kleine Jungs, die längst ins Bett gehören, spielen Fangen. Straßenhändler bieten Erfrischungen an. Eine seltsame Stille liegt über dem abgesperrten Platz, der an diesem Donnerstagabend erholsam wirkt neben dem ungeheuren Autolärm, dem Hupen und Knattern des Verkehrs in dem Moloch Kairo. Die Revolution hält die Luft an.

Proteste ganz in der Nähe, in der Gasse vom Platz in Richtung Innenministerium, führten erst vor wenigen Tagen zum Tod von rund zwei Dutzend Menschen. Wieder stürzte ein Regierungschef. Ägyptens Devisenreserven schmelzen dahin. Kapital verlässt offenbar das Land. Auch viele Touristen fahren lieber woanders hin, zum Beispiel nach Griechenland. Daneben gehen die Menschen aber auch jeden Tag zur Arbeit. Die Proteste auf dem Tahrir-Platz sind eine Art Teilzeitarbeit, sagt ein junger Ägypter: Jeder geht mal hin.

Wohin geht die Reise?

Ägypten, das größte arabische Land mit 85 Millionen Einwohnern, lebt in einer Übergangszeit. Die verschmutzte Luft in Kairo riecht heute so schweflig wie einst in Ost-Berlin. Und auch politisch ist es ein bisschen wie in der DDR Ende Oktober 1989. Erich Honecker war damals gestürzt. Aber noch war die SED an der Macht. Wohin wird hier die Reise gehen?

Bei den Wahlen, die noch wochenlang dauern sollen, deutet sich an, dass die gemäßigten Islamisten der Muslimbruderschaft stärkste Kraft werden. Rund 40 Prozent der Stimmen bekommen sie vermutlich. Das deutet auf eine Regierung ähnlich wie in der Türkei hin. Aber die Salafisten, die weitere rund 20 Prozent erhalten haben können, sind deutlich schärfer: Die Rolle der Frauen könnte eingeschränkt werden. Wird sich die Revolution in ihr Gegenteil verkehren?

Der Umsturz hat sogar bei deutschen Unternehmern in Ägypten revolutionären Elan ausgelöst. Für die Behandlung verletzter Demonstranten spendeten Mitgliedsfirmen der deutschen Außenhandelskammer 120.000 Euro, erzählt stolz der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Hans Heinrich Driftmann, in seiner Rede zum 60-jährigen Jubiläum der Kammer in Kairo. Ganz so, als seien die Unternehmer die medizinische Abteilung der Roten Hilfe. Und Driftmann sagt, er wolle dem ägyptischen Volk im Namen der gesamten deutschen Wirtschaft seine "Ehrerbietung" ausdrücken.

Rösler will Manager ausbilden

Dem Volke Hilfe mitgebracht hat auch Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler. Er unterzeichnet im Handelsministerium in der Nähe des Tahrir-Platzes eine Absichtserklärung, wonach junge ägyptische Manager ab dem kommenden Jahr in Deutschland ausgebildet werden sollen. "Wenn die Revolution ein Erfolg werden soll, dann müssen wir die Hoffnungen der jungen Menschen auf Rechtssicherheit und Aufstiegschancen erfüllen", sagt er auf der Pressekonferenz.

Und bekommt prompt die Frage, wie ein so junger Mann wie er Wirtschaftsminister werden kann - Erstaunen in einem Land, in dem 60 Prozent der Menschen unter 30 sind, das aber von alten Männern regiert wird. "So wie die junge Generation in Ägypten den Wunsch hat zu gestalten, ist das auch in Deutschland der Fall", sagt er und lächelt. "Und wenn man etwas ändern will, ist es sinnvoll, in eine Partei einzutreten und dann Parteivorsitzender, Vizekanzler und Wirtschaftsminister zu werden."

Doch dann wird es schwieriger: Ob Deutschland Vorbehalte gegenüber einer islamistischen Regierung hätte, will ein Frager wissen. Rösler weicht zunächst aus. "Die Ägypter können stolz darauf sein, in einer schwierigen Situation die Freiheit selbst erkämpft zu haben." Um dann aber doch zu sagen: " Demokratie heißt, der Volk ist der Souverän. Man muss diese Entscheidung akzeptieren." Und später hinzuzufügen, er hoffe auf eine Regierung, "die die Menschenrechte achtet".

Eurokrise auch für Ägypter ein Thema

Doch schließlich holen Rösler auch in Ägypten noch die europäischen Probleme ein. "Deutschland hat es abgelehnt, Griechenland und Italien zu helfen. Wie kann es da Ägypten helfen?", will eine Fernsehjournalistin wissen. "Wir haben keine Hilfe abgelehnt, sondern Griechenland über 20 Milliarden Euro gewährt", sagt er. Europa werde alles tun, um seine gemeinsame Währung zu stabilisieren. "Die Chefin ist gerade jetzt dabei, die Maßnahmen auf dem Europäischen Rat zu verhandeln", sagt er und meint Merkels Ringen in Brüssel. "Und ich will hier als Vizekanzler mit dem gleichen Engagement die Menschen in Ägypten unterstützen."

Doch auch in Kairo ist Skepsis zu spüren: Ob es überhaupt möglich ist, aus der Eurokrise herauszukommen, wird Rösler gefragt. "Wir glauben fest daran. Wir wissen um die große Bedeutung. Wenn eine so große Währung wie der Euro zusammenbricht, wäre das ein Orkan im Vergleich zu dem Windhauch, den wir 2008/2009 erlebt haben", sagt Rösler. Fast scheint er zu befürchten, dass sich der revolutionäre "Wind des Wandels", den die Scorpions aus seiner Heimatstadt Hannover einst feierten, vom Tahrir-Platz erhebt und durch Westeuropa fegt.

(dapd )


 


 

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1 Kommentar

von Frank Steller
11.12.11 18:13 Uhr
so stimmt das nicht Herr Schultz

Ich war Mitglied der Unternehmerdelegation die mit Minister Rösler in Kairo war. Die Luft riecht nicht schweflig. Anstatt sich Gedanken um die Erziehung ägyptischer Kinder zu machen, hätte Herr den grossen Anklng darstellen sollen, den der Besuch gefunden hat. Dass deutsche Firmen für die medizinische Behandlung von verletzten Demonstranten spenden fand ich toll.

 

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