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TUI

Zusammenschluss mit Londoner Tochter nicht für immer vom Tisch

TUI steht für "Tränen unter Investoren" - mit diesem Witz machten sich viele Aktionäre des größten Reisekonzerns Europas seit Jahren auf den Hauptversammlungen über ihre Firma lustig.

Von Claus-Peter Tiemann

 In der Tat: Die letzte Dividende sahen TUI-Anleger 2007, magere 25 Cent. Der Kurs fiel seitdem von 20 auf zeitweise weniger als 5 Euro. Bei der Hauptversammlung am Mittwoch in Hannover soll ein neuer Chef die Wende einläuten.

Verantwortlich für den Niedergang ist der scheidende Konzernchef Michael Frenzel. 18 Jahre war er im Amt, mehr als jeder andere Vorstandsvorsitzender eines DAX-Konzerns. Kritik ließ er über alle Jahre abperlen: erst der Umbau, später Gewinne, so war seine Devise. Nun soll sein Nachfolger Friedrich Joussen es besser machen. Am Mittwoch übernimmt der frühere Chef von Vodafone Deutschland den Konzern aus Hannover.

Der NordLB-Analyst Jan Christian Göhmann forderte schon im Sommer letzten Jahres, der neue Chef müsse die "undurchdringlichen Strukturen" der TUI straffen. Er meinte damit die bürokratische Konstruktion des Konzerns, wie Frenzel ihn hinterlässt: Die Konzernzentrale mit ein paar Hundert Mitarbeitern sitzt in Hannover. Das Kerngeschäft - der europaweite Verkauf von Pauschalreisen - residiert als TUI Travel in London und gehört nur zu etwas mehr als der Hälfte zur TUI AG. Davon getrennt wiederum gibt es das Kreuzfahrtgeschäft in Hamburg und die Hotelbeteiligungen, die von der TUI AG verwaltet, aber größtenteils nicht operativ geführt werden.

Höhepunkt der Verschachtelung: Das Pauschalreisegeschäft für Deutschland und Mitteleuropa wird auch in Hannover gemanagt, untersteht aber der Londoner Zentrale und nicht der AG-Zentrale auf der anderen Straßenseite. Alles klar?

Joussen gilt als hervorragend vernetzt

Nach Presseberichten hat der Aufsichtsrat deshalb beschlossen, dass das Geschäft in Hannover gestärkt werden soll. Die TUI AG könnte etwa die ausstehenden Anteile der Londoner Tochter im Wert von über einer Milliarde Euro kaufen. Das Geld dafür könnte aus dem Verkauf der restlichen Anteile an der Containerreederei Hapag-Lloyd kommen.

Erst im Januar hatte TUI noch unter Frenzels Leitung eine Annäherung an die eigenständige TUI Travel versucht. Aber der Plan ging nach hinten los: Nach nur einer Woche wurde ein Zusammenschluss abgesagt. Hintergrund war, dass es bei der Einschätzung der Firmenwerte offenbar unterschiedliche Vorstellungen der TUI und der TUI Travel gab. Nach britischem Recht muss sich die TUI für einen weiteren Anlauf nun mindestens sechs Monate gedulden.

Joussen ließ sich davon nicht schocken: Ein Zusammengehen werde "so oder so irgendwann kommen", sagte er letzte Woche der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung". Er sei "wie ein Jäger - ich kann warten", sagte Joussen.

TUI-Aufsichtsratschef Klaus Mangold hatte schon 2012 in einem Interview Veränderungen am Geschäftsmodell angemahnt: "Die Aktionäre verstehen so ein Geschäftsmodell nicht", sagte Mangold damals. Die TUI-Aktie sei daher in den vergangenen Jahren abgestürzt, während sich die Aktie von TUI Travel viel besser entwickelt habe. "Das kann so nicht bleiben", sagte er.

Joussen ist gut vorbereitet, um diese Rolle zu übernehmen: Er kennt die Stimmung am Londoner Kapitalmarkt, denn als Chef der deutschen Tochter der britischen Vodafone war Joussen einer der wichtigsten Gewinnbringer für den Gesamtkonzern: Die Deutschen überwiesen Jahr für Jahr Milliarden nach London. "Mit Herrn Joussen gewinnt die TUI AG einen hoch angesehenen Manager mit internationaler Erfahrung, gerade in dem für die TUI so wichtigen angelsächsischen Umfeld", sagte Mangold.

Außerdem gilt Joussen als hervorragend vernetzt - kein Nachteil für grenzüberschreitende Übernahmen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) besuchte praktisch jedes Jahr den Vodafone-Stand auf der Cebit und plauderte mit dem 49-Jährigen.

Joussens technischer Hintergrund - er ist Ingenieur und begann seine Karriere als Programmierer - ist für Analyst Göhmann kein Problem für den Job als TUI-Chef. Er sagt über den Mobilfunkmanager: "Es ist wie der Tourismus eine Dienstleistungsbranche. In die touristischen Themen kann er sich einarbeiten." Der TUI-Kenner sieht sogar Vorteile, denn der technische Hintergrund werde Joussen helfen, "den Ausbau des teilweise unterentwickelten TUI-Internetgeschäftes voranzutreiben".

Joussen selbst hat sich in den letzten Monaten das TUI-Geschäft genau angesehen. Nun muss er entscheiden, ob der Riese wirklich eine eigene Fluggesellschaft braucht, ob 250 Hotels und 160.000 Hotelbetten nicht zu viel sind, was mit der ertragsschwachen Kreuzfahrtsparte passieren soll.

Die Investoren geben Joussen jedenfalls Kredit: Seit sein Wechsel zur TUI bekannt wurde, verdoppelte sich der Aktienkurs .

(dapd)


 


 

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