Sie sind hier: Startseite Weser-Ems Finanzen
Weitere Artikel
  • 18.11.2011, 20:07 Uhr
  • |
  • Berlin/London/Frankfurt
  • |
  • 0 Kommentare
Zentralbank greift wieder ein

Schäuble will disziplinieren - Zentralbanker kritisieren Politiker

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat am Freitag wieder eingegriffen, um die Zinsen für italienische und spanische Staatsanleihen zu dämpfen. Diese waren wieder in gefährliche Nähe zur 7-Prozent-Marke geraten.

Joachim Sondermann und Roman Keßler

Die Zentralbank habe in geringem Umfang gekauft, sagte ein Londoner Händler. Die Bundesregierung setzt aber auf die abschreckende Wirkung hoher Renditen bei den Staatsanleihen. Führende Vertreter der EZB und der Bundesbank kritisierten gleichzeitig die Euro-Regierungen für ihre Zögerlichkeit.

Kurz vor der Parlamentswahl in Madrid erreichten die Zinsen für spanische Anleihen auf dem Zweitmarkt zunächst 6,9 Prozent. Italienische stiegen sogar auf 6,95 Prozent. Nach dem Eingriff der EZB sank die Rendite zehnjähriger italienischer Staatsanleihen auf 6,74 Prozent, die von spanischen Papieren sogar auf 6,41 Prozent.

Solange die Eurozone keine verbindliche Fiskalunion sei, bleibe der Druck der Finanzmärkte ein Mittel, um dauernde "falsche Entscheidungen" der Schuldenländer zu verhindern, sagte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) auf dem Europäischen Bankenkongress in Frankfurt am Main. Wenn die EZB die Renditen durch verstärkte Käufe künstlich drücke, stehe das internationale Vertrauen in den Euro als Währung auf dem Spiel.

Dagegen sagte der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer, im ZDF, die EZB solle dem Rettungsfonds EFSF helfen, Anleihen verschuldeter Euro-Länder zu kaufen: "Ich denke, dass letztendlich die EZB hinter dem EFSF stehen sollte." Das sei "die einzige Möglichkeit, um die Märkte nachhaltig zu beeindrucken".

Blessing warnt vor Kollaps

Commerzbank-Chef Martin Blessing warnte: "Der anhaltende Vertrauensverlust der privaten Investoren wird die Liquiditätsengpässe in den nächsten Monaten verstärken. Das Risiko eines Kollapses des Staatsanleihen-Marktes und damit des Euro wird damit deutlich ansteigen."

EZB-Präsident Mario Draghi kritisierte die EU-Spitzen. Der Euro-Rettungsschirm EFSF und Maßnahmen zu dessen Hebelung würden zwar seit eineinhalb Jahren vorbereitet, seien jedoch noch nicht einsatzbereit. "Wo bleibt die Umsetzung dieser langwierigen Entscheidungen", fragte Draghi. "Wir sollten nicht länger warten." Auch Bundesbankpräsident Jens Weidmann sagte: "Die notwendigen Maßnahmen sind offensichtlich und unbestritten. Es scheint nur an der Umsetzung zu hapern."

Debatte um den Hebel für den Rettungsschirm

Doch die großen Zweifel an der Stärke des Euro-Rettungsschirms EFSF sind laut EU-Diplomaten übertrieben. EFSF-Chef Klaus Regling hat seit dem Gipfelbeschluss Ende Oktober, den Fonds mit zwei Hebeln auszustatten, mit zahlreichen Investoren gesprochen. "Eine sehr große Mehrheit von ihnen halten eine oder beide Hebelmöglichkeiten für sinnvoll", sagte ein Gewährsmann der Nachrichtenagentur dapd. Besonders in Asien seien die Hebelmodelle positiv aufgenommen worden. Sollte nach den Turbulenzen in Athen und Rom das Vertrauen in die Eurozone wiederkehren, dann sei die angepeilte Feuerkraft des EFSF von bis zu einer Billion Euro "noch in Reichweite".

Offenbar Obergrenze für Anleihe -Käufe

 Die EZB hat der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (Freitagausgabe) zufolge eine Obergrenze für den wöchentlichen Kauf von Anleihen. Das Blatt berichtete, wachsende Skepsis im EZB-Rat gegenüber dem Anleihekaufprogramm habe dazu geführt, dass die Obergrenze auf rund 20 Milliarden Euro pro Woche gesenkt worden sei. Am Donnerstag sei über eine weitere Senkung beraten worden.

Während auf den Märkten viele Investoren die Hoffnung hegten, dass die EZB zum Gläubiger der letzten Instanz für die Euroländer werde und die Anleihekäufe drastisch ausweite, nehme im Rat der EZB der Widerstand gegen das Programm zu, schrieb die Zeitung.

Dilemma für die Banker

Wenn die EZB zu viele Staatsanleihen kaufe, fürchten Experten, wirke das letztlich wie Gelddrucken und führe zu starken Preissteigerungen. Weidmann sprach sich erneut gegen diese Strategie aus, die Zentralbanker "Monetarisierung von Staatsschulden" nennen. Sieben Prozent Zinsen gelten als langfristig nicht mehr finanzierbar. Irland und Portugal mussten bei dieser Marke die Zinsverbilligung durch den Rettungsschirm in Anspruch nehmen und gleichzeitig harte Sparprogramme fahren.

(Mit Material von Dow Jones Newswire)

(dapd )


 


 

EZB
Staatsanleihen
Euro-Rettungsschirm EFSF
Zentralbank
Rendite
Investoren
Hebel
Anleihen

Passende Artikel suchen

Finden Sie weitere Artikel zum Thema "EZB" - jetzt Suche starten:

Kommentar abgeben

Bei einer Antwort möchte ich per E-Mail benachrichtigt werden

 
 

 

Entdecken Sie business-on.de: