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Stiftung Warentest

"Ihr könnt uns so viel abmahnen wie ihr wollt" - Zum Jahresende Wechsel an der Spitze

Stabwechsel bei der Stiftung Warentest: Nach 16 Jahren an der Spitze geht Werner Brinkmann Ende des Jahres in den Ruhestand. Neuer Vorstand wird Hubertus Primus, bisher Chefredakteur von "Test". Die Korrespondenten Felix Werdermann und Philipp Heinz haben mit den beiden über den Umgang mit Fehlern, den Clinch mit der Pharmabranche und sinkende Auflagen gesprochen.

Von Felix Werdermann und Philipp Heinz

Frage: Die Stiftung Warentest genießt bei den Verbrauchern hohes Vertrauen. Haben Sie denn schon mal falsch gelegen?

Brinkmann: Falsche Testergebnisse hatten wir bei einem Vergleich von Riesterrenten-Versicherungen. Wir haben nicht gemerkt, dass unsere Abfrage bei den Versicherern unpräzise formuliert war. Die Versicherungsunternehmen haben das dann unterschiedlich verstanden, so dass am Ende auch die Ergebnisse nicht gestimmt haben. Das hat aber unser Vertrauen nicht angekratzt.

Frage: Warum nicht?

Brinkmann: Wir haben sofort reagiert. Eine Pressemitteilung gemacht, die Informationen ins Internet gestellt...

Primus: ...und das Heft von den Kiosken zurückgeholt. Das war ein unheimlicher Aufwand

Brinkmann: und hat uns ziemliche Einnahmenverluste eingebracht.

Primus: Aber dafür gab es keine einzige Abo-Kündigung. Jeder macht Fehler. Wenn wir einen Fehler machen, stehen wir dazu und kommunizieren das in der Öffentlichkeit.

Frage: Zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 haben Sie die Sicherheit der Stadien getestet, unter anderem im Falle einer Massenpanik. Das hat für ein ziemlich großes Aufsehen gesorgt.

Brinkmann: Da haben wir aber keine Fehler gemacht. Es gab einige gute Bewertungen und nur vier problematische. In der Öffentlichkeit kam aber an, dass die Stiftung Warentest 'die zwölf Fußballstadien' kritisiert hätte. Aber vier Jahre später hatten die Fußballstadien in Südafrika dann das Fluchtkonzept, das wir immer gefordert haben. Mit einer Fluchtmöglichkeit auf das Spielfeld.

Primus: Im Berliner Olympiastadion war damals ein tiefer Graben zum Spielfeld, wo die Leute reingefallen wären. Nach unserer Kritik gab es bald elektronisch gesteuerte Brücken. Das heißt, wir wurden mit der Untersuchung niedergemacht, aber insgeheim wurden dann doch Konsequenzen gezogen.

Frage: Kommt das öfter vor, dass die Getesteten sich erst beschweren und dann doch etwas verändern?

Brinkmann: Das ist fast schon normal. Die Anbieter kritisieren uns und verbessern gleichzeitig das Produkt. Aber solange es dem Verbraucher nutzt

Frage: Werden Sie manchmal auch verklagt?

Brinkmann: Unsere Rechtsabteilung ist gut beschäftigt. Typischerweise beantragen Anbieter auf dem grauen Kapitalmarkt eine einstweilige Verfügung gegen eine kritische Veröffentlichung. Da sagen wir: Die Rendite ist völlig unrealistisch. Die sagen: Wir haben die Kosten falsch berechnet.

Frage: Wie gehen diese Fälle aus?

Brinkmann: Die typischen Prozesse gehen oft so aus: Wir gewinnen, bleiben aber auf unseren Kosten hängen. Am Anfang herrscht die große Klappe: Wir haben ein ganz tolles Produkt! Aber nach der Insolvenz reicht das Geld nicht mehr, um die Prozesskosten zu tragen.

Frage:  Herr Brinkmann, 1992 kamen Sie in den Vorstand, seit 1995 sind Sie Chef der Stiftung Warentest. Was war denn die wichtigste Entwicklung in Ihrer Amtszeit?

Brinkmann: Das spannendste Thema war für mich die erste Auflage unseres Handbuchs Medikamente. Da haben wir die verschreibungspflichtigen Medikamente in Deutschland vergleichend bewertet und das war eine große Auseinandersetzung mit der Branche. Es gab damals über 50 Abmahnungen.

