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Glossen & Co.

Ratschläge sind auch Schläge

Wenn es kalt wird, erinnern uns Experten daran, Handschuhe und Schal anzuziehen, die Winterreifen aufzuziehen und uns gegen Influenza impfen zu lassen

Stephanie Hofschläger / pixelio.de

„Wo nicht Rat ist / Da gehet das Volck unter / Wo aber viel Ratgeber sind da gehet es wol zu“ – so steht es in der Lutherbibel von 1545 (Sprüche Salomo 11,14).

Hat die biblische Einschätzung Recht, leben wir fürwahr in einem Goldenen Zeitalter. Ratgeber für alle Lebens- und Gefühlslagen überschwemmen seit den 80-er Jahren den Buchmarkt. Im digitalen Zeitalter sagen uns Blogs, Videos und Apps, wo es lang geht, wie wir schön, fit, schlank, schlau und erfolgreich werden können.

Den Norwegern sagt eine App sogar schon Bescheid, wenn eine Alkoholpause fällig ist. Mit Angaben zum Körpergewicht rechnet das Programm nach jedem Getränk die Promillezahl aus und gibt an, was man noch trinken darf.

Mich bringt die Ratgeber- und Appflut zunehmend in die Bredouille:

  • Soll ich morgens als erstes eine heiße Tasse Wasser trinken, um meinen Stoffwechsel anzukurbeln, oder mich mit zwanzigminütigem Ölziehen entgiften?
  • Soll ich den Sonnengruß machen oder autogenes Training – beides mit dem heimlichen Hintergedanken, dass sich dies vielleicht positiv auf meinen Tinnitus auswirken könnte?

Den trage ich schon seit Monaten im linken Ohr mit mir herum. So richtig unangenehm wurde das leise Rauschen aber erst, nachdem ein HNO-Arzt mir erklärte, dass alle Ratschläge, die ich im Netz dazu finden würde von über heiße Kohlen Laufen bis zu Kopfstand, nicht helfen würden.

Mir fehlt eine App, die mir rät, welche Ratgeber für mich die richtigen sind. Dieser App müsste ich natürlich alles anvertrauen: Mein Zeitmanagement, meine Lebensgewohnheiten, meine Schwächen, meinen Gesundheitszustand, mein soziales Umfeld, meine Vorlieben, meine Hobbys, meinen inneren Schweinehund. An diesen Daten hätten dann ganz sicher viele Unternehmen größtes Interesse.

So kann aus etwas ganz Schönem auf einmal etwas ganz Schlechtes werden – wie bei den Leihfahrrädern, mit denen Firmen nach den chinesischen, nun auch deutsche Großstädte regelrecht überschwemmen. Nicht um das Klima zu schonen, sondern um an sensible Daten der Radbenutzer zu kommen.

Weg mit den Pedaleuren

Also dann weg mit den Rädern und den Radfahrern, vor allem in den Städten? Dann hätte dieses elende Gerangel mit den Fahrradwegen auch ein Ende.

Düsseldorfs IHK-Präsident Andreas Schmitz sieht Radfahrer ohnehin kritisch, weil sie nur 50 Euro bei einem Einkauf in der Stadt lassen, Autofahrer hingegen 140 Euro. Woher er diese Daten hat, wüsste ich nur zu gerne. Denn ich werde mit schöner Regelmäßigkeit nach einer Payback-Karte gefragt, gelegentlich auch nach meiner Postleitzahl, aber noch nie hat mich jemand gefragt, ob ich mit dem Fahrrad, zu Fuß oder mit dem Auto unterwegs bin.

Oder hat mein Handy mich bereits verraten?

 

Susan Tuchel

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