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62, rheumakrank, sucht...

Schlecker-Insolvenz zwingt Beschäftigte in Altersteilzeit zum Gang zur Arbeitsagentur

Die Knie von Frieda Müller haben irgendwann nicht mehr mitgemacht: Rheuma. So schlimm, dass die 62-Jährige inzwischen zwei künstliche Kniegelenke hat. Ihre Arbeit im Lager der Drogeriekette Schlecker am Unternehmenssitz in Ehingen erledigte sie 28 Jahre lang, zudem war sie freigestellter Betriebsrat. Doch auch aufgrund der Schmerzen reiften Pläne für den Ruhestand. Sie vereinbarte Altersteilzeit. Das funktionierte fünf Jahre lang, bis das Insolvenzverfahren bei Schlecker Ende März eröffnet wurde.

Von Matthias Jekosch

Jetzt muss Frieda Müller zur Bundesagentur für Arbeit. Sie gilt offiziell als arbeitslos. "Ich bin richtig wütend", sagt sie. Ähnlich ergeht es nach Schätzungen der Gewerkschaft Verdi mehr als 1.000 anderen Schlecker-Mitarbeitern.

"Bis zur Rente hätte ich noch elf Monate Ruhephase gehabt", berichtet Frieda Müller. Bislang erhielt sie inklusive Weihnachtsgeld und anderer Leistungen mehr als 1.200 Euro monatlich. Jetzt bekommt sie 841 Euro Arbeitslosengeld von der Arbeitsagentur. "Das ist schon enttäuschend, wenn man ein ganzes Leben lang geschafft hat und dann das eine Jahr bis zur Rente so überbrücken muss", sagt sie. Irgendwie werde sie das schaffen. Aber viele Leute gerieten dadurch in Existenznot.

Richtig wütend ist Frieda Müller auf ihren einstigen Arbeitgeber. "Man hat doch über Jahre gesehen, wie das den Bach runtergeht", sagt die 62-Jährige über die Drogeriekette. Sie spricht von "Größenwahn" bei den Schleckers.

Zu allem Überfluss muss sich Frieda Müller jetzt offiziell wieder auf Jobsuche machen. "Bei der Arbeitsagentur haben sie mir gesagt, dass ich regelmäßig kommen muss", sagt sie. Sie versteht die Welt nicht mehr. "Mein ganzes Leben war ich noch nicht arbeitslos." Warum für sie die gleichen Regeln gelten sollen wie für einen 25-Jährigen, ergebe keinen Sinn.

Der Gewerkschaft ver.di ist das Problem bekannt. Bei Schlecker habe es zum Zeitpunkt der Insolvenz über 1.000 Altersteilzeitbeschäftigte gegeben, sagt der Verdi-Verhandlungsführer bei Schlecker, Bernhard Franke. Für diejenigen, die sich noch in der Arbeitsphase befinden, sei das Problem geringer. Ihr Zeitguthaben werde wieder ausbezahlt. Die Altersteilzeit werde rückabgewickelt.

Gewerkschaft spricht von Lücke in Rechtslage

Problematischer sei es für diejenigen, die sich wie Frieda Müller in der Freistellungsphase befanden. Statt der im Tarifvertrag vereinbarten Aufstockung ihres Gehalts auf 82 Prozent der Bruttovergütung vor der Altersteilzeit erhielten sie nur noch die gesetzlichen Ansprüche von 50 Prozent. "Die Aufstockungsbeträge sind nicht insolvenzgesichert", sagt Franke. "Das ist eine echte Lücke in der Rechtslage."

Ein Sprecher des Verdi-Bundesvorstands spricht von einem "Webfehler" des Altersteilzeitgesetzes. Für die Betroffenen sei das persönlich sehr belastend. "Leute mit 60 Jahren plus müssen wieder zur Jobvermittlung zur Verfügung stehen mit absehbar schlechten Chancen", sagt er. Er sieht jedoch keinen politischen Willen, das zu ändern. Insgesamt seien bundesweit jährlich 2.000 bis 3.000 Menschen betroffen. Und das sei keine wahlrelevante Gruppe.

Frieda Müller hat Mitte Mai einen Termin bei der Agentur für Arbeit. Ihr Arzt hat sie allerdings bis Ende Mai krankgeschrieben . "Das nächste wird sein, dass die mich zu ihrem Arzt schicken", glaubt sie. Der muss prüfen, ob sie arbeitsfähig ist. Ihren Weg in die Rente hat sie sich ruhiger vorgestellt.

(dapd )


 


 

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