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Geiz ist Schweiz

Eidgenossen gehen wegen des starken Franken in Deutschland auf Schnäppchentour

Eigentlich ist Andrea Hug wegen einer bestimmten Handtasche in Konstanz. Der Artikel ist ihr in der Schweiz viel zu teuer und in Deutschland fast ein Drittel günstiger. Aber im Einkaufszentrum Lago in der Konstanzer Innenstadt findet die Studentin aus Zürich die Tasche nicht. Kein Problem, gespart wird trotzdem.

Von Matthias Jekosch

Andrea Hug hat zusammen mit ihrer Mutter den Einkaufswagen mit anderen Waren so voll gepackt, dass sie die Tüten stapeln müssen. Darin befinden sich vor allem Kosmetikprodukte und Waschmittel. "Wir sind extra hergekommen, weil es hier viel günstiger ist", sagt Andrea Hug.

Eine andere Kundin aus St. Gallen rechnet vor wie günstig. "Hypoallergene Anfangsnahrung" steht auf zahlreichen Packungen in ihren Einkaufstaschen, Essen für die sieben Monate alte Tochter. Umgerechnet habe sie pro Packung zwölf Schweizer Franken bezahlt. In der Heimat koste die Packung 29 Franken.

Möglich macht es der Kurs des Schweizer Franken. Für einen Euro mussten zeitweise weniger als 1,05 Franken bezahlt werden, vor gut einem Jahr waren es noch bis zu 1,40 Franken. Die Schweizerische Nationalbank sah sich mehrfach genötigt, mehr Geld in den Markt zu geben, um den Kurs nach unten zu korrigieren.

Verkäufer kommen nicht zum Auffüllen der Regale

Die Einzelhändler auf deutscher Seite klatschen in die Hände, denn sie machen Umsätze wie nie zuvor. "Wir sind in diesem Monat die beste Filiale", sagt eine Verkäufern der in Süddeutschland verbreiteten Bekleidungskette "Yeans Halle". Nicht einmal der Flagshipstore in der Stuttgarter Innenstadt könne bei den Umsätzen mithalten. "Wir kommen überhaupt nicht mehr zum Auffüllen der Regale", fügt die Verkäuferin hinzu.

Das Phänomen ist nicht nur auf Konstanz beschränkt, sondern greift auf alle grenznahen Orte über. Ein Sprecher der Supermarktkette Rewe sagt, der Einkaufstourismus der Schweizer habe zugenommen. Bevorzugt würden Molkereiprodukte und Fleisch. Inzwischen stamme ein Viertel der Kunden in den grenznahen Märkten aus der Schweiz. Der Geschäftsführer von dm-drogerie markt, Christian Harms, sagt, in jüngster Zeit kämen Schweizer Kunden vermehrt in die Filialen.

In einem Laden für Friseurbedarf im Lago zählt eine Verkäuferin die Euro-Scheine. Viele grüne Hunderter sind dabei. Die Geschäfte laufen offenbar gut. Die Reaktion ist aber anders als bei den Vorrednern "Es war schlimm, eine Katastrophe", beschreibt sie die vergangenen Wochen. Zu viel Arbeit, zu wenig Personal. "Das Wort 'Ausfuhrschein' kann ich nicht mehr hören", sagt sie.

Am Ausfuhrschein sind die Schweizer Kunden im Lago sofort zu erkennen. Den erhalten sie in den Läden, und mit ihm bekommen sie die Mehrwertsteuer zurück. Am Zoll müssen sie ihn abzeichnen lassen, der Betrag wird beim nächsten Einkauf verrechnet. Andrea Hugs Mutter hat sich von dem Geld bei diesem Einkauf einen Gürtel und einen Schal geholt.

Gähnende Leere in Kreuzlingen

Über solche Verkäufe wären die Läden in der Innenstadt von Kreuzlingen derzeit schon froh. In der Nachbarstadt von Konstanz auf Schweizer Seite sind die Geschäfte leer. Wo in der Woche im Lago schon am Mittag alle neun Parkebenen belegt sind, herrscht im Parkhaus des Einkaufscenters "karussell" gähnende Leere.

Die beiden Bedienungen im Café Ca'Puccini im Erdgeschoss des Centers haben einen guten Blick auf den Eingangsbereich. Die Tür öffnet sich beängstigend selten. Im Café sei die Arbeit bereits vor zwei Monaten reduziert worden. "Wer hier Geld verdient und drüben einkauft, gefährdet hier die Arbeitsplätze", schimpft eine der beiden.

Auch in der benachbarten Hauptstraße werden die Auswirkungen des Einkaufstourismus gefürchtet. "Wer kein finanzielles Polster hat, für den kann es bedrohlich werden", sagt Peter Trösch, Inhaber des gleichnamigen Geschäfts für Damenbekleidung. Die Umsätze seien um die Hälfte zurückgegangen.

Weil die Einnahmen ausbleiben, fehlt laut Trösch auch Geld bei den Bestellungen für die Kollektionen für das kommende Jahr. "Allgemein werden die Händler wahrscheinlich weniger Waren einkaufen."

Die Schweizerin Melanie Tölderer fände etwas mehr Nationalstolz beim Einkauf ihrer Landsleute angebracht. Sie selbst kauft zwar im Lago in Konstanz ein. "Aber nur das, was ich in der Schweiz nicht bekomme", versichert sie. "Ich bin der Meinung, man soll das Geld da lassen, wo man lebt." Dafür zahle sie gerne. Und die Mehrwertsteuer hole sie sich nie zurück.

(dapd )


 


 

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