Frage: Die Pharma-Hersteller haben ja gut finanzierte Rechtsabteilungen

Brinkmann: Das war eine Erfahrung, die uns geprägt hat. Wir haben gesagt, wir geben nicht nach und halten das aus. Wir hatten nach wenigen Wochen eine Auflage, die mit ganz kleinen Korrekturen neu erschienen ist. Wir haben der Branche gezeigt: Ihr könnt uns so viel abmahnen wie ihr wollt, wir bleiben bei unserer Darstellung, wenn wir davon überzeugt sind, dass sie richtig ist. Für die fünfte, sechste, siebte und achte Auflage haben wir auch nur einen Bruchteil der Abmahnungen bekommen, für die letzte noch keine Einzige.

Frage: Gibt es auch Probleme mit Anbietern, die Sie gut bewerten?

Primus: Nehmen wir die Matratzenhersteller. Da sieht man häufig das Stiftung-Warentest-Urteil "gut". Das basiert aber manchmal auf uralten Urteilen. Wir haben uns bemüht, Matratzen zu kaufen, um nachzuprüfen, ob die das überhaupt noch einhalten. Die sind dann plötzlich dünner geworden, bestehen aus anderen Materialien.

Frage: Das heißt, die Käufer müssen auf das Test-Datum achten.

Primus: Ja, aber nicht nur. Noch ein Beispiel: Wir haben Computer-Hotlines getestet. Die Firma Medion, die für Aldi auch PCs produziert, hat das Urteil "gut" bekommen. Dann wurde das Urteil in einer Anzeige direkt neben einen Laptop gestellt. Jeder flüchtige Leser sagt: Ach, das Gerät ist gut. Solche Tricks gibt's immer wieder. Aber da passen die Konkurrenten auf und mahnen sich untereinander ab.

Frage: So geschätzt und wirksam Ihre Arbeit auch ist - die verkaufte Auflage Ihrer Hefte sinkt seit Jahren.

Primus: Im Vergleich zu Mitbewerbern im Markt stehen wir noch glänzend da, aber trotzdem schmelzen da natürlich Einnahmeblöcke weg. Das müssen wir auffangen durch digitale Vermarktung.

Brinkmann: Es gibt schon die Idee, dass Leute durch den Laden gehen und sich direkt die Informationen zu dem Produkt über das Smartphone holen. Sobald das ein Geschäftsmodell wird, sind wir dabei.

Frage: Die Heftleser sind meist älter, die Jungen tummeln sich im Netz. Wie wollen Sie die erreichen?

Primus: Früher hat Papi das Testheft immer an die Kinder weitergegeben. Heute ist das nicht mehr so verbreitet. Deswegen ist die Stiftung Warentest auch bei Facebook und Twitter. Außerdem versuchen wir, für ein Internet-Abo zu werben. Abonnenten unserer Hefte können das gegen einen gewissen Aufpreis dazubuchen. Wer sowohl "Test" als auch "Finanztest" bezieht, darf sogar kostenlos bei uns im Netz surfen. Das tun inzwischen immerhin knapp 40.000 Menschen.

Frage: Nicht-Abonnenten können auch einzelne Artikel kaufen. Können Sie feststellen, dass viele auf die Seite gehen, aber den Artikel nicht anklicken, weil sie dann bezahlen müssen?

Primus: Natürlich muss man die Quote der Abbrecher im Blick haben. Abgesehen davon sind wir sehr erfolgreich. Jeden Monat werden zwischen 70.000 und 90.000 Artikel heruntergeladen. In Deutschland gibt's niemanden, der so erfolgreich ist mit entgeltlichen Informationen im Internet.

Frage: Herr Primus, was wollen Sie anders machen als Ihr Vorgänger?

Primus: Wenn ich anfange, dann bin ich erst der dritte Vorstand seit 1964. Daran sieht man, dass es hier eine hohe Kontinuität und Gelassenheit gibt.

Brinkmann: Das hat dem Haus gutgetan.

Primus: Gerade im Strategieprozess, den wir jetzt angestoßen haben. Wir haben jetzt keine Redaktionsteams mehr, sondern Thementeams, die dann für alle Verbreitungswege schreiben. Das haben wir alles gemeinsam eingeleitet. Hier gibt es einen zukunftsgewandten Übergang und keinen Bruch.

(dapd )


 


 

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