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Fortbildung

Studieren ohne Abitur oder Fachhochschulreife

Ab dem Wintersemester 2010/11 hat Nordrhein-Westfalen den Zugang zum Studium erheblich erweitert. Ein Meisterabschluss oder eine vergleichbare Qualifikation berechtigt ohne vorherige Prüfung zum direkten Zugang zu allen Studiengängen an sämtlichen Universitäten und Fachhochschulen in NRW.

Fachhochschule Südwestfalen

Lars Schmidt studiert in Iserlohn an der Fachhochschule Südwestfalen mit Erfolg Kunststofftechnik dank Öffnung des Studiums für Berufsqualifizierte

Eigentlich hat Lars Schmidt mit seinen 30 Jahren schon viel erreicht: Ein eigenes Haus, eine Familie mit zwei Kindern und Hund Sam und einen interessanten Job. Eigentlich, denn Lars Schmidt möchte Ingenieur, konkret Ingenieur im Bereich Kunststofftechnik werden. Deshalb studiert er parallel zu seiner Berufstätigkeit noch Kunststofftechnik an der Fachhochschule Südwestfalen in Iserlohn. Bis vor einem Jahr wäre dies nicht so ohne weiteres möglich gewesen, denn ein Abitur oder einen Fachhochschulabschluss besitzt er nicht. Diese Abschlüsse braucht er für das Studium auch nicht mehr, denn seit neuestem ist es auch Berufsqualifizierten möglich, ein Studium aufzunehmen.

Lars Schmidt ist das beste Beispiel dafür, dass es auch ohne Abitur geht. Er hat nach seinem Realschulabschluss eine Ausbildung zum Verfahrensmechaniker für Kunststoff/Kautschuk absolviert. 2008 kommt der Meisterabschluss hinzu. Bereits damals überlegt er zu studieren, denn auch ein Meisterabschluss berechtigt zum Studium. Aber, die Studienplätze für Meister und Techniker sind begrenzt. Für Lars Schmidt reicht es nicht zum Studienplatz. 2010 noch einmal ein Versuch. Diesmal mit Erfolg, mit abgeschlossener Berufsausbildung, mehrjähriger Berufstätigkeit und Meisterabschluss kann er, dank neuer Richtlinien, direkt ins Studium der Kunststofftechnik starten. Er entscheidet sich für das berufs- und ausbildungsbegleitende Verbundstudium „Da stand auch schon fest, dass ein neuer Studienort Lüdenscheid eingerichtet wird. Da wir im Verbundstudium samstags in die Hochschule müssen und ich in Kierspe wohne, habe ich kurze Wege“, berichtet Schmidt.

Was Lars Schmidt antreibt? „Ich habe eine Leidenschaft für Kunststoff. Für mich ist der Werkstoff einfach faszinierend und mit dem Studium erfahre ich mehr darüber“. Wichtig ist ihm auch die allgemeine „Horizonterweiterung“, die ein Studium mit sich bringt. Und: „Führungsarbeit macht mir Spaß. Für später wünsche ich mit eine Tätigkeit in leitender Funktion in einem Kunststoffbetrieb“. 

Das Verbundstudium passt zu seinen persönlichen Lebensumständen. „Ein Vollzeitstudium wäre nicht machbar gewesen, da ich Familie habe und auf ein Einkommen angewiesen bin“. Als Schichtleiter ist für Lars Schmidt aber auch das Verbundstudium nicht leicht zu managen. Schließlich werden auch an Samstagen, den Hochschultagen, Schichten gefahren. Lars Schmidt hat Glück: Sein Stellvertreter übernimmt dann seine Schichten. Die Tage, an denen er frei hat, nutzt er, um den Studienstoff aufzuarbeiten. „Das klappt besser als wenn ich mich jeden Tag nach der Arbeit an die Bücher setzen müsste“. Im Studium engagiert sich Lars Schmidt auch als studentischer Vertreter im Fachausschuss. Da stellt sich zwangsläufig die Frage, wie das alles zu schaffen ist. Wieder fällt das Stichwort „Leidenschaft“. „Klar ist es nicht immer einfach Beruf und Studium unter einen Hut zu bringen, aber ich mache es gerne, weil mich das Thema interessiert und mir im Studium die Kunststoffwelt erklärt wird. Für mich ist das Studium eine Art Hobby. Dazu kommt, dass das Studium in Iserlohn sehr persönlich ist. Wir arbeiten in Kleingruppen und können auch unsere individuellen Fragen einbringen“.

Für Lars Schmidt ist die neue Regelung, auch ohne Abitur zu studieren, optimal: „Ich finde es gut, dass die Studieneingangsvoraussetzungen gelockert wurden. Davon profitieren Leute wie ich, die sich erst später für ein Studium entscheiden“. Dass es auch Schwierigkeiten gibt, verhehlt er nicht: „Aufgrund meiner schulischen Qualifikation fehlen mir manche Kenntnisse in der Mathematik. Da haben es Leute mit Abitur schon leichter. „Aber mit Fleiß kann man es nachholen“, ist seine Devise. Und wer Lars Schmidt kennt, glaubt es ihm sofort.

Hintergrund: Leichter vom Beruf in Studium

Ab dem Wintersemester 2010/11 hat Nordrhein-Westfalen den Zugang zum Studium erheblich erweitert. Ein Meisterabschluss oder eine vergleichbare Qualifikation berechtigt ohne vorherige Prüfung zum direkten Zugang zu allen Studiengängen an sämtlichen Universitäten und Fachhochschulen in NRW. Aber auch ohne Meisterbrief steht der Weg an die Hochschule offen. Erforderlich sind eine mindestens zweijährige, erfolgreich abgeschlossene, Ausbildung und eine mindestens dreijährige Tätigkeit im erlernten Beruf. Damit können Studiengänge gewählt werden, die fachlich zur Ausbildung und Berufspraxis passen. Besteht Interesse an einem Studiengang, der nicht dem bisherigen Berufsweg entspricht, so ist entweder ein mindestens zwei, höchsten viersemestriges Probestudium in dem gewünschten Studienfach oder eine Zugangsprüfung abzulegen.

Bei zulassungsbeschränkten Studiengängen (NC) werden eine bestimmte Anzahl von Studienplätzen für Meister und Berufserfahrene, die ein fachverwandtes Studium beginnen möchten, von den Hochschulen vorgehalten. Andere beruflich Qualifizierte müssen bei NC-Studiengängen grundsätzlich eine Zugangsprüfung ablegen. Ein Probestudium ist nicht möglich. Für die Fächer Medizin, Zahnmedizin und Pharmazie gelten Sonderregelungen.

Zum neuen Wintersemester haben 209 Studierende der Fachhochschule Südwestfalen den Einstieg ins Studium über die Berufsqualifizierung gewählt.

 

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