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Schäuble ein Nazi – und ich ein Rassist?

Die Beleidigungen von Bundesfinanzminister Schäuble und Bundeskanzlerin Merkel durch Nazi-Karikaturen in Griechenland erinnern unseren Kolumnisten an einen viele Jahre zurückliegenden Streit mit einem Wohnungsnachbarn. Das griechische Ehepaar bezeichnete ihn als „Rassisten“, weil er nicht sich weigerte, abends nicht mehr durch die eigene Wohnung zu gehen.

Die Beleidigungen von Bundesfinanzminister Schäuble und Bundeskanzlerin Merkel durch Nazi-Karikaturen in Griechenland erinnern unseren Kolumnisten an einen viele Jahre zurückliegenden Streit mit einem Wohnungsnachbarn. Das griechische Ehepaar bezeichnete ihn als "Rassisten", weil er nicht sich weigerte, abends nicht mehr durch die eigene Wohnung zu gehen.

In den vergangenen Wochen, als die Wogen zwischen Griechenland und dem Rest der Euro-Länder hoch schlugen, wurde ich öfter an mein Verhältnis zu früheren Nachbarn, einer griechischen Familie, erinnert.

In Griechenland wurde Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble – wie auch Bundeskanzlerin Angela Merkel – wegen ihrer harten Haltung in der Griechenland-Frage in die Nazi-Ecke gerückt und Merkel mit Hakenkreuz und Schäuble mit Hitler-Bärtchen in Medien wie auch auf Plakaten oder Flugblättern verunglimpft.

Offensichtlich haben manche Griechen ein ganz besonderes Temperament, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlen oder aber ihre Positionen in einer Diskussion mit Nachdruck gegenüber Deutschen vertreten wollen.

Ähnliches wie Schäuble und Merkel auf europäischer Ebene habe ich in meiner Nachbarschaft erlebt.

Vor Jahren wohnte ich mit meiner Lebensgefährtin in einem alten Jugendstilhaus. Wir lebten in der Dachgeschoss-Wohnung als unter uns eine griechische Familie einzog.

Schon kurz danach forderte das Ehepaar, dass wir uns abends nicht mehr in unserer Wohnung bewegen sollten. Der Grund: Die Frau gehe früh zu Bett und könne nicht schlafen, weil sie Schritte aus unserer Wohnung vernehmen würde. Sie brauche aber den Schlaf, weil sie morgens um fünf Uhr aufstehen müsse, um ihren Kiosk zu öffnen.

Holzdielen sind schön, leiten aber auch den Schall

Altbauwohnungen mit 100 Jahren und mehr im Gebälk zeichnen sich meist dadurch aus, dass sie hellhörig und oft mit Holzdecken versehen sind. Unser Wohnungsboden bestand aus aufgearbeiteten Holzdielen. Das sah sehr schön aus, hatte aber den Nachteil, dass man in der Tat in der Wohnung unter uns die Schritte der Bewohner vernehmen konnte.

Aus diesem Grund hatten meine Lebensgefährtin und ich uns ohnehin angewöhnt, zu Hause nur Hausschuhe zu tragen. Allerdings kam es immer wieder einmal vor, dass meine Freundin bei ihrer Heimkehr etwa von einer Party oder einem Theaterbesuch mit ihren hochhackigen Schuhe doch noch mal einige Schritte durch die Wohnung machte.

Etliche Male führte das dazu, dass die Griechen dann nachts vor unserer Wohnungstür standen, sich lautstark beschwerten und uns aufforderten, endlich mit dem Gehen durch die Wohnung aufzuhören. Von deren Vormietern hatte es nie eine Beschwerde gegeben. Trotzdem äußerte ich damals mein Bedauern für die Situation, sah aber auch keine Alternative zu unserem Verhalten.

Wir wollten uns nur in der eigenen Wohnung bewegen – und wurden zu Rassisten erklärt

Ich versuchte den neuen Nachbarn zu erklären, dass man von uns nicht verlangen könne unsere Bewegung in der eigenen Wohnung noch weiter einzuschränken. Wir schlichen ja schon die meiste Zeit auf leisen Pantoffel-Sohlen durch unsere Wohnung, aber sie müssten auch damit leben, dass wir oder auch Gäste gelegentlich mit Straßenschuhen durch die Wohnung gingen. Dass die Griechin meist schon um 22 oder 23 Uhr zu Bett ging, um morgens ausgeschlafen ihren Kiosk öffnen zu können, sei nicht unser Problem.

Im Verlauf unseres letzten Gesprächs beschimpften uns unseren Nachbarn schließlich als Rassisten und warfen uns vor, wir würden uns ja nur so verhalten, weil sie Ausländer seien und sich nicht wehren könnten.

Das war für mich dann das Ende aller Verhandlungen mit den Nachbarn. Bald darauf sind wir umgezogen, weil wir eine andere, bessere Wohnung fanden. Den nachbarschaftlichen Streit und die Beleidigungen hatte ich vergessen – bis heute.

Glücklicherweise nehmen gestandene Politiker wie Wolfgang Schäuble oder Angela Merkel solcherart verleumderische Beleidigungen und unsachliche Unterstellungen nicht so persönlich wie ich. Sonst herrschte heute Funkstille im Euro-Land, wo der ehemalige, griechische Finanzminister Varoufakis das Vorgehen der Gläubigerländer sogar als „Terrorismus“ bezeichnete.

Ich frage mich allerdings, woran es liegen könnte, dass man Schäuble und Merkel als Nazi und mich als Rassisten beschimpft. Vielleicht sollten wir nicht immer nur nach der eigenen historischen Schuld aus den Zeiten des so genannten 1000-jährigen Reichs fragen? Vielmehr sollten wir öfter auch einmal das Ausland daran erinnern, endlich die alten Vorurteile gegenüber den Deutschen zu begraben. Nicht nur Menschen in Deutschland, sondern offensichtlich auch etliche Menschen im Ausland benötigen eine Aufarbeitung der Vergangenheit und eine Neuausrichtung bei der Betrachtung des modernen Deutschland und der Menschen, die hier leben.

Weder Merkel, noch Schäuble, noch ich haben in uns ein Nazi- oder Rassisten-Gen.

Bis nächsten Freitag. Auf einen Cappuccino…
                                    Ihr Peter Jamin

Unser Autor ist Schriftsteller, Journalist und als Berater für Kommunikation seit Jahrzehnten immer wieder auch für ausgewählte Projekte von Unternehmen und Werbe- und PR-Agenturen tätig. Sein soziales Engagement gilt der Situation von Angehörigen vermisster Menschen, auf deren Situation der Publizist in Büchern, TV-Dokumentationen und Artikeln seit mehr 20 Jahren immer wieder aufmerksam macht.

 

Peter Jamin

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