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Listerien in Lidl-Käse

Verbraucherschützer kritisieren Behörden wegen ausbleibender Verzehrwarnung

Schon viel früher als bisher berichtet, war offenbar den Behörden in Deutschland und Österreich bekannt, dass die Listeriose-Erkrankungen mit Todesfolge eindeutig auf Käseprodukte des österreichischen Herstellers Prolactal zurückzuführen waren, der in Deutschland bei Lidl vertrieben wurde. Das berichtet die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch. Inzwischen sind auch weitere Details zum Lebensmittel-Skandal bekannt geworden.

Nach einer Recherche der Verbraucherschützer lag der österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit AGES bereits am 20. Januar 2010 ein Bericht vor, der diesen Zusammenhang zweifelsfrei darstellen soll. Am 25. Januar informierte das Management des Herstellers Prolactal mit einem Schreiben seine Abnehmer.

Die deutschen Behörden hätten davon spätestens Anfang Februar Kenntnis erlangt. Das belegen Business-on.de vorliegende Unterlagen. Erst am 16. Februar jedoch gab Lidl eine öffentliche Verzehrwarnung heraus. Die deutschen Behörden ihrerseits gingen laut Foodwatch zu keinem Zeitpunkt mit einer Verzehrwarnung an die Öffentlichkeit. Auch Business-on.de liegen hierzu keinerlei Meldungen vor.

Hersteller gerät unter Druck

Währenddessen gerät der österreichische Hersteller Prolactal immer mehr unter Druck. In Medienberichten ist davon die Rede, dass die bakterielle Verunreinigung im Käse dem Herstellerunternehmen bereits seit geraumer Zeit bekannt gewesen sei und man unternehmensintern auch bereits Gegenmaßnahmen ergriffen habe. Jedoch erfolglos: auch eine mit immensem Aufwand durchgeführte Generalreinigung soll nicht zu Verbesserungen geführt haben. Die Mikroben blieben. Die Käseproduktion in Hartberg (Steiermark) ist inzwischen ausgesetzt worden. Für den Hersteller bedeutet das jeden Tag hohe Verluste.

Lidl fühlt sich zu Unrecht an den Pranger gestellt

Der in Deutschland betroffene Discounter Lidl fühlt sich zudem zu Unrecht an den Pranger gestellt. Zunächst hatte man die Ware einfach aus den Regalen geräumt und erst nach dem Bekanntwerden von Todesfällen öffentlich vor dem Verzehr gewarnt. Beim Unternehmen beruft man sich zudem darauf, dass andere Einzelhandelsunternehmen in Österreich bislang immer noch keine solche öffentliche Verzehrwarnung herausgegeben hätten. Tatsächlich findet sich ein solcher Hinweis inzwischen nur bei einem Unternehmen: am Freitag reihte sich der Discounter Hofer, der österreichische Ableger von Aldi, in die Reihe der betroffenen Unternehmen ein und warnte öffentlich.

Weitere Handelsunternehmen sind im Land betroffen, allerdings gibt der Hersteller Prolactal lediglich nach und nach die verschiedenen Markennamen heraus, unter denen die Produkte des Unternehmens an den Handel geliefert worden sind. Die Nennung von betroffenen Einzelhandelsunternehmen wird offenbar aus Imagegründen weitestegehend vermieden. 

Österreich: "Schwarzer Peter"-Spiel um die Schuld

Während sich die deutsche Debatte rund um die Todesfälle dreht, dreht sich die Diskussion in Österreich gleichzeitig auch darum dass das offensichtlich vollständig mit Rohstoffen aus anderen Ländern hergestellte Produkt, als heimisches Produkt Österreichs verkauft wird. Die zuständige Landwirtschaftskammer erklärte, dass die Produkte des Unternehmens frei von Milch aus der Region seien und wehrt sich gegen eine pauschale Vorverurteilung von Milch aus der Steiermark. Die Agrarmarketinggesellschaft Austria (AMA) nutzt zugleich die Gunst der Stunde und wirbt für das AMA-Gütesiegel, an dem heimische Produkte erkannt werden können. In Österreich schiebt man die Verantwortung für das Listerien-Problem zudem den deutschen Zulieferern zu. Nach Medienberichten wurde bei Prolactal billig Sauermilchquark (Topfen) für aus dem Ausland zugekauft.

Der für den Käse verwendete Quark stammt nach Informationen von Business-on.de von deutschen Zulieferunternehmen. Die hierfür eingesetzte Milch kam gleichzeitig aus den Niederlanden. Der Milchindustrie-Verband in Berlin bestreitet aber einen Zusammenhang mit dem deutschen Zulieferer und verweist auf Kontrollen der Lebensmittelbehörden, die nach dem Bekanntwerden des Vorfalls auch in deutschen Betrieben durchgeführt worden seien. Beanstandungen habe es hierbei nicht gegeben, sodass man bei der Milchindustrie den "Schwarzen Peter" zurück in die Steiermark schiebt. Gleichzeitig verweist man darauf, dass auch deutsche Käsereien mit dem selben Sauermilchquark beliefert worden seien. Dort habe es bei der Eingangsuntersuchung keine Listerien-Befunde gegeben. 

Foodwatch-Chef kritisiert Behörden

"Die Behörden haben die Informationsarbeit einem befangenen Unternehmen überlassen und ihre Fürsorgepflicht für die Gesundheit der Bürger in fahrlässiger Weise verletzt. Als die Käseprodukte eindeutig als Ursache für vier Todesfälle in Österreich feststanden, wäre eine unmissverständliche Verzehrwarnung die einzig richtige Maßnahme gewesen", kritisierte am Freitag Foodwatch-Geschäftsführer Thilo Bode. "Um ein solches Versagen bei der Informationspolitik in Zukunft zu verhindern, müssen die Behörden per Gesetz verpflichtet werden, die Öffentlichkeit unverzüglich über Sicherheitsrisiken zu informieren. Bisher gibt es dazu nur eine ,Soll'-Bestimmung."

(Onur Yamac)


 


 

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