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R wie „Respektrente“

Respekt, verehrte Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS), dass „Respektrente“ zum Wort des Jahres 2019 gekürt wurde.

Bernd Kasper / pixelio.de

Respekt kommt vom lateinischen Verb „respicere“. Aus dem wörtlichen „zurücksehen“ wurde im übertragenden Sinn die Rücksicht.

Zwangsläufig schaut man am Ende eines Arbeitslebens zurück und viele wundern sich, dass so wenig für den Lebensabend übrig bleibt. Das hat auch damit zu tun, dass aufgrund der steigenden Lebenserwartung aus dem wohlverdienten Lebensabend ein kostenintensiver Lebensnachmittag geworden ist.

Die Wortneuschöpfung „Lebensnachmittag“ werfe ich hiermit offiziell in den Ring der Wörter, die den Nerv des Jahres 2020 treffen könnten, um die rein rententechnisch gesehen zu lange währende Zeitspanne zwischen Renteneintritt und Ableben poetischer auszudrücken.

Wir fordern immer dann eine Rück-sicht, wenn etwas nicht so rund läuft. Warum der Blick zurück? Weil früher alles besser war.

Respektlos bis hin zur Gewalttätigkeit

Die Polizei Dortmund drehte ein Video, um ihren Einsatzkräften mehr Respekt zu verschaffen. Feuerwehrleute aus Bayern starteten eine Kampagne „Respekt, Ja bitte!“, um Gewalt gegen Rettungskräfte zu verhindern. Auch Verarztende (genderkorrekte Form für Ärztinnen und Ärzte) und Pflegepersonal möchten nicht von ihren Patienten und deren Angehörigen angegriffen werden bei der Ausübung ihrer Tätigkeit, auch sie fordern mehr Respekt.

Vor dem Alter hat ohnehin schon lange niemand mehr so richtig Respekt. Das könnte sich mit der Entscheidung der GfdS-Jury womöglich ändern. Politisch handelt es sich aber wohl eher um ein Verbal-Sedativ, eine Wortneuschöpfung des Bundesarbeitsministers Hubertus Heil, empfohlen von Ärzten und Apothekern für die Generation der Babyboomer.

In der Jury hätte ich für „Schaulästige“ votiert, weil es als Neologismus kreativer ist. Leider schafften es die „Schaulästigen“ nur auf Platz 4. Das Wort „Rollerchaos“ hat zwar viel mit meinem Umfeld zu tun, aber auf Platz 2 hätte ich es dennoch nicht gesetzt.

Einverstanden bin ich damit, dass die „Oligarchennichte“ auf Platz 9 des Rankings landete. Wir sollten dieses Kompositum ruhig den Österreichern und ihrer Sprachpflege überlassen.

V wie Verschissmus

Sprache ist aufregend und schön. Sie wandelt sich stets und neue Wörter verändern die Wahrnehmung der Welt. Das kann allerdings auch nach hinten losgehen, wie im Fall des Kranzes, mit dem die SPD Mülheim am Volkstrauertag der Opfer von Krieg und Faschismus gedenken wollte. Durch menschliches Versagen stand auf der Trauerschleife zu lesen: Den Opfern von Krieg und Verschissmus. Wobei ich das Wort an sich gar nicht einmal so übel finde. Es drückt womöglich die Angst dessen aus, der diesen Auftrag entgegengenommen hat, verschissen zu haben, wenn er einen Fehler macht. Wir sollten uns der Opferperspektive des Kranzproduzenten nicht völlig verschließen.

Geholfen hätte u. U. das Buchstabier-Alphabet, das aber gerade in Verruf geraten ist, weil wir immer noch A wie Anton, D wie Dora und N wie Nordpol sagen wie anno 1934. V wie Viktor klingt am Telefon phonetisch anders als F wie Friedrich, vorausgesetzt der Telefonierende am Ende der Leitung weiß, wie man Viktor und Friedrich schreibt. Vielleicht sind es aber auch einfach die falschen Vornamen.

Schlüge ich an dieser Stelle vor, A wie Ahmed zu buchstabieren, hätte ich echt Angst vor Verschissmus.

 

Susan Tuchel

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