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Oldenburger Studentenproteste

Potenzial für "Stadt der Chancengleichheit"

Als sich am vergangenen Donnerstagnachmittag vor dem Oldenburger Hauptbahnhof ein Demonstrationszug von Studenten in Bewegung setzte, war in „Deutschlands Stadt der Wissenschaft“ etwas anders als bei ähnlichen Demonstrationen: Studenten mit Fahrrädern statt schwarzer Block am Kopf des Zuges, freundlichere Musik, Teilnehmer mit bunten Luftballons und – ganz nach Carl von Ossietzky, dem Namenspaten der Universität – hatten viele eine Friedenstaube am Revers.

Selbst die Milchbauern hatten eine kleine Delegation entsandt. Nur eins wird sich scheinbar nie ändern: die Lautsprecherdurchsagen.

Protest wird von der breiten Studentenschaft getragen

Es waren eine Reihe von kleinen Details, die aber in der Summe davon zeugten, dass der Protest der Studenten längst nicht mehr alleine von einzelnen Gruppen getragen wird, sondern von einer breiten Studentenschaft. Ähnlich verhält es sich derzeit von Flensburg bis München und von Frankfurt/Oder bis Aachen an Schulen und Universitäten. Auch aus dem niederländischen Groningen wurde jetzt eine Besetzung der dortigen Universität gemeldet.

Erstaunlich gute Abstimmung

Tatsächlich war der Demonstrationszug am Donnerstag gleichzeitig auch eine Art Jubiläum für die Oldenburger Studenten, denn genau eine Woche zuvor hatten sie sich erstmals zusammengefunden, um sich für bessere Studienbedingungen einzusetzen. Für sie, für andere, für alle. Und zwar abseits der studentischen Gremien von AStA und Co., die z.B. in Oldenburg ihrerseits selbst von der Resonanz überrascht wurden. Aber unheimlich erfolgreich. Sie sind erstaunlich gut organisiert diese Studenten.

Wie ist das zu erklären? Die Antwort ist simpel: Gar nicht, denn zahlreiche Studenten kannten sich vorher kaum. Tatsächlich fand im besetzten Hörsaalzentrum eine Vernetzung statt, die nicht nur ungeahnte Kreativität freigesetzt hat, wie man als Außenstehender an den unzähligen Transparenten in und außerhalb der Universität erkennen kann, sondern auch Manpower mobilisieren konnte, wie zuvor kaum ein anderer Protest.

Widerstand ist was sie verbindet...

Plötzlich hatte die ansonsten schweigende Masse Gesichter und Namen bekommen, offen wurde über Prüfungsdruck, Schikanen und Finanzierungsprobleme geredet. Selbst die Gewerkschaften, die ansonsten flugs mit ein paar Fahnen zur Stelle sind, wenn demonstriert wird, halten sich diesmal auffallend zurück. Hintergrund: sie haben keine Kontrolle über den Ablauf. Und sie haben ausgerechnet ihre Klientel, die Arbeiterkinder, im Stich gelassen, als es darum ging sozialverträgliche Standards an den Hochschulen durchzusetzen. Und letztere verbünden sich nun friedlich aber schlagkräftig mit anderen Studenten. Ideologisch gesehen gibt es keine Ideologie – außer natürlich des in Oldenburg frei nach Karl Jaspers abgewandelten Slogans „Widerstand ist was uns verbindet“.

Zunehmende Professionalisierung

Nach einem anfänglichen Nichts, begannen die Studenten zunächst damit, in ihrem Protest-Kosmos Aufgaben zu verteilen. Selbst eine Art Pressezentrum ist mittlerweile im besetzten Hörsaal A 14 vorhanden. Dort konnte man seit Beginn der Proteste eine zunehmende Professionalisierung der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beobachten. Mancher Student sah sich dort auch erstmals mit der Situation konfrontiert, neben der klassischen „Gegenseite“ Politik und Universitätsleitung auch um Sympathien in der eigenen Studentenschaft werben zu müssen. So mancher Konzernlenker wird aus leidiger Erfahrung wissen, was gemeint ist.

In Internet-Foren kursierten beispielsweise tagelang Anschuldigungen, dass man im besetzten Hörsaalzentrum Besäufnisse veranstalte und sonst nichts tue. Tatsächlich entwickelten die Studenten die ganze Zeit über Alternativen zur Bologna-Reform oder bereiteten Protestmaßnahmen vor. Beim Ausklingen am Abend standen dann tatsächlich zwei, drei Bierkästen bereit. Gegen Bezahlung. Bei einer Teilnehmerzahl von in Spitzenzeiten 400 Teilnehmern dürfte der Vorwurf allerdings schon alleine mit diesen Zahlen widerlegt worden sein. Wenn Protest durch den Magen geht, dann hat man in Oldenburg allerdings einen Preis verdient. Im besetzten Hörsaalzentrum wird seit Beginn der Proteste jeden Tag warmes Essen angeboten. Selbst die Versorgung der Teilnehmer bei der zuletzt stattfindenden Demonstration konnte man bewältigen. Aber gerade auch die funktionierenden Abläufe verschaffen den Protestierern immer wieder Sympathien. Geraucht wird vor der Tür. Trupps reinigen regelmäßig das Gebäude oder sammeln im Außenbereich Tassen und Getränkeflaschen ein.

Wie machen die das?

Und wie machen die das? Legitimation verschaffen sich die Besetzer mit einer ausgeprägten und deshalb zuweilen langatmigen Basisdemokratie. Eigentlich ein Wahnsinn und auch ein verbales Stahlgewitter. Wer trotz Letzterem jedoch den Konsens schafft, kann mit dem breiten Rückhalt in der Studentenschaft rechnen. Als auf einer Internetplattform zuletzt von BWL-Studenten angekündigt wurde, trotz Besetzung an Vorlesungen im Hörsaalzentrum teilnehmen zu wollen, da verständigten sich die Protestierer vor großer Runde auf eine einheitliche Linie.

Von dem Rinnsal an BWL-Studenten, welches dann tatsächlich erschien – nach Angaben von Augenzeugen 20-30 Personen – blieben am Ende nur noch eine Handvoll übrig. Und selbst diese Gruppe gab an, aus Sorge vor fehlenden Leistungsnachweisen erschienen zu sein. Ausgelegt war die Veranstaltung für 700 Studenten. Auf den Treppen zum Hörsaal veranstalteten derweil mehrere hundert Mitstudenten einen Sitzstreik. Ein Durchkommen fast unmöglich.

Mitwirkende machen den Protest anders

Letztlich muss man sich die Frage stellen, was diesen Protest anders macht als andere. Die Antwort ist simpel: Die Studenten selbst machen ihn anders. Für jeden Erfolg kassieren sie zum Teil sogar von unerwarteter Seite Lob und Unterstützung. Die Frage ist eben nicht nur, ob man demonstriert, sondern auch das „wie“. Bisher haben sich die Oldenburger Studenten dabei gut geschlagen. Wenn sie so weiter machen, könnten sie dem Wissenschaftsstandort Oldenburg im „Wettbewerb um die besten Köpfe“ womöglich noch den höchsten aller Titel bescheren: den als Deutschlands „Stadt der Chancengleichheit“. Das Potenzial dafür ist da. Die Wirtschaft sollte sinnvolle Anliegen der Studenten im eigenen Interesse unterstützen. Es sind die Arbeitnehmer von Morgen. Und von Übermorgen. Räume da wer will.

(Onur Yamac)


 


 

